Ungelöster Nordirlandkonflikt – greift die IRA wieder zu den Waffen?

Wenn ein handfester Konflikt mit einem faulen Kompromiss befriedet werden soll, kann dies selten zu einem glücklichen Ende führen. Dies gilt erst recht, wenn aus Gründen der Religion oder der ethnischen Zugehörigkeit gestritten wird und die Ursachen der Gewalt ungelöst bleiben. In Nordirland ist beides der Fall.

Am 18. April starb bei Ausschreitungen zwischen nationalistischen Iren und der Polizei die Journalistin Lyra McKee durch Kugeln, die eigentlich der Polizei gegolten hatten. Der Vorfall beweist erneut, dass der weitgehende Friede der letzten 20 Jahre brüchig ist. Während der Hauptteil der IRA dem bewaffneten Kampf abgeschworen hat und die irisch-nationalistische Sinn Feín mittlerweile in der nordirischen Regierung angekommen ist, halten Splittergruppen am Bürgerkrieg fest – denn trotz Friedensabkommen ist die Wiedervereinigung von Nord- und Südirland unvollendet und Nordirland noch immer Teil von Großbritannien.

Seit der Unterwerfung Irlands durch die englische Krone im 16. Jahrhundert versuchen die Iren, ihre verloren gegangene Selbstbestimmung zurückzugewinnen. Von Anfang an war der irische Freiheitskampf auch ein Kampf gegen Umvolkungsmaßnahmen der englischen Politik, die neben der Unterdrückung irischer Rebellengruppen auf die gezielte Ansiedlung von Engländern und loyalen britischen Untertanen, vor allem protestantischer Schotten, setzte. Die große Hungersnot von 1845 bis 1850 wirkte sich nicht zuletzt deshalb so katastrophal aus, weil die britische Kolonialmacht an einer Eindämmung kein Interesse zeigte. Tote Iren waren besser als lebende Rebellen und überhaupt galten die Iren nicht mehr als die übrigen Kolonialvölker in aller Welt, die vom „Empire“ mit Zuckerbrot und Peitsche beherrscht wurden. Während englische Großgrundbesitzer von irischem Boden aus Getreide exportierten, musste Millionen Iren verhungern oder auswandern.

Nach dem gescheiterten Osteraufstand von 1916, der von deutscher Seite durch Aufstellung einer irischen Brigade aus Kriegsgefangenen und versuchten Waffenlieferungen unterstützt wurde, war es vor allem die IRA, die schließlich 1921 die Gründung eines irischen Freistaates ermöglichte. Sogar Hollywood hat sich mit dem Film „Michael Collins“ dieses historischen Stoffs angenommen.

(Wer Hollywood nicht mag, dem sei stattdessen „The wind, that shakes the barley“ empfohlen).

Die Staatsgründung markierte allerdings auch den Bruch zwischen gemäßigten Nationalisten, die sich an einem wichtigen Etappenziel angekommen sahen und dem radikalen Flügel der Bewegung, der die weitere Abtrennung des mehrheitlich protestantisch-loyalistischen Nordirland nicht akzeptieren wollte. Die IRA (und weitere, weniger bekanntere militante Gruppen) bestand im Untergrund weiter und verlagerte ihre Aktivitäten mehr und mehr nach Nordirland.

Während des Zweiten Weltkriegs kam es zu einer versuchten Zusammenarbeit zwischen der Wehrmacht und der IRA, die allerdings ohne nennenswerte Erfolge verlief (siehe hierzu Enno Stephan: Geheimauftrag Irland). Die Republik Irland blieb bis Kriegsende immerhin neutral, was manchem deutschen Piloten und U-Boot-Fahrer das Leben rettete. Marxistische Tendenzen, die damals in Teilen der IRA bereits vorhanden waren, spielten keine Rolle. Der Nationalismus war für die Iren immer wichtiger als die kommunistische Revolution.

Nordirland jedoch blieb auch nach 1945 Teil von Großbritannien – und die dort herrschenden Protestanten englischer und schottischer Abstammung versuchten von Beginn an mit allen Mitteln die als feindliche Minderheit betrachteten katholischen Iren unten zu halten. Bereits 1922 erließ das nordirische Parlament strenge Strafgesetze gegen jedwede irisch-republikanische Agitation. Manipulationen des Wahlrechts sorgten für eine Bevorzugung protestantisch-loyalistischer Kandidaten und für die von 1921-1972 fortwährende Herrschaft der Ulster Unionist Party (UUP). Diskriminierungen bei der Vergabe von Arbeitsplätzen oder der Zuweisung von Sozialwohnungen führten zu einer weiteren Verbitterung der überwiegend katholisch-republikanischen Iren.

Zum 50. Jahrestag des Osteraufstands reanimierten fanatische Protestanten die Ulster Volunteer Force (UVF) als Untergrundorganisation und setzten dadurch die Gewaltspirale der folgenden Jahrzehnte in Gang.

Von diesem Tag an erklären wir der IRA und ihren Splittergruppen den Krieg. Bekannte IRA-Männer werden von uns gnadenlos und ohne Zögern exekutiert. (…) Wir dulden keine Einmischung – von welcher Seite auch immer – und warnen die Behörden vor weiteren beschwichtigenden Reden. Wir sind schwer bewaffnete Protestanten und unserer Sache voll ergeben.

Ende der 1960er Jahre orientierten sich die Iren an der Bürgerrechtsbewegung und Methoden des gewaltfreien Widerstands – protestantische Paramilitärs wie die UVF und der nordirische Staat antworteten mit Gewalt gegen friedliche Demonstranten. Es gab die ersten Toten. Der „Bloody Sunday“ 1972, bei dem britische Fallschirmjäger 13 unbewaffnete Demonstranten erschossen, markiert in dieser Hinsicht den traurigen Höhepunkt der Unruhen.

Wiederholte Ausschreitungen und Plünderungen in irisch-katholischen Vierteln durch protestantische Mobs ließen schließlich die IRA wiederaufleben. Um die war es in den 1950er und 1960er Jahren ruhig geworden. Infolge der nordirischen Unruhen gelangten viele Iren zu der Überzeugung, die IRA habe die katholische und nationalistische Gemeinschaft im Stich gelassen, da sie die Angriffe der protestantischen Loyalisten nicht verhindern konnte. Als Folge spaltete sich im Dezember des Jahres 1969 die IRA in die Provisional IRA (PIRA), die sich aus traditionellen Nationalisten zusammensetzte, und in die Official IRA (OIRA), die auf eine marxistische Ideologisierung setzte. Beide Gruppen konkurrierten miteinander, wobei die Provisionals („Provos“) rasch die Oberhand gewannen. Wenn seit der Spaltung von der IRA die Rede war, war meist die PIRA gemeint. Mitte 1975 kam es zum Angriff der Provos auf die noch vorhandene Official IRA, um diese zu zerschlagen.

Weitere linksextreme irische Elemente sammelten sich in der Irish National Liberation Army (INLA) und deren Abspaltung Irish People’s Liberation Organisation (IPLO) – beides marxistisch-leninistische Polit-Sekten, die meist nur ein paar Dutzend Mitglieder hatten. Die IPLO kontrollierte Anfang der 1990er Jahre den Drogenhandel im katholischen Teil Belfast und wurde 1992 schließlich von der IRA gewaltsam aufgelöst. Den „Provos“ hingegen ging es an erster Stelle um die Beseitigung der britischen Herrschaft über Nordirland und die Wiedervereinigung mit dem Süden, wenn auch mitunter mit linker Ikonographie.

Entgegen der skizzierten Konfliktlinien protestantisch-loyalistisch und katholisch-republikanisch handelt es sich in Nordirland nur bedingt um einen religiösen Konflikt. Für die Iren ging und geht es vorrangig um die Vereinigung mit dem Süden, nicht um die Religion. Im „green book“ hat die IRA Ziel und Strategie definiert. Demnach gelten als legitime Ziele ausschließlich Angehörige der britischen Sicherheitskräfte und des nordirischen Staatsapparats. Konfessionelle Morde aus Gründen der Religion gingen fast ausschließlich auf das Konto protestantischer Paramilitärs, die immer wieder wahllos katholische Zivilisten ermordeten.

In den 1980er Jahren zeichnete sich immer mehr ab, dass der Konflikt für die Iren rein militärisch nicht zu gewinnen war. Die Hungerstreiks von IRA-Gefangenen im Gefängnis, die damit gegen die Behandlung als gewöhnliche Kriminelle protestierten, markierten den Anfang einer zweigleisigen Strategie von IRA (militärischer Arm) und Sinn Féin als politischem Arm – „mit dem Stimmzettel in der einen und der Armalite (Standardsturmgewehr der IRA) in der anderen Hand“ hieß die neue Devise.

Ab 1988 fanden regelmäßig Geheimgespräche zwischen dem Führer der Sinn Féin, Gerry Adams, den gemäßigten Parteien Nordirlands, sowie Regierungsvertretern der Republik Irland und Großbritanniens statt, die letzten Endes zum berühmten Karfreitagsabkommen von 1998 führten. Seitdem herrscht in Nordirland ein brüchiger Friede, der immer wieder erschüttert wird.

Und während die IRA am 28. Juli 2005 den bewaffneten Kampf für beendet erklärte und 2007 ihre Waffen abgab, halten die Real IRA, New IRA und die Continuity IRA bis heute am Kriegszustand fest. Der Streit um den Brexit gibt dem Nordirlandkonflikt jetzt neue Nahrung. Während Sinn Féin sich für einen Verbleib in der EU aussprach, präferierten die Loyalisten den Brexit. Das Karfreitagsabkommen sieht die Möglichkeit eines Wiedervereinigungsreferendums mit Südirland vor, dessen Abhaltung bereits gefordert, aber bislang verweigert wurde – möglich, wenn auch momentan unwahrscheinlich, dass Sinn Feín und IRA eines Tages wieder gemeinsam marschieren, wenn ein harter Brexit und eine geschlossene Grenze nach Irland kommen.

N.S.

In den Medien tobt derzeit ein Wettstreit um die schrillsten Töne anlässlich der jüngsten 1. Mai Demonstration des Dritten Weges – ein friedlicher Protestzug mit Trommeln, Fahnen und T-Shirts lässt die Wogen der Empörung in ungeahnte Höhen klettern. Zur Erdung sei den entsetzten Kommentatoren ein Blick dahin empfohlen, wo politischer Unmut wirklich martialisch und militant daherkommt. Auch antifaschistische Haltungsjournalisten sollten manchmal kleinere Brötchen backen.





1 Comment

  • Alles richtig zusammengefasst, nur ist Nordirland genau genommen nicht Teil von Großbritannien sondern vom Vereinigten Königreich (UK)

    Florian Donaghy 10.05.2019