Ernst Moritz Arndt – Philosoph, Religionsstifter, Freiheitskämpfer

„Deutsche Art hat es wohl immer gegeben…“[1]

Diese Erkenntnis trieb den Dichter, Schriftsteller, Universitätsprofessoren und Publizisten Ernst Moritz Arndt an, sein irdisches Wirken ganz eben dieser Art, seiner Art, zu widmen. E. M. Arndt – ein Künder deutscher Seele.

Am 26. Dezember 1769 wird Arndt in Groß Schoritz auf der Insel Rügen geboren und kommt als Sohn Ludwig Nikolaus und Friederike Wilhelmine (geb. Schumacher) Arndts zur Welt. Insgesamt entspringen dieser Ehe acht Kinder. Der Vater, ursprünglich Sohn eines Hirten, diente vor Arndts Geburt als Leibeigener des Grafen Malte Friedrich zu Putbus, dem damaligen Hofgerichts- und Regierungspräsidenten in Schwedisch-Pommern. Sein Fleiß und seine Schaffenskraft ermöglichen es dem Vater jedoch, sich einige Monate vor der Geburt des Sohnes freizukaufen und als Inspektor auf dem Gut des Grafen zu arbeiten. Das erdverwachsene Wesen des Vaters und die für diese Zeit in ihrem Stand unüblich gebildete Mutter prägen Arndts ausgeglichene Jugendzeit und bereiten ihm den Weg zu einem geistlichen Beruf, durch welchen er später bis heute hin Bekanntheit erfährt. Vom Vater erlernt er den Wirklichkeitssinn und die Vertrautheit mit Erde, Baum und Tier. Die Mutter verschönert und ordnet die Welt um ihn. Über sie schreibt er später: „Solche Wesen mit solcher Daseinsfülle werden selten geboren. Ich denke immer an einen ewigen Frühling, wenn ich an sie denke.“ Durch diese Erziehung spürt Arndt selbst, dass Klima und Landschaft sich dem Menschen einprägen. Diese Form des Erlebens wird ihn sein gesamtes Leben begleiten.

Zeitlich fällt seine Geburt in die Jahre nach dem Siebenjährigen Krieg. Europa erholt sich zu diesem Zeitpunkt wieder und die Menschen kehren in ihre gewohnten Bahnen zurück. Gleichzeitig brechen, wenn auch nur sehr langsam, durch den wachsenden Wohlstand und die erwachenden geistigen Regungen in Deutschland, die eine freiere Entfaltung zulassen, die alten Standesüberlieferungen auf. Der Ausbruch der französischen Revolution trifft Arndt erst als Zwanzigjährigen. Von ihren geistigen Grundsätzen ist er nicht überzeugt, doch die Kraft der geeinten Masse begeistert ihn nachhaltig.

Die Gestaltung der Kinderjahre ist im Hause Arndt streng an den Jahreslauf gebunden. Im Herbst und Winter widmen sich die Eltern vor allem der geistigen Schule der Kinder. Der Vater lehrt Rechnen und Schreiben und die Mutter das Lesen. Insbesondere mütterlicherseits wird Arndt frühzeitig christlich geprägt, was sich im weiteren Verlauf seines Lebens noch ändern wird. In den ersten Jahren stellen die Bibel und das evangelische Gesangsbuch den Mittelpunkt der Schule dar. Doch auch Märchen und Erzählungen werden hinzugezogen. Im Frühling und Sommer verlagert sich die Schule ins Feld, den Wald oder die Wiesen. Insbesondere zur Erntezeit werden die Kinder, darunter auch Ernst Moritz, voll eingespannt. Mit einer überaus guten Vorbildung, ebenfalls in Begleitung durch Hauslehrer, besucht er ab 1787 das Gymnasium im Stralsunder Katharinenkloster. Hier legt er den Grundstein für die geistige Auseinandersetzung mit der Antike, welche er in seinen späteren Studienjahren in Greifswald und Jena verdichtet und sich so der deutschen Bildungswelt immer mehr annähert. Die Universität besucht er zunächst, um Theologie zu studieren. Anschließend soll er in den Pfarrberuf eintreten. Währenddessen beginnt er jedoch sich mehr mit den alten Sprachen, Naturwissenschaften und der Geschichte zu beschäftigen, zumal ihm die Universität nicht mehr als Fachwissen und Verstandesschulung vermitteln kann und sogleich Parallelen zur heutigen Zeit erkennen lässt. In dieser auch sehr einsamen Phase seines Lebens drängt Arndt immer weiter in den Bildungskreis des Sturm und Drangs, Herders und allen voran Goethes. Auf dessen Spuren begibt er sich im Jahre 1798 auf eine Goethische Bildungsreise durch Bayern, Österreich, Ungarn, Italien und Frankreich. Insbesondere in Norditalien vernimmt er ein gesteigertes Erlebnis der Antike. Auf seinem Rückweg über Frankreich, Belgien und das Rheinland begegnet er erstmalig der Französischen Revolution und erlebt zugleich die Stärke des Gefühls heimischen Volkstums. Gleich einer Vorahnung erwandert Arndt sich die Wahrnehmung des Wirklichen. Endgültig beschließt er dem Pfarrberuf zu entsagen und heiratet nach seiner Rückkehr die Greifswalder Professorentochter Charlotte Quistorp, welche jedoch kurze Zeit später bei der Geburt eines Sohnes verstirbt. Arndt hat sich nach schweren inneren Kämpfen und seiner grüblerischen Reise-„Er-fahrung“ längst von einem studierten Christen zu einem leugnenden „Heiden“ entwickelt. Dazu schreibt er: „Arme Erde, bist du denn nicht mehr zu fassen, oder verstehen auch die Guten und Weisen die Kunst nicht mehr, sich mit dir zu vereinigen? Ich denke, ein gewisses Heidentum hätte nie zerstört werden sollen, und jeder Mensch, der es mit seinem Geschlechte gut meint, sollte dahin arbeiten, es wieder lebendig zu machen. Unter diesem Heidentum verstehe ich die göttliche Gesamtheit des Menschen und der Welt.“[2] Hier wird deutlich, dass es Arndt nicht darum geht, eine vermeintlich „germanische Götterwelt“ zu beschwören, sondern die vorherrschende Zerrissenheit von Geist und Natur zu überwinden. Die rationale Intellektualisierung soll einer ganzheitlichen Ausrichtung weichen. Arndt setzt sich somit im Gegensatz zu den heute noch vorherrschenden Ideologen für eine weltanschauliche Lebensart ein. Diese Haltung zum Leben lässt ihm gar keine andere Wahl, als dem Pfarrberuf zu entsagen. Sein seherischer Blick lässt ihn erahnen, dass Deutschland nur durch eine Rückkehr zu den Kräften der Erde und des Leibes und einer damit verbundenen Umwertung der Kulturwerte geholfen werden kann. Nichtsdestotrotz ist auch Arndt nicht immun gegenüber den Wirren der Zeit. Seine Liebe zu Schweden lässt ihn in den Jahren 1803-1806 sogar fasst endgültig sein Vaterland verlassen. Auf einer Schwedenreise in den Jahren 1803/1804 lernt er das Land und seine Landschaften lieben. Die Einwohner bezeichnet er anerkennend als „Autochtone“. Doch gerade diese inneren Kämpfe sind es, die ihn das deutsche Wesen so innig erfassen lassen. Ein schlagender Beweis für die Stärke der deutschen Volksseele.

Seit 1800 als Dozent für Geschichte an der Universität Greifswald beschäftigt, wird er 1806 dort außerordentlicher Professor. Da Napoleons Truppen jedoch in diesem Jahr Pommern besetzen, geht Arndt nach Schweden zurück, wo er bis 1809 bleibt. Insbesondere die Veröffentlichung seines 1806 erschienen Werkes „Geist der Zeit“ drängt ihn dazu. In diesem Werk, von dem bis 1818 vier Teile erscheinen, setzt sich Arndt für die Einigung des in viele Kleinstaaten zerrissenen Vaterlandes ein. Seine Aufforderung zum geistigen und politischen Kampf gegen Napoleon lässt ihn in den Fokus der Besatzer rücken. Dass Arndt den Völkern etwas vollkommen einzigartiges zuspricht und aus dieser Erkenntnis seine Forderungen formuliert, zeigt die folgende Aussage: „Es gibt einen göttlichen Strom des Lebens und der Liebe, der als der innigste und heiligste durch ein ganzes Volk fließet und alles, was das Volk empfindet, denket, bildet und schaffet, begeisternd und beseelend durchdringt und von inner her als Feuerseele des Ganzen zuweilen herausschlägt. Wenn es gelingt, diesen Strom abzuleiten oder auszutrocknen, so ist es auch gelungen, die Kraft des Volkes zu zerbrechen oder zu entmannen.“[3] Darin liegt seine wahre Größe: E.M. Arndt begreift das Volk als eine organisch gewachsene Lebens- und Schicksalsgemeinschaft, zu deren Erhalt er bereit ist, alles zu tun. Sein im ursprünglichen Sinne „bodenständiges“ Wesen ist ihm dazu der innere Kompass. Diese Haltung kennzeichnet ihn insbesondere in der gesamten geistigen Schicht Deutschlands als wahrhaft revolutionär.

1809 verzichtet Arndt nach seiner Rückkehr aus Schweden auf die Fortsetzung seines Universitätsberufes. Innerlich spürt er, dass er sich vom „einfachen“ Volk durch seine geistige Arbeit entfernt hat. Er stellt fest: „Damit etwas Volkliches, Allgemeines, Menschliches um einen werde, ist es notwendig, „Leben und Erde“ aufs Neue zu fassen, sich in den Volksverband zurückzugliedern, kurz, wieder ein Stück gemeinsames Volk zu werden.“[4] Um sich nun gänzlich in den Dienst seines Volkes zu stellen und die Besatzer aus dem Land zu vertreiben, reist er unter dem Decknamen eines Sprachmeisters Altmann nach Berlin. Sein Ziel: Kontakte zu Männern zu knüpfen, die eine preußische Volkserhebung vorbereiten. Im Zuge dessen lernt er unter anderem Gneisenau und Scharnhorst kennen. 1812 fordert ihn der Reichsfreiherr von Stein auf, ins russische St. Petersburg zu kommen. Es gelingt und so partizipiert Arndt zukünftig an dessen Seite an der Verfassung aufrührerischer Flugblätter. Im Jahre 1813 erscheint die Schrift „Der Rhein, Deutschlands Strom aber nicht Deutschlands Grenze“. Für Arndt ist der Kampf gegen die Besatzer ein Kampf für die deutsche Einheit. Nachdem auch die Verbündeten in den Krieg gegen Napoleon eintreten, sind es nicht mehr Schriften gegen die Besatzer, sondern auf die Errichtung eines Volksstaates gerichtete Veröffentlichungen, die in den Vordergrund rücken. Dieses vollkommen revolutionäre, im direkten Widerspruch zum Ansinnen der deutschen Fürsten stehende Denken bereitete Arndt bereits kurz nach der Vertreibung Napoleons Schwierigkeiten. Über den Wiener Kongress und die einsetzende Reaktion ist Arndt zutiefst enttäuscht. Er sieht das Opfer vieltausend Gefallener von den Fürsten und Führern verraten. Die größte Tragik ist, dass Arndt selbst nicht zum alles überragenden Volksführer taugt und diesen auch nicht in seinem Umkreis findet. So ist niemand in der Lage, die Egoismen der Herrschenden aufzuhalten und die Standesschranken zu überwinden.

1817 heiratet Arndt die Halbschwester des Theologen Schleiermacher, Nana Schleiermacher. 1818 wird er als Professor für Geschichte an die Universität Bonn berufen. Hier möchte er still für sein Volk wirken. Doch 1821 greift die Reaktion auch nach Arndt. Wegen angeblich revolutionärer Gesinnung wird er des Amtes enthoben. Jahre der Schikane folgen. Erst 1840, mit Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV., kehrt Arndt in das öffentliche Leben zurück. Wie einst setzt er sich ungebrochen für die deutsche Sache ein, fordert die Befreiung Schleswig-Holsteins von Dänemark und gilt so als Vorbereiter der Einigungskriege, welche im Jahre 1871 das zweite Deutsche Reich gebären.

Am 20. Januar 1860 stirbt E.M. Arndt im Alter von 90 Jahren. Auf dem Alten Friedhof zu Bonn wird er begraben. Heute noch tragen viele deutsche Schulen und Straßen seinen Namen. Die Universität in Greifswald wurde, zum Ärger der antideutschen Akteure, bislang ebenfalls nicht umbenannt und heißt forthin Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Bei Bergen auf der heimischen Insel Rügen ist heute der Ernst-Moritz-Arndt-Turm als Gedenkstätte und Aussichtsturm zu besichtigen. Wenige Kilometer weiter findet sich in Garz, nahe zu Arndts Geburtsort, das Ernst-Moritz-Arndt-Museum, welches ebenfalls einen Besuch wert ist.

Ernst Moritz Arndt bleibt ein Prophet seiner Zeit. Seine Vision eines geeinten Deutschlands, eines Reiches, geht über die des nach ihm errichteten Kaiserreiches hinaus. Sein Staat gründet sich auf den ewigen Elementen des Volkstums und überwindet die alten Konfessionen, Stände und Klassen. Sein Wesen steht leuchtend und mahnend über der jetzigen Zeit. Sein Schicksal vereinigt sämtliche Tragik in sich. E.M. Arndt war ein wahrhafter Künder der deutschen Seele. Unter dem Titel „Eines neuen Heils warten wir“ schreibt er noch: „Auf, deutsche Menschen, auf, deutsches Volk, einst so ehrwürdiges, tapferes und gepriesenes Volk, auf! Fühlet die große, zu lange vergessene Brüderschaft, fühlet die heiligen und unzerreißlichen Bande desselben Blutes, derselben Sprache, derselben Sitten und Weisen, welche die Fremden haben zerreißen wollen; (…) Deutsche seid, eins seid, wollet eins sein durch Liebe und Treue, und kein Teufel wird euch besiegen.“ Welch Anruf an unsere Zeit!

Literaturverzeichnis

[1]E.M. Arndt: „Geist der Zeit“, 4. Teil, Leipzig o.Jg., 5. Kapitel, Seite 148.
[2]E. M. Arndt: „Die Ewigkeit des Volkes“, Deutsche Reihe, Bd. 4, Jena 1934, Seite 11
[3]E. M. Arndt: „Die Ewigkeit des Volkes“, Deutsche Reihe, Bd. 4, Jena 1934, Seite 18
[4]E.M. Arndt: „Volk und Staat“, Hrsg. Paul Requardt, Kröners Taschenausgabe, Bd. 117, Seite 13

 

Quelle: www.gegenstrom.org