Gedenktag: Georg von Schönerer – Ein Sozialist ohne Furcht und Tadel

Nach der historischen Entscheidung 1866 wandte sich die Habsburger Monarchie von ihrer deutschen Aufgabe im Südosten Europas endgültig ab. Sowohl die herrschende Partei der Deutsch-Liberalen, als auch die in den Alpenländern dominierenden Katholisch-Klerikalen versuchten jedes nationale Empfinden der Deutschen Alt-Österreichs auszulöschen. Diese Zeit war die Geburt der Idee vom „österreichischen Menschen“.

Die Voraussetzung für die Züchtung eines völlig internationalisierten Lebens schien die denkbar beste: Der Materialismus des wirtschaftlich aufstrebenden Bürgertums, die völlige völkische und soziale Gleichgültigkeit der das ganze Wirtschaftsleben beherrschenden Liberalen war ebenso wie der den Hof und die innerösterreichischen Länder beherrschende Klerikalismus an der Arbeit, jedes nationale Empfinden zu unterdrücken.

Mit den Ungarn hatten die Habsburger ihren Frieden gemacht und im „Déakschen Ausgleich“ (Déak, ungarischer Staatsmann, 1803 – 1876, Haupt der gemäßigten nationalen Partei, die 1867 den Dualismus und die Autonomie Ungarns durchsetzte), den Magyaren die Alleinherrschaft im Reiche der „heiligen Stephanskrone“ gesichert.

Während so in Ungarn die politische Macht in den Händen eines Volkes, nämlich der ungarischen Nation lag, befanden sich die politischen Verhältnisse in der österreichischen Reichshälfte in völliger Verwirrung. Immer mehr und mehr erlangten die slawischen Teile Einfluss. Österreich hätte nur dann auf die Dauer auf Deutsch regiert werden und sich dauernd erhalten können, wenn sich Wien entschlossen hätte, dem Königreich Galizien und der Bukowina eine Sonderstellung einzuräumen, und diesen Landesteilen eine eigene autonome Verwaltung gesichert hätte. Dazu bestand aber in Wien keinerlei Bereitschaft. So standen sich am Ende dieser Entwicklung 37 Prozent Deutsch-Österreicher und 50 Prozent Slawen (23 Prozent Tschechen, 14 Prozent Polen und 13 Prozent Ukrainer) gegenüber, und es musste der Zeitpunkt kommen, an dem die harte Tatsache diese Zahlen ihre politische Wirkung ausübte. Dennoch wäre die Stellung der Deutschen in Österreich als entscheidender politischer Machtfaktor haltbar gewesen. Aber selbst die Bildung des „Eisernen Rings“, der unter dem Ministerpräsidenten Taasse nach 1879 die Katholisch-Klerikalen, die Tschechen und die Polen zu einer Regierungs-Koalition zusammenfasste, brachte die maßgeblichen Kreise nicht mehr in Bewegung. Sie hatten jegliche Fühlung mit der breiten Massen des deutschen Volkes verloren.

In dieser Zeit stand ein Mann auf, der seinen Namen in die politische Entwicklung der deutsch-österreichischen Geschichte mit ehrendem Griffel eintrug: Georg Ritter von Schönerer (geb. 17.Juli 1842; gest. 14. August 1921).

Eine unantastbar reine und große Persönlichkeit stellte sich aus tiefster seelischer Verpflichtung an die Spitze einer völkischen und nachdrücklich sozialpolitischen Bewegung und brachte die breite Masse des Deutsch-Österreichertums in Bewegung. Nichts Geringeres als der Zusammenschluss aller Deutschen in einem großen Nationalstaat wurde gefordert. Schönerer erkannte die prinzipielle Bedeutung des politischen Problems, das in Österreich vorlag. Er war ein gründlicher und klarer politischer Denker, eine eindrucksvolle Persönlichkeit, die ihrer Zeit weit vorausgeeilt war. Er predigte die große geschichtliche Sendung der Deutschen in Europa. Er sah die Bedeutung des Donauraumes für das Gesamtdeutschtum, und er forderte die Schaffung einer national wie sozial konsequenten völkischen Gemeinschaft, die nicht mehr in Bürger und Arbeiter, Städter und Bauer, in Besitzende und Besitzlose geschieden war.

Georg Ritter von Schönerer, aus dem mittleren Großgrundbesitz entsprossen, kannte die schicksalhafte Bedeutung von Blut und Boden. Er stammte aus jenem Grenzlande im niederösterreichischen Waldviertel nördlich der Donau. Schon in jungen Jahren wandte er sich der politischen Arbeit zu und war erst 30 Jahre alt, als ihn der Bauernwahlkreis Waidhofen-Zettl an der südmärkisch-niederösterreichischen Grenze in das österreichische Abgeordnetenhaus entsandte, dessen Mitglied er von 1873- 1907 war. Völlig auf sich allein gestellt, ohne Anlehnung an eine andere Gruppe, begann er seine später im politischen Märtyrertum habsburgischer Kerkerhaft endende politische Laufbahn. „Ich bin nicht ins Parlament gekommen, um für mich etwas zu erreichen, sondern um einzutreten für meine nationale Überzeugung und für die Interessen des deutschen Volkes in Österreich.

Diese ersten Worte im Reichsrat wirkten wie ein Fanal. Kurz nach seinem ersten parlamentarischen Auftreten empfand Schönerer die Notwendigkeit der Sammlung aller Gleichgesinnten in einer Organisation, die die Waffen des erwachenden deutschen Volkes in Österreich zusammenfassen und schulen sollte. Er erließ einen Aufruf zur Gründung des ersten nationalen Vereins der Deutsch-Österreicher. Dieses aufrüttelnde Dokument zeigt, wie klar und weitschauend Georg Ritter von Schönerer die politische Notwendigkeit erkannte.

Die in dem Aufruf enthaltenen programmatischen Darlegungen erscheinen uns auch heute noch zeitgemäß. Wie revolutionär wirkten sie aber in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, damals, als das österreichische Parlament noch kein allgemeines Wahlrecht kannte, als der Arbeiter noch in tiefster Abhängigkeit und Not lebte und nicht die geringsten bürgerlichen Rechte besaß, als auch noch große Teile des Kleinbauerntums von der Ausübung ihrer politischen Rechte ausgeschlossen waren und nur das städtische Bürgertum und der Adel die politische Macht untereinander teilten. In dieser Zeit rief Schönerer nach der sozialen Sicherung der Bauern und Arbeiter, nach wirtschaftlichen und politischen Schutzmaßnahmen und sozialen Einrichtungen, und er erkannte klar, welche Bedeutung die weltanschaulichen Fragen für das Deutschtum hatten, wie verhängnisvoll sich die katholisch-klerikalen Parteien einerseits und die Kapitalisten andererseits im Leben des deutschen Volkes auswirkten. Wie ein befreiender Blitzstrahl aus gewitterschwangeren Wolken trafen seine kühnen Reden die Feinde des deutschen Volkes. Seine Reden waren Offenbarungen für die breite Masse und von weittragender, revolutionierender Bedeutung. In seinem alldeutschen Programm vom Jahre 1883, das nach der oberösterreichischen Hauptstadt Linz, in der es entstanden war, das Linzer Programm genannt wurde, forderte er u.a.:

– Einführung eines allgemeinen und gleichen Wahlrechts für alle Volkvertretungen und Säuberung des Parlamentarismus von den Interessen-Vertretungen wirtschaftspolitischer Cliquen.

– Beseitigung der Machstellung des Bank – und Börsenkapitals, Einführung gerechter Steuern für alle schaffenden Stände und ausgiebige Besteuerung der Bank- und Börsengeschäfte.

– Schaffung einer Zollunion zwischen Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich unter Heranziehung der Donau- und Balkanländer.

– Verstaatlichung der Eisenbahn und der Lebensversicherungen und Einführung einer allgemeinen Alters- und Unfallversicherung.

– Soziale Fabrikgesetzgebung und Beschränkung der Kinder- und Frauenarbeit.

– Bildung und Förderung eines starken und gesicherten Bauernstandes, und endlich

– Beseitigung des Einflusses der „Auserwählten“ auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens.

Dieses Programm, das die politischen Kämpfe des österreichischen Deutschtums jahrzehntelang beherrschte, ist in seinen wesentlichen Grundsätzen durchaus national und sozialistisch, wenn auch im Einzelnen oft noch unvollkommen.

Im Sinne dieses Programms machte er immer Eingaben oder stellte Anträge, die z.B. die Bildung von Arbeitskammern, Schaffung von Arbeiterinvaliden- und Arbeiterunfallversicherung, Festlegung einer Normaldienstzeit und einer Mindestentlohnung, Sonntagsruhe, Haftpflicht der Unternehmer für Unfälle, Einführung von Fabrikinspektoren, Schaffung eines Arbeitsministeriums, einer Arbeiterschutzgesetzgebung verlangten. Er beantragte Gesetze über gesundheitliche Zustände in den Fabriken, über Krankenunterstützung, ländliche Wohlfahrtspflege, genossenschaftlichen Selbstschutz. Er forderte die Einschränkung des Raten- Hausiererhandels, die Beschränkung der Güterschlächterei, Schutz dem Handwerker gegen Bewucherung und dem Bauer gegen Exekution. Er verlangte „Gesetze zum Schutze der ehrlich und produktiv arbeitenden Stände und der wirtschaftlich schwachen Staatsbürger gegenüber Ausbeutung und Korruption“. Er kämpfte gegen die vornehmlich durch „Auserwählte“ betriebene Monopolisierung wichtiger Geschäftszweige. Er warb für Landsiedlung im Gegensatz zum Massengrab der Großstadt; er hatte auch erkannt, dass ein gesunder Bauernstand die Grundlage jedes Staatswesens sein müsse.

In einer großen Bauernversammlung im Sophiensaale zu Wien im Jahr 1886 kam Schönerer auf den unheilvollen Einfluss der „Auserwählten“ auf das Bauerntum zu sprechen. Im Anschluss an das Schillerwort aus Wilhelm Tell: „Unser ist durch tausendjährigen Besitz der Boden!“ führte er aus: „Und unser Grund und Boden soll auch weiter im Besitz der Deutschen bleiben und nicht in das Eigentum nomadisierender Völkerschaften übergehen!

Zitat von Georg Ritter von Schönerer von 1878:
„Das uns Deutsch-Österreichern vorgesteckte Ziel ist die endliche Vereinigung mit Deutschland!“

Schönerer war das als unangenehm empfundene, unerbittlich mahnende Gewissen des Parlaments. Als er z.B. einmal bei der Beratung der Zivilliste für den „Allerhöchsten Hofstaat“ von 4 650 000 Gulden der Zivilliste gern eine Millionen vom Kaiser Franz Joseph, für den dies ein verhältnismäßig geringes Opfer gewesen wäre (Franz Joseph gehörte mit dem russischen Zaren zu den reichsten Männern Europas!), als Gründungsfonds und später als jährlichen Beitrag für eine Arbeitsinvaliden- Altersversorgungskasse zur Verfügung gestellt wissen wollte, erntete er für diese „Taktlosigkeit“ nur die flammende Entrüstung sämtlicher „Volksvertreter“.

Es ist erklärlich, dass Schönerer angesichts seiner makellosen sozialen Gesinnung unzählige dankbare Arbeiterherzen zujubelten, während er von den Führern der „Auserwählten“ der bald nach Schönerers Auftreten gegründeten Sozialdemokratie und deren Presse mit allen Mitteln bekämpft wurde. Als anlässlich des Hinscheidens Kaiser Wilhelms I. die Wiener Presse durch Falschmeldungen aus diesem Tod ein ekelhaftes Geschäft für sich machte, verprügelte Schönerer aus gerechter Entrüstung mit einigen Freunden die Schriftleitung eines solchen Blattes. Dies nahmen seine Gegner zum willkommenen Anlass, ihm einen Fallstrick zu drehen. Unter (wie auch seine Gegner eingestehen mussten) offenem Rechtsbruch wurde er am 5. Mai 1888 „zur schweren Kerkerstrafe in der Dauer von vier Monaten, verschärft durch zwei Fasttage im Monat, zum Erlass der Kosten des Strafverfahrens verurteilt und gegen ihn der Adelsverlust ausgesprochen!“ Schönerer wurde ferner auch seines Reichsratsmandats für verlustig erklärt und ihm das aktive und passive Wahlrecht auf die Dauer von fünf Jahren für alle öffentlichen Körperschaften usw. entzogen.

Im Grunde war Schönerers Kampf ein gewaltiges Ringen um eine neue Weltanschauung. Das spürten seine Gegner mehr oder minder bewusst. Das war auch der tiefste Grund der Ablehnung seitens der „Auserwählten“, des Liberalismus, des Legitimismus, des Klerikalismus und alles sonstigen Undeutschen. Sogar von den Kanzeln herab wurde den Männern und im Beichtstuhl den Frauen die „Verderblichkeit“ und die „Gefährlichkeit“ der Schönererschen Ziele gepredigt.

Während Schönerer im Kerker schmachtete und dann fünf Jahre lang der bürgerlichen Ehrenrechte verlustig war, begannen verschiedene Persönlichkeiten sich von seiner Bewegung abzulösen und unter teilweiser Benutzung seiner Ideen eigene Parteien zu gründen, wie z.B. die Christlich-soziale Partei, die u. a. auch einen verwässerten Taufbecken-Antisemitismus vertrat. Damit war die Schönerersche Bewegung in ihrer Stoßkraft für die Folgezeit geschwächt, wie sie sich auch noch viele Jahre lang behaupten konnte. Ein grundsätzlicher Fehler Schönerers war es, dass es sich zu sehr auf die „bürgerlichen Kreise“ stützte und sich auf sie verließ; an ihnen, die als Besitzende jedem Radikalismus abhold waren, ist er dann auch hauptsächlich gescheitert.

Allein wenn Schönerer die Probleme ihrem inneren Wesen nach erkannte, dann irrte er sich umso mehr in den Menschen.“ „Was Schönerer wollte, gelang ihm nicht, was er befürchtete, traf aber leider in furchtbarer Weise ein.“ Er hatte immer Recht, aber seine Gegner hatten den Erfolg. Es fehlte dieser glänzende und kämpferischen Persönlichkeit das Letzte, das einen großen Führer auszeichnet: das Gefühl für die Einsatzbereitschaft der Massen. So sprach einmal ein großer deutscher Staatsmann über Schönerer.

Aber noch im Zerfall hinterließ die Bewegung dem deutschen Volke in Österreich zwei wunderbare Geschenke: vor allem die völkische Idee schlechthin, die fortan alle nationalpolitischen Strömungen der Deutschösterreicher beherrschte, und als zweites die völkische Arbeiter-Bewegung, aus deren Wurzeln die ersten Anfänge einer nationalistischen und sozialistischen Bewegung Alt-Österreichs hervorgehen sollte.





1 Comment

  • Sehr guter und geschichtlich fundierter Beitrag. Weiter so, solange ihr nicht vom Regime verboten werdet. Artjom

    grett 14.08.2019