Gedenktag: Johann Wolfgang von Goethe

Nur als den größten Dichter der Deutschen zu kennzeichnen, würde nur ein Teil seines Wesens treffen. Eben das bewusste Herausarbeiten seiner Persönlichkeit durch sich selbst bis zur höchsten Blüte und Ausgestaltung aller ihrer weiten und tiefen Anlagen, das ist es, was ihn so groß, so unvergesslich, so beispielhaft macht. Einmal wurde hier ein zwar gesegnetes, aber doch dämonisches Leben mit intensivstem Willen und klar geschautem Ziel zum makellosen Kunstwerk geformt und mit sich und der Welt in jene dominierende Harmonie gebracht, die in ihrer Vollendung erst das Höchste gewährleistet. Daß das Schicksal gütig vorgesorgt hatte, dem wohlhabenden Patriziersohn aus der Unabhängigkeit der mainfränkischen Reichsstadt in die Welt sandte, ihm Schönheit und gewinnendes Wesen mitgab, ihm einen fürstlichen Freund und hohe Stellung finden ließ, all das waren Hilfen, die aber auch kraftvoll benutzt und ausgestaltet werden mußten. Gerade die Fülle seiner Anlagen zu olympischem Maß zu meistern, war die Riesentat dieses Genius. Denn Goethe ist nicht nur groß als Schöpfer seiner Dichtung, durch die er den Deutschen recht eigentlich erst die Welt der inneren Empfindungen eröffnete, indem er ihr Sprache verlieh. Immer staunender erkennen wir die zukunftsschwangere Schau auf zahllosen anderen Gebieten, zumal der Erkenntnis der Natur in allen ihren Formen, dazu seine staatsmännische und soziale Tätigkeit, die weckte, bildete und lebendig machte, wo er nur anpackte. Goethe war ein intuitiver Forscher mit der Begabung zur großen Synthese. So tief er ins Innere des Herzens und Menschenlebens sah, so scharf und durchdringend betrachtete er die äußere Welt und ihre Gestaltung. So war und wurde er das Leben selbst in der höchsten Potenz seiner und dadurch zum wirksamsten Gegner für seine Zeit und eine nicht abzusehende Nachwelt.
Johann Wolfgang Goethe wurde am 28. August 1749 in Frankfurt am Main geboren.