Aufruhr im Libanon

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Seit Wochen hält eine große Protestwelle den Libanon in Atem. Demonstrationen richten sich gegen Korruption, Politiker und das System. Unter scheinbar nationalistischen Vorzeichen verlangen vor allem junge Libanesen nach einer Revolution. Doch die Situation im Libanon ist aufgrund der hochexplosiven Gemengelage von Sunniten, Schiiten und Christen explosiv. Hinzu kommen über 1,5 Millionen Syrer. Profitiert letztlich das zionistische Regime in Nahost von den Unruhen?

Hunderttausende Libanesen sind in den vergangenen Wochen auf die Straße gegangen, um für einen Wandel in ihrem Land zu demonstrieren. Straßen wurden blockiert, es gab einen Generalstreik, eine riesige Menschenkette wurde gebildet. Der Ministerpräsident des Libanon, Saad Hariri, ist zurückgetreten. Die Demonstranten marschierten unter der Zedernfahne des Libanon in allen Regionen des Landes, sowohl in der Hauptstadt Beirut als auch in sunnitischen Gegenden wie der Stadt Tripoli oder der Schiiten-Hochburg Bekaa-Ebene. Doch die Lösung des Problems ist komplex.

Wie alle Länder des Nahen Ostens ist auch der Libanon eine künstliche Staatsschöpfung auf arabischem Boden mit relativ willkürlicher Grenzziehung. Entstanden ist der Libanon 1943 mit dem Ende des französischen Kolonialmandats in der Region. Seit der Ausrufung des zionistischen Gebildes Israel befindet sich der Libanon im Kriegszustand mit dem Konstrukt. Doch auch innerhalb des Libanons gibt es große Spannungen. So fand zwischen 1975 und 1990 ein blutiger Krieg zwischen Christen und Sunniten statt. Die tieferen Ursachen der christlich-schiitisch-sunnitischen Konflikte hängen stark mit der Entstehung des zionistischen Gebildes zusammen. Um Raum für die jüdischen Siedler zu schaffen, wurden Millionen palästinensisch-sunnitische Araber vertrieben. Viele von ihnen schlugen im Libanon ihre Zelte auf, zum Teil nach Zwischenhalt in Jordanien. Dies brachte das fragile konfessionelle Gleichgewicht durcheinander.

 

Stetige Konflikte dank Israel

Schnell waren christliche, sunnitische und schiitische Araber gegeneinander aufgebracht. Das säkulare Syrien griff in den Konflikt auf Seiten der Christen ein, doch auch Israel vergaß nicht, weiter Öl in den Flächenbrand seines angrenzenden Nachbarlandes zu gießen. So marschierten jüdische Soldaten 1978 im Rahmen der Operation Litani in den Südlibanon ein. Zwischen 1000 und 2000 Araber wurden getötet, weitere 280.000 vertrieben. Auch Israel unterstützte Christen im Libanon, jedoch wendeten sich auch die christlichen Araber aufgrund der anhaltenden zionistischen Aggression von dem Feind ab. Es folgten zwei weitere Kriege gegen das zionistische Regime, in dem sich die Hisbollah als stärkster, konsequentester und zähster Verteidiger der autochthonen arabischen Bevölkerung hervortat. Doch neben immer wieder geschürten konfessionellen Konflikten, gibt es in dem Land auch immer wieder Streitigkeiten mit einem starken, pro-westlichen Flügel.

Der Libanon verfügt weder über nennenswerte Rohstoffvorkommnisse, eine wichtige Industrie oder über eine starke Agrarwirtschaft. Hauptsächlich lebt das Land von Devisen, die Auslandslibanesen in die Heimat bringen. Viele junge Libanesen sind vom Westen, insbesondere den USA begeistert. Während es auf der einen Seite eine kleine Schicht von Profiteuren gibt, die den Dienstleistungssektor kontrolliert, steht die breite Masse vor einer gewissen Perspektivlosigkeit. Die Arbeitslosigkeit ist hoch. In dem ca. sechs Millionen Einwohnerland, leben 1,5 Millionen Syrer und unzählige Palästinenser. Politisch gesehen wird der Frieden durch ein komplexes System gewahrt, in dem Sunniten, Schiiten und Christen gleichermaßen repräsentiert sein sollen.

 

Revolution – aber wofür?

Das Besondere an den Protesten ist, dass sie zumindest momentan konfessionelle Schranken einreißen wollen. Deshalb einen die Demonstranten auch die libanesischen Fahnen, was in dem Land ohne großen Nationalstolz durchaus bemerkenswert ist. Die Protestbewegung lässt sich auch nicht in ein einheitliches Schema pressen, wie zum Beispiel einer sozialistischen, kommunistischen, konfessionellen oder „demokratischen“ Revolution. Tatsächlich wird sogar die Einsetzung einer Regierung aus Technokraten, also nicht-gewählten Experten gefordert. Neben der mangelnden klaren Ausrichtung der Revolution – Ende von Korruption, „Revolution“ und die Einsetzung einer technokratischen Regierung sind rein populistische Forderungen, solange eine klare Idee fehlt – ist die Gefährdung des fragilen Gleichgewichts der Mächte im Lande ein Kritikpunkt an der jungen Bewegung.

Die Bewegung richtet sich, offenbar aus Unzufriedenheit mit den politischen Führern, auch gegen die Hisbollah. Sie steht an vorderster Front der anti-zionistischen Achse Iran – Syrien – Hisbollah. Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Hisbollah-Aktivisten und Demonstranten. Für die Hisbollah und die nahestehende Amal-Partei drohen Machteinbußen im politischen System. Wird sich die Hisbollah das bieten lassen? Der Libanon ist generell schwer berechenbar. Werden pro-westliche Kräfte gestärkt aus der Angelegenheit hervorgehen? Wird die Bewegung doch noch in eine anti-zionistische und Anti-US-imperialistische Richtung umschwenken? Wird es sogar zu einem neuen innerarabischen Konflikt kommen? Es bleibt spannend, ob am Ende die eine, nicht-arabische Macht abermals lachen wird.

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