Über rechte Punks und linke Spießer – Teil 4/4

Bis jetzt scheint die Netzkultur des Netzes, was den Widerstand gegen den Zeitgeist angeht, sehr oberflächlich zu sein und gäbe es nur Akteure wie PewDiePie und ein paar Memes, wäre diese Annahme auch korrekt. Doch wie wir bereits über die Proud Boys sagten, ist ein seichter Einstieg besser als keiner.

Für viele mag der Widerstand gegen die Moderne mit einer oberflächlichen, mehr instinktiv gefühlsmäßigen Ablehnung der Popkultur beginnen, doch die, die mutig genug sind, um bis in die dunkelsten Ecken des Internets vorzustoßen, werden an den Orten, wo man es am wenigsten erwarten würde, nur einen Klick entfernt von der degeneriertesten Pornografie, die Menschen erdenken konnten, und anderen Abgründen des menschlichen Geistes, Bastionen des Traditionalismus finden. Orte, an denen in der Anonymität des Netzes, wie andernorts Drogen und Kinderpornografie, in digitaler Form die Werke Platos über Machiavelli und Rosenberg bis Jack Donovan getauscht und diskutiert werden. Während einige Teile der neuen Rechten und Populisten sich an Symptomen wie Masseneinwanderung und Gendermainstreaming abarbeiten, stößt man dort zum Kern der spirituellen Krise des Westens vor. Strömungen wie die neoreaktionäre Dark Enlightenment (dt. in etwa: Dunkle Aufklärung) Bewegung, welche mit ihrer Fundamentalkritik an der Aufklärung ansetzen, streben nicht weniger als eine völlige Umkehr aller Werte an.

Nichts ist heilig, keine Idee zu radikal, keine Lösung der Probleme zu extrem.

Wer sind diese meist jungen Männer, die von der Wiederauferstehung Roms und einem Europa unter der schwarzen Sonne träumen? Vor allem eines, nicht die typischen Rechten. Sie sind die verlorenen Söhne des Westens. Außenseiter jedweder Art, die einer Gesellschaft entfliehen wollten, die sie nicht haben will und die ihnen auch nichts zu bieten hat. Männer, deren tiefste Wünsche nicht mehr sind, als eine glückliche Familie und ein Leben und Würde, Dinge, von denen sie meinen, dass die Gesellschaft sie um sie betrogen hätte. Ein erdrückendes Gefühl Machtlosigkeit und Verbitterung, gepaart mit Aussicht auf ein Leben ohne Sinn und Bedeutung ist es, was sie vereint.

Die Generation vor ihnen mag sich noch am hedonistischen Lebensstil der Moderne erfreut haben, für sie war das noch Tabubruch und Abenteuer. Für die nach ihnen wurde jedoch der Exzess zur Norm. Die Eltern meinten noch in der freien Liebe die ultimative Befreiung gefunden zu haben, für die Kinder und Enkel der 69er wurde sie jedoch zu einem Fluch, wie sie schon bald feststellen mussten, als sie von einer gescheiterten Beziehung oder betrunkenem One Night Stand zum nächsten wanderten und nichts fanden außer Einsamkeit und Enttäuschung. Die sofortige Befriedigung jeglicher Triebe mag eine Zeit lang für Kurzweil gesorgt haben, doch nach ein paar Jahren des permanenten Rausches, wurde für viele immer offensichtlicher, dass keine Menge Sex and Drugs and Rock ’n’ Roll die Leere im Herzen füllen konnte. Die haltlose Liberalisierung des Westens hinterließ seinen Kindern eine Welt ohne Regeln, Erwartungen und Leitlinien, eine Welt der ultimativen Freiheit, wie sie glaubten, die in Wirklichkeit jedoch eine Welt der ultimativen Bedeutungslosigkeit war. Die Linke gab ihnen das Recht, alles tun zu können, aber keine Gründe irgendetwas davon tatsächlich zu tun.

Nietzsche schrieb „Hat man sein warum? Des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem wie? – Der Mensch strebt nicht nach Glück;“

Die autoritären Züge der Rechten, die, von denen die Rebellen von damals glaubten, sie müssten die Jugend abschrecken, sind das Wertvollste, was die Rechte der Jugend zu bieten hat. Wo die Linke nur Fragen aufwerfen kann und in ihrem postmodernen Wahn die Existenz von Antworten an sich anzweifelt, liefert die Rechte genau diese Antworten, die vielleicht nicht jedem gefallen, die aber in jedem Fall besser sind als keine, da sie Halt, Struktur und vor allem Sinn in ein Leben bringen, das dessen beraubt wurde. Mehr noch, sie gibt dem Leben des Individuums eine Bedeutung, die über die eigene kleine Existenz hinausgeht.

Doch da ist noch etwas, das die totalitäre Politik der Rechten, selbst in ihren extremsten Formen, ja sogar grade in diesen, heute so verlockend macht: das Versprechen der absoluten Macht und des kompromisslosen Willens, diese Macht einzusetzen, die dieser Totalitarismus in sich trägt. Es ist ein Versprechen, das eine Seite des Menschen anspricht, die so archaisch ist, dass keine Umerziehung der Welt das Verlangen nach ihm ausradieren könnte. Ein Verlangen, das besonders heiß in all jenen brennt, die nie Macht kosten konnten, die ihr Leben lang umhergeschubst wurden und die in Schande und Schuld großgezogen wurden. Sie können den dunklen und süßen Einflüsterungen der absoluten Macht kaum widerstehen. Sie ist die absolute Droge und wie jede andere wird ihr Reiz umso größer, je sündhafter ihr Ruf ist und die totalitäre Rechte ist die letzte und größte Sünde dieser Tage.

Es ist also kein Zufall, dass Bewegungen wie die Atomwaffendivision sich besonders im Netz einer so großen Beliebtheit erfreuten, doch wer meint, derartige Gewaltfantasien würden nur Internetnerds umtreiben, sollte einen Blick auf die NS Blackmetall Szene werfen, die die gleichen Gefühle unter den eher konventionellen Rechten bedient, denn so sehr das Gefühl der permanenten Erniedrigung für einige ein sehr persönliches sein mag, ist es auch eines, das den kollektiven Geist Europas quält.

Das Verlangen nach grenzenloser Macht und blutiger Rache mag nicht das edelste sein und, um mehr als wirkungslos oder gar zerstörerisch zu sein, muss es in konstruktiven Taten Ausdruck finden, aber allein, dass es da ist, kann uns frohen Mutes stimmen. Es ist der Beweis, dass die weiße Rasse sich nicht mit ihrem Sklavendasein abgefunden hat, dass in ihrer aristokratischen Seele noch immer ein Feuer brennt und dass dieses von seinen Trägern verlangt, endlich an seinen rechtmäßigen Platz in der Welt zurückzukehren.

Somit haben wir uns jetzt die beiden Extreme der Gegenkultur des Netzes angeschaut und zwischen diesen beiden Polen, findet man so ziemlich alles, was man sich vorstellen kann. Nationalisten, Anti-Feministinnen, Reaktionäre, rechte Futuristen, Verfechter der Rassenforschung und noch vieles mehr, in jeder denkbaren Schattierung. Es daher unmöglich, im digitalen Widerstand im Internet irgendeine Aussage zu treffen, außer, dass er auf einer so breiten Front auftritt, dass er erstens kaum zu unterdrücken ist und zweitens für fast jeden etwas dabei ist, von dem er sich angesprochen fühlt. Gleichzeitig ist diese Vielfalt an Strömungen auch ein Indikator dafür, dass Menschen unterschiedlichster Natur sich für rechte Ideen zu interessieren beginnen. Momentan ist die hieraus resultierende Dynamik noch eher chaotischer Natur und es ist an den Bewegungen der realen Welt, diese Energien zu ordnen, die schlechten, falschen und negativen von den gesunden, starken und richtigen zu trennen und Letztere schließlich zu bündeln und in greifbare politische Erfolge umzuwandeln.

 

Zum Nachlesen: Teil 1, 2, 3





Kommentare

Kommentar schreiben

Deine E-Mail Adresse wird niemals öffentlich sichtbar!