Rechter Progressivismus – Teil 2

Es stellt sich also die Frage, ob wir, wie der Traditionalismus meint, in einer Welt leben, in der es keine signifikanten Veränderungen gibt oder ob der Progressivismus recht hat und in der Tat eine Weiterentwickelung stattfindet. Wie so oft liegt die Antwort in der Mitte zwischen beiden Extremen.

Was den Menschen angeht, kann man sagen, dass sich dieser für die Zeitspannen, die uns interessieren, nicht weiterentwickelt. Seine Instinkte, Triebe und Bedürfnisse sind im Grunde immer noch die Gleichen, wie vor 3000 Jahren. Traditionen, die sich aus der menschlichen Natur ergeben, können daher auch noch heute als anwendbar betrachtet werden.
Ebenfalls unverändert ist die Natur der Existenz. Das Leben ist noch immer dominiert vom Kampf um Ressourcen und Lebensraum. Der Liberalismus mag dies zwar leugnen, und er war sehr erfolgreich darin, diese Unwahrheit in den Köpfen unseres Volkes zu verankern, doch die Überfremdung der BRD wird mit diesem Missverständnis aufräumen, und zwar so gründlich, dass man sich noch lange an diese Lehre erinnern wird.
Was sich jedoch verändert hat, ist die Umwelt, in der der Mensch lebt. Das gesellschaftliche Miteinander, die Institutionen und das Leben an sich im digitalisierten Europa sind so unendlich weit von dem entfernt, was in der Vergangenheit galt, dass wir uns dies kaum vorstellen können. Die Veränderungen sind so drastisch, dass wir ihnen immer noch hinterher hinken und nicht in der Lage waren, uns ihnen anzupassen oder über sie uns zu reflektieren.

In diesem Zusammenhang wollen wir auf eine Bemerkung Arnold Gehlens in „Die Seele im technischen Zeitalter“ eingehen. Es sei erwähnt, dass es sich bei Gehlen um keinen Philosophen linker Schule handelt und er stattdessen im konservativ-rechten Lager zu verordnen ist. Nach 1933 war Gehlen sogar Mitglied der NSDAP, wobei fraglich ist, ob hier nicht mehr Opportunismus als Idealismus am Werke war. Wie dem auch sei, Gehlen geht davon aus, dass es in der Geschichte der Menschheit bisher zwei große Zäsuren gab. Die Erste war der Wandel von der nomadischen Jäger- und Sammler-Gesellschaft zur sesshaften Agrargesellschaft. Die Zweite der Wandel von der Agrargesellschaft in die Industriegesellschaft unserer Zeit. Gehlen, der dies 1957 schrieb, behauptete, dass dieser Wandel noch immer im Gange sei und wir noch nicht vollends in der Industriegesell-schaft angekommen sind. Bedenkt man die allgemeine Stoßrichtung der Industrialisierung, das Ersetzen der menschlichen Arbeitskraft durch Maschinen, erscheint diese Überlegung in Anbetracht der Digitalisierung als weit vorausschauend.

Arnold Gehlen (Bildquelle: Sdmata / wikipedia.org)

Gehlen ist der Meinung dass das, was wir heute als die Dekadenz und den Verfall der Moderne ansehen, in Wirklichkeit die Folgen dieses Wandels sind. Dass wir immer noch den Regeln einer Gesellschaftsform folgen, die eigentlich schon aufgehört hat zu existieren. Das Resultat ist, dass die Verhaltensweisen, die einmal angemessen waren, in der neuen Umgebung nun völlig andere Resultate liefern, welche nicht immer wünschenswert sind. Auf einer höheren Ebene, dem Politischen, manifestiert sich dies darin, dass man versucht, das sich neu bildende System auf die gleiche Weise wie das alte zu regulieren. Das naheliegende Beispiel ist der Umgang mit der Digitalisierung.

Die Antwort von Traditionalisten auf die Dekadenz der Moderne ist der Versuch die Zeit zurückzudrehen, ein Versuch, der zwangsläufig scheitern muss. Die einzig richtige Antwort kann sein, die neuen Umstände so zu nehmen, wie sie sind und in ihnen nicht die Zerstörung der Vergangenheit, sondern die Chance einer besseren Zukunft zu sehen.

Wir müssen uns von der Illusion lösen, dass früher alles besser war, denn dies ist schlicht falsch und anders zu denken, bedeutet, die Fehler der Vergangenheit mit in die Zukunft zu tragen. Wer meint, dass, zu welchem Zeitpunkt auch immer, in Europa oder Deutschland eine ideale Gesellschaft vorhanden gewesen wäre, sollte sich fragen, warum diese trotz ihrer angeblichen Perfektion in sich kollabieren konnte. Selbst die vermeintlichen goldenen zwölf Jahre sind davon nicht ausgenommen. Auch sie hatten ihre Fehler. Ein Blick in die Tagebücher hinreichend bekannter Persönlichkeiten stellt dies unmissverständlich klar. Auch sie waren ein Produkt äußerer Umstände. Ihre Politik war die Antwort auf die Fragen ihrer Zeit. Manche dieser Fragen mögen noch immer aktuell sein, andere jedoch nicht.
Es ist nicht unsere Aufgabe, die Vergangenheit gegen die Anschuldigungen linker Pseudointellektueller zu verteidigen, sondern die Zukunft unseres Volkes zu sichern. Um dies zu tun, brauchen wir einen klaren Blick und den Willen in die Zukunft zu schreiten, auch wenn dies bedeutet, manches lieb Gewonnene hinter uns zu lassen.

Was bedeutet dies nun für uns politisch? Sollen also auch wir uns dem Progressivismus hingeben? Ja, aber einem rechten Progressivismus. Einem Progressivismus, der die ewigen Gesetze der Natur anerkennt und nicht wie sein linker Gegenpart, die Augen vor den negativen Folgen des Fortschritts verschließt. Einem Progressivismus, der die Vergangenheit als das Fundament der Zukunft anerkennt, sich jedoch nicht fürchtet, wo immer nötig, radikal Neues zu verfolgen. Einen Progressivismus, der wahren Fortschritt verfolgt, Fortschritt der mehr ist als einfach nur Neues, sondern der wirklich den Menschen voranbringt.

Der rechte Progressivismus muss es schaffen, das Lebensgefühl der kommenden Generation zu erfassen. Er darf sie nicht mit dem Ballast einer sterilen Vergangenheit am Boden halten, sondern die Vergangenheit zu einem lebendigen Teil der Gegenwart machen. Er muss jeder Generation ihren Raum geben. Er muss ihnen ihre Musik und Kunst zugestehen, sie nicht als das Resultat einer Degeneration wahrnehmen, sondern als das Resultat der Mannigfaltigkeit europäischer Schaffenskraft und Kreativität auffassen. Er muss die schlummernden Kräfte unseres Volkes mit der Aussicht einer großen Zukunft locken, einer Zukunft, für die es bereit ist, zu kämpfen und notfalls zu sterben.
Aus diesem Progressivismus werden sich die neuen Traditionen des kommenden Zeitalters organisch herausbilden – sicherlich auf Basis bisheriger Traditionen und Bräuche, nur angepasst an die heutige Zeit. Wie diese aussehen werden, kann jetzt noch niemand sagen, denn wir stehen nicht nur, wie Gehlen bemerkte, am Übergang zwischen Agrar- und Industriegesellschaft, sondern sehen uns auch dem Kollaps des liberalen-kapitalistischen Weltbildes gegenüber.

Den heutigen Liberalismus als reine Gegenreaktion zum Nationalsozialismus und Faschismus zu sehen, bedeutet zu unterschätzen, wie tief greifend seine Werte den Westen geformt haben. Humanismus, die Ideale der Aufklärung und Französischen Revolution, die Erschütterungen des Kollaps drohen Jahrhunderte der europäischen Geistesentwicklung mit in den Abgrund zu ziehen. Aus dem Todeskampf des Liberalismus und dem Untergang der „westlichen Wertegemeinschaft“, wird ein neues Europa entstehen, dessen Traditionen und Werte auf den Fehlern des alten Systems aufbauen.

Wer genau hinschaut, findet jetzt schon die ersten Knospen der neuen Ordnung, denn unbewusst beginnt die Masse sich schon vom kranken System der Moderne abzuwenden und sucht nach neuen Wegen. Das Interesse an regionalen Produkten ist nichts anderes als eine Absage an die Globalisierung. Die Suche nach Spiritualität und sogar das Übertreten von Deutschen in den Islam, ist die verzweifelte Sehnsucht nach Werten und Sinn in einer Welt, die nichts als Beliebigkeit und Nihilismus kennt. In den USA, wo jede Entwicklung schneller und chaotischer stattfindet als bei uns, wurde mit Trump das Symbol eines neuen weißen Willens zu Macht und Größe zum Präsidenten gewählt.

Die Masse sucht instinktiv nach einem Fokuspunkt für ihr Verlangen, nach einer Führung, die ihr dumpfes Wollen zum Schwert schmiedet, das die Ketten des alten Systems zerschlägt. Die Erfüllung dieses Verlangens wiegt tausendmal mehr, als jedes faktische Argument. Die großen Momente der Geschichte wurden noch nie durch rationales Denken, sondern durch emotionales Handeln in Gang gesetzt. Wer auch immer es schafft, diese Emotionen zu erwecken, wird die Masse auf seiner Seite haben, nicht als eine Ansammlung von Individuen, sondern als die Verkörperung des überpersönlichen Volkswillens. Das Freisetzen dieser urgewaltigen Kraft, der Moment in dem das Leben den Tod überwindet, wird die Geburt einer neuen Nation darstellen, wird die Masse und die Elite, die sie in die Zukunft führen wird, untrennbar zu einer organischen Einheit zusammen-schmelzen.





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