Dunkle Zeiten – Für Bürokraten

 

Seit dem Brexit kämpft man in Brüssel verzweifelt darum, so etwas wie Begeisterung für den Fortbestand der EU in der Bevölkerung zu wecken und trotzdem können in der bevorstehenden Europawahl vor allem vermeintliche Populisten und Rechtsextremisten auf einen Stimmenzuwachs hoffen. Man kann daher schon jetzt in allen Zeitungen lesen, dass man Europa nicht seinen Feinden überlassen dürfe.

Mit einer ähnlichen Botschaft meldete sich der Brexit Koordinator und Präsident der ALDE (Allianz der Liberalen und Demokraten für Europa) Fraktion, Guy Verhofstadt, mit dem Hashtag in einem Twittervideo an die Wähler.

In dem Video wirft er Rechten und Populisten vor, Europa zerstören zu wollen und den Menschen ihre europäische Identität nehmen zu wollen. Was er nicht sagt, ist, worin denn seiner Meinung nach die europäische Identität besteht, die er über die Nationale stellen möchte, aber was sollte er denn auch schon nennen? Die europäische Geistesgeschichte? Voller alter weißer Männer, Rassisten, Sexisten und Antisemiten! Europas Kultur und Kunst? Das Gleiche! Schlimmer noch, würde man diese Dinge hervorheben, würde allen klar werden, wie unendlich hoch die europäische Zivilisation über so ziemlich allem thront, was andere Kulturen zu produzieren in der Lage waren. Auch unsere Geschichte ist vor allem eines: die Erinnerung daran, wie das kleine Europa wie nebenbei, noch während man sich gegenseitig bis aufs Blut bekriegte, die ganze Welt eroberte. Als Liberalist tut Verhofstadt also gut daran, zu schweigen und es den Vorstellungen der Menschen zu überlassen, die Leere, die seine Worte hinterlassen haben, mit Inhalt zu füllen. Dies ist ohnehin das Einzige, was der EU noch irgendwie Sympathien einbringt – sich nämlich zur Projektionsfläche für den Traum und den Wunsch nach einem vereinten Europa zu machen.

Man kann aber nicht deutlich genug zwischen Europa und der EU unterscheiden. Die EU abzulehnen bedeutet nicht Europa abzulehnen, ganz im Gegenteil. Wer Europa liebt, der muss die EU hassen, denn sie ist der Feind Europas. In Brüssel meint man, die Nationalisten Europas würden die EU kritisieren, weil sie die innereuropäischen Grenzen auflöst, doch die Auflösung dieser ist nichts im Gegensatz zur Auflösung der gesamteuropäischen Grenzen. Das ist ihr wahres Verbrechen. Vorzugeben Europa vereinen zu wollen, aber mit aller Kraft und gegen jeden Widerstand an seiner kulturellen wie biologischen Auflösung zu arbeiten.

Wie wenig die Bürokraten aus Brüssel die Seele Europas verstehen, zeigt Verhofstadt, als er, wohl um doch noch ein Argument für die EU zu finden, gleich die „dunkelsten Tage der europäischen Geschichte“ als Alternative zu dieser anführt. Gemeint sind damit zweifellos die beiden Weltkriege. Doch grade in diesen Zeiten spiegeln sie die Essenz Europas wieder. Ein liberaler Pazifist mag in den innereuropäischen Kriegen nur Blutvergießen und Leid sehen, ja gar den Beweis für die Kriegslust der europäischen Völker, die die EU in Schach halten soll. Wer jedoch die großen Zusammenhänge der Geschichte sieht, erkennt in ihnen den reinsten Ausdruck des unstillbaren Willens zur Größe, den die europäischen Völker in sich tragen, sowie den unvergleichlichen Heldenmut, zu dem selbst ihre unbedeutendsten Söhne und Töchter fähig sind.

Wer meint, dass diese Vergangenheit einen Keil zwischen die Nationen Europas treiben wird, könnte nicht falscher liegen. Die europäische Geschichte kennt keine Opfer, nur eine wechselnde Konstellation von Siegern und Verlierern in einem unablässigen Ringen, um des Ringens willen. Nichts was der Eine dem Anderen antat, hätte der Andere nicht auch ihm angetan, wäre dieser in dessen Position gewesen.

Die Opferbereitschaft und Ehre, den Mut und Einfallsreichtum, die jede Seite im Kampf mit der anderen zur Schau stellten, sind die größten Zeugnisse für den, den europäischen Völkern eigenen, aristokratischen Geist. Die Jahrhunderte des Kräftemessens ohne einen klaren Sieger sind der beste Beweis dafür, dass sich in Europa Menschen des gleichen Schlages gegenüberstehen. Aber vielleicht kann ein Bürokrat wie Verhofstadt gar nicht anders, als in diesen Zeiten, die dunkelsten unserer Geschichte zu sehen. Nicht nur zählten in ihnen Werte, die seinesgleichen kaum fremder sein könnten, sondern herrschten damals auch noch Staatsmänner und Könige über das Schicksal der Völker und keine überbezahlten Aktenschubser.

 

 





1 Comment

  • Sehr guter Artikel.
    Wer Europa liebt, muss die EU hassen!
    Schön zusammengefasst.

    Hilde 17.03.2019