Wenn die Schultern von Riesen als Sprungbrett dienen…

„Alleen
Alleen
Alleen und Blumen
Blumen
Blumen und Frauen
Alleen
Alleen und Frauen
Alleen und Blumen und Frauen und
ein Bewunderer“

– Eugen Gomringer, Avenidas

Ein Mann, der auf die Straßen schaut und Blumen und Frauen bewundert. Dieses Gedicht reproduziert nicht nur eine klassische patriarchale Kunsttradition, in der Frauen* ausschließlich die schönen Musen sind, die männliche Künstler zu kreativen Taten inspirieren, es erinnert zudem unangenehm an sexuelle Belästigung, der Frauen* alltäglich ausgesetzt sind.

Wer hofft, daß das Sternchen hinter den beiden Wörtern Frau der Wegweiser zu einer Fußnote ist, geht fehl. Es ist der Ausdruck einer weiteren auf „Gender Mainstreaming“ basierenden Dummheit, die was auch immer unter dem Begriff Frau miteinschließen soll. Stets darum wetteifernd, ob man sich nun zuerst geistig oder physisch kastrieren solle, bläst der „Allgemeine Studentenausschuß“ (kurz: AStA) der Alice Salomon Hochschule Berlin zum Angriff wider das Patriarchat. Das Ziel ist oben niedergeschriebenes Gedicht, welches im spanischen Original an der Schulwand prangt. Der Verfasser, Eugen Gomringer, erhielt 2011 den Poetik-Preis der Schule. Als überzeugter Patriarch mit starkem Revierverhalten markierte er sein neu gewonnenes Gebiet sogleich mit seinem Gedicht, welches seitdem die jungen Damen mit seiner phallischen Ausstrahlunskraft heimsucht. Wissend, daß der Sexismus aus jenen Zeilen nur so trieft und jedem potentiellen Triebtäter die nötige Courage zur Tat gibt, opfern die Damen und „Herren“ (wenn es so etwas wie Männer überhaupt im AstA gibt – die Netzseite weist jedenfalls einen verdächtigen Mangel an Männlichkeit auf) ihre kostbare Zeit, in welcher sie Gender Mainstreaming und Social Studies studieren könnten. Doch um das weibliche Wohl besorgt, zeigt sich jene Heldenmannschaft bereit, bis ans Äußerste zu gehen – wobei man sich vorerst mit einem offenen Brief zufrieden gab, in welchem man mit der Entfernung des Gedichts liebäugelte. Man fragt sich, von wem dieser Moltkesche Meisterstreich ausgearbeitet wurde. War es das Antidiskriminierungsreferat der Schule? Oder doch das AntiRaFa-Referat, das Antirassismus- und Antifaschismus-Referat? Oder war es etwa doch gar das Queer-Referat, dessen strategischer Feinsinn bekanntlich selbst einem Rommel würdig ist?

Wie auch immer die Geschichte ausgehen mag, man kann nur hoffen, daß der werte AStA das Konzept der Riesenschultern verstanden hat. Wir stehen auf den Schultern von Riesen. Demnach müßen wir diese Schultern pflegen, die Balance halten und aufwärts bauen. Die Taten und vor allem Leistungen der Vergangenheit sind unser Fundament, auf dem wir stehen. Nun ist das betroffene Gedicht nicht besonders alt und demnach nicht Teil des Fundaments unserer Kultur. Doch Leute, die heute in unserer Gesellschaft Gedichte vernichten laßen, haben den Drang, je älter das Schriftstück, desto infernalischer ihre Zerstörungswut walten zu lassen. Doch ein Sprung von den Schultern endet nicht im Himmel, sondern tief unten.