Warum die Feinde der Freiheit links sitzen

Quelle: Screenshot von http://queerzinefestberlin.net
Quelle: Screenshot von http://queerzinefestberlin.net

Die politische Linke sieht in sich seit jeher die Vorkämpferin für Freiheit und Individualismus, den Sturmtrupp, welcher den überholten und falschen Moralismus des dekadenten Bürgertums einreisst. Im Grunde ist dieses Selbstbild sogar korrekt, man kann sich natürlich darüber streiten, ob der extreme Freiheitsbegriff, also die totale Abwesenheit jeglicher Regeln, wie ihn die Linke propagiert, erstrebenswert oder auch nur praktikabel ist. Die Annahme, dass im Allgemeinen links mit mehr Freiheit gleichzusetzen ist, ist aber allgemein gültig oder war es zumindest einmal. Mit dem Aufkommen des Postmodernismus im Denken der radikalen Linken hat sich dies jedoch geändert. Seitdem predigen die Verteidiger der Freiheit einen Moralismus, in Anbetracht dessen selbst ein Priester des Mittelalters vor Neid erblassen würde.
Als Fallbeispiel möchten wir hier das Queer Zinefest in Berlin heranziehen. Um einen Einblick zu erhalten, was für ein Schlag von Mensch sich auf dieser Veranstaltung herumtreibt, hier zwei Auszüge aus den Informationstexten zweier der dort vertretenen Gruppen:

„Growing distro is a berlin based distro that sells work by feminists, queers, witches, and weirdos.“
Frei übersetzt ins Deutsche:

„Growing distro ist ein in Berlin ansässiger Händler, welcher Werke von Feministen, Queers, Hexen (!) und Verrückten verkauft.“

Ein weiterer Austeller beschreibt sich wie folgt:

„Lex is an autistic queer transgender artist and writer who […]“

Wieder frei übersetzt:

„Lex ist ein autistischer queerer transsexueller Künstler und Autor…“

Damit sollte klar sein, dass es sich bei dieser Veranstaltung nicht um ein Treffen von Stalinisten, welchen manche nachsagen, heimliche Faschisten zu sein, handelt, sondern um eine denkbar linksalternative Versammlung.
Wer sich jedoch die Einlasskriterien zu Gemüte führt, bemerkt etwas, was so gar nicht zu den dort versammelten Freigeistern zu passen scheint. Dort steht:

„Schwarze Menschen und People of Color erfahren Rassismus/Diskriminierung was unter anderem über ‚Kulturelle Aneignung‘ ausgedrückt wird.
Daher möchten wir Freund*innen – , Interessierte-, und andere Schwarze und of Color-Teilnehmende am Queer Zinefest unterstüzten [sic] und keine Dreadlocks und Plugs von weißen Besucher*innen auf unserem Fest haben.“

Das postmoderne Konzept der „Kulturelle Aneignung“ ist in der BRD unter nicht Linken nicht sonderlich weit verbreitet. Daher hier eine kurze Erklärung. „Kulturelle Aneignung“ beschreibt das zur Schau stellen und Verwenden von kulturell bedeutsamen Gegenständen einer Volksgruppe durch Menschen, die dieser Volksgruppe nicht angehören. In den USA treibt dieses Konzept unter dem Namen „Cultural appropriation“ schon länger sein Unwesen.
Ein Beispiel für eine solche Aneignung wäre, wenn ein Deutscher den traditionellen Kopfschmuck der amerikanischen Indianer oder ein Kufiya (Palästinensertuch) tragen würde, nicht jedoch, wenn ein Afrikaner in Lederhosen auf dem Oktoberfest auftaucht.

Ähnlich wie bei anderen Konzepten der modernen Linken, handelt es sich hierbei nicht um ein universalistisches Konzept, welches in beide Richtungen funktioniert. In der Gedankenwelt der Postmoderne ist beispielsweise Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe/Herkunft allein noch kein Rassismus. Aus Diskriminierung wird erst Rassismus, wenn die Diskriminierung von einer privilegierten Person gegenüber einer marginalisierten vorgenommen wird. Kurzum Rassismus ist Diskriminierung in Verbindung mit Macht. Dem kollektivistischen Denken der Linken zufolge liegt die Macht allein in den Händen von heterosexuellen weißen Männern, während alle anderen mal mehr, mal weniger von diesen unterdrückt werden. Demzufolge ist Rassismus gegen Weiße per Definition unmöglich, genauso wie Sexismus gegen Männer. Auch bei der Kulturellen Aneignung verhält sich es ähnlich. Diese Machtzuschreibung erfolgt dabei auf einer kollektivistischen Ebene, d. h. die persönlichen Umstände des Individuums spielen keine Rolle. So wird selbst einem weißen Obdachlosen, welcher einen schwarzen Millionär diskriminierend beleidigt, diese Macht zugesprochen, weil er, in den Worten der Postmoderne, aufgrund seines Geschlechtes und seiner Herkunft Teil der heteronormativen weißen Elite ist.
Diese verdrehte Definition von Rassismus ist der Grund, warum die Veranstalter des Zinefest eine so offensichtlich diskriminierende Einlasspolitik betreiben können und dabei von selbsternannten Antirassisten unterstützt werden.

In Zusammenhang mit der erwähnten Einlassregelung nennen die Veranstalter die Gruppe „White Guilt Clean Up“ (Weiße Schuld Bereinigung), mit welcher sie sich getroffen haben, um sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen. Die Gruppe an sich ist dabei nicht wirklich von Interesse, sie unterscheidet sich kaum von den zahllosen anti-rassistischen Gruppierungen in der BRD. Was an ihr von Interesse ist, ist ihr Name. „White Guilt“ bezeichnet die kollektive Schuld aller Weißen gegenüber Schwarzen, Indianern, etc. Dieses Konzept bedarf keiner Erklärung, immerhin pflegen wir in der BRD nun seit über 70 Jahren einen solchen Schuldkult. Der einzige Unterschied ist hierbei, dass die Idee der kollektiven weißen Schuld noch allgemeiner gefasst ist, als die angebliche Schuld der Deutschen.

Wenn man die Frage einer solchen Kollektivschuld betrachtet, stellt sich natürlich die Frage, wie Linke auf der einen Seite von weißer Schuld sprechen können, auf der anderen Seite aber eine Kollektivschuld oder auch nur Misstrauen gegenüber Muslimen, aufgrund deren überproportional hohen Beteiligung an terroristischen Anschlägen im Westen, ablehnen. Die Frage, wie Linke diesen intellektuellen Spagat vollbringen, können wir an dieser Stelle leider nicht klären, es ist jedoch anzunehmen, dass eine ähnlich weltfremde Begründung, wie die, die wir beim Thema Rassismus angesprochen haben, dieses Konstrukt vom Kollabieren abhält. Nichtsdestotrotz kann man sagen, dass die politische Linke zwar den Individualismus propagiert, jedoch in kollektivistischen Konzepten denkt, zumindest dann, wenn es ihrer Ideologie nützt.
Diese kollektivistischen Konzepte der Unterdrücker und Unterdrückten treiben insbesondere in den USA teils abstruse Blüten. So fordern dort Antirassisten sogenannte „Safe Spaces“ für Schwarze, aber auch andere Minderheiten. Dabei handelt es sich im Normalfall um „intellektuelle Schutzgebiete“, d. h. ein Umfeld in dem bestimmte Ideen nicht in Frage gestellt werden dürfen. Unter dem Begriff kann jedoch auch ein tatsächliches Schutzgebiet oder ein Rückzugsort verstanden werden, zu dem nur Menschen Zutritt haben, für die dieser „Safe Space“ geschaffen wurde. In der Praxis bedeute dies oft, dass zu Veranstaltungen, welche zu einem „Safe Space“ für beispielsweise Schwarze erklärt wurde, Weiße oder Asiaten keinen Zutritt haben beziehungsweise dort nicht gern gesehen werden. Wir sehen hier also Antirassisten, welche sich, wenn auch aus anderen Gründen, für Apartheid einsetzen.

Wie solche „Safe Spaces“ oder auch das Konzept der Kulturellen Aneignung in der linken Utopie der multikulturellen Gesellschaft funktionieren sollen, ist fraglich. Im Grunde sind diese beiden Konzepte unvereinbar. Das Ideal der Multikultur ist untrennbar mit der Idee des Austausches der Kulturen verbunden, ein solcher Austausch wird aber von den Befürwortern des kulturellen Protektionismus, um nichts anderes handelt es sich bei der Kulturellen Aneignung, abgelehnt. Am Ende würde somit die Multikultur sich wieder durch die Abschottung der einzelnen Kulturen in ihre anfänglichen Bestandteile aufteilen.

Von diesen ideologischen Inkonsistenzen und Widersprüchen einmal abgesehen, zeigt sich am Beispiel der Kulturellen Aneignung der Moralismus, welcher von der postmodernen Linken gepredigt wird. Ein Moralismus der keine Grenzen kennt. Sei es nun die Kleidung, die jemand trägt oder die Frisur, nichts ist so unwichtig, als dass die moderne Linke es nicht maßregeln müsste.

In besonders absurder Form zeigt sich dieser Moralismus in den sogenannten „Microaggressions“, zu Deutsch Mikroaggression. Dabei handelt es sich um die verbale, oft unbewusste, Diskriminierung einer Person durch eine andere. Beispiele hierfür gibt es wie Sand am Meer und umfassen solch triviale Dinge, wie in Berlin einen Araber zu fragen, wo er her komme oder ihm ein Kompliment über seine exzellenten Deutschkenntnisse zu machen. Die Diskriminierung liegt hierbei in der Annahme, dass eine Person mit arabischem Aussehen nicht in Deutschland geboren sein könnte.

Man muss sich wirklich fragen, in was für einer Welt Menschen leben, in der die unbedachten und vielleicht sogar gut gemeinten Kommentare eines Fremden zu einem Problem, ja zu einer Aggression, werden. Von den Problemen des Arbeiters, welcher Tag für Tag schuftet und am Ende des Monats trotzdem nichts mehr in der Tasche hat, scheint man in dieser Welt jedenfalls nichts zu wissen oder nichts davon wissen zu wollen.

Klar ist jedoch, dass dies nichts mit Freiheit zu tun hat. Die politische Linke mag sich im Kampf gegen die teils erzkonservative und spießbürgerliche Politik der Nachkriegszeit den Ruf der Freigeistigkeit errungen haben. Dass sie während dieses Kampfes auch Dinge aus der Welt geräumt hat, denen man selbst im nationalen Lager nicht nachweinen wird, wollen wir hier nicht unterschlagen. In dem Maß, indem die Linke jedoch Macht und Einfluss erlangte, wurde klar, dass nicht die Freiheit des Individuums ihr Ziel war, sondern die Etablierung ihrer eigenen totalitären Ideologie.