Jungautorenwettbewerb Platz 1: Was ist Heimat? Aus der Sicht eines Russlandsdeutschen

Ein Aufsatz von einem Russlandsdeutschen.

Grundsätzlich ist Heimat, so meine Ansicht, jener Ort, den ein Mensch ganz tief in seinem Herzen trägt und an dem man sich nicht nur wohlfühlt, sondern an dem man auch seine national-völkischen Wurzeln durchgehend spüren kann. Die Frage ist nur, ob dieser „Ort“ ausschließlich auf Land und Boden beschränkt werden muss.

Gewiss kann man jedes Land per se als „Heimat“ definieren, wenn denn gewisse Verlockungen wie gute Arbeit, nahe Verwandte oder vielleicht sogar Herzensdame dort vorzufinden sind. Doch ist dies, letztendlich, nur eine „Scheinheimat“. Ich als ein Nachfahre von Russlandsdeutschen weiß ganz genau, wie es ist sich nach der Heimat zu sehnen und Ihr dennoch fern zu sein. Manchmal hat man nämlich gar keine andere Wahl als in sich selbst die Heimat auferstehen zu lassen.

Gefangen vom stalinistischen und später vom poststalinistischen sowjetischen System hatten meine Ahnen, spätestens nach dem Ende des 2. Weltkrieges, nur eine einzige Sehnsucht. Die Rückkehr in die wahre Heimat. Man kann deshalb nicht alle verurteilen, die ihre Heimat einstmals verlassen haben, bzw. gar keine andere Wahl hatten, denn wer seine Heimat im Herzen behält und Sie wie ein heiliges Gut ehrt, wird niemals vom Geiste seiner Heimat und seines Volkes verlassen werden.

 

 

Meine deutschen Ahnen, links sitzend Edmund Kroll, in seinen Armen Waldemar Kroll und hinter Ihm seine Frau Emilia Kroll, in der Mitte Stefan Kroll und in der Ecke rechts Ottilia Kroll.

 

Als man meiner Mutter damals in der Sowjetunion anbot, die Nationalität im Ausweis als Russisch auszugeben, weigerte Sie sich und musste dafür viel Hohn und gar (latente) Drohungen ertragen. Dennoch hielt Sie daran fest und verleugnete Ihre Herkunft, trotz der damit verbundenen Nachteile, zu keinem einzigen Zeitpunkt.

Heimat kann man womöglich also gar nicht begreifen. Man kann Sie nur fühlen und wo auch immer sich ein Deutscher aufhält, ist auch ein Stückchen Deutschtum vorhanden, sofern er sich nicht, aus welchen Gründen auch immer, bewusst dafür entschließt, seine völkische Identität aufzugeben und sich anzubiedern.

Solch eine Entscheidung muss natürlich jeder für sich selbst fällen und womöglich wird eines Tages ja doch wieder der Funke der Heimat in einem solchen Menschen erglühen.

Ich selbst vertrete daher die Ansicht, dass die Heimat gewiss auch Boden ist, doch sollte man sich stets klarmachen, dass der Boden nur ein von Grenzen abgestecktes Gebiet ist, welches sich, wie wir Deutschen schmerzhaft erfahren mussten, geändert, verstümmelt oder gar geraubt werden kann.

Auch wenn das Gebiet der Deutschen selbsterklärend Deutschland ist, so ist dies nur ein Teil der Heimat und somit unserer Identität. Die wahre Heimat tragen wir in uns selbst und wohin wir auch gehen, sollen wir stolz und in leidenschaftlicher Liebe unserer Heimat gedenken und unsere nationalen Traditionen pflegen.

 

Edmund Kroll – 1942 in einem Gulag ermordet

 

Ja, viele Deutsche sind entwurzelt, nicht nur die Russlandsdeutschen von ehedem, aber ein entwurzelter Baum kann mit Pflege und Liebe auch in fremdem Boden Wurzeln schlagen und wenn er sich seines Ichs bewusst bleibt, überlebt auch der Ursprung und hat Hoffnung zu keimen, um letztendlich aufzublühen. Ja, der Boden mag ein anderer sein, doch die Seele, der deutsche Geist also, steht immer über der veränderten Umgebung.

Ich möchte hier auch noch kurz davon berichten, dass meine deutschen Vorfahren von der russischen Kaiserin Katharina nach Russland (Katharina hatte selbst deutsche Wurzeln) eingeladen wurden, um sich dort als Großbauern niederzulassen. Es folgten Jahre des Wohlstands und Erfolgs. Die deutschen Ahnen arbeiteten fleißig und gewannen den neuen Boden lieb (sie verließen Deutschland übrigens hauptsächlich wegen der überbordenden internen Streitigkeiten zwischen Katholiken und Protestanten) und bauten dort, teils vollkommen alleine, (für damalige Zeiten) komplizierte Geräte wie Windmühlen.

 

Die Schmidts, ebenfalls meine Vorfahren; Christian Schmidt (vermutlich der rechts sitzende Mann) konstruierte allein eine ganze Windmühle. In der Mitte sitzt Elisabeth Schmidt, rechtsstehend ist Oskar Papst.

 

So bildeten sich mehrere deutsche Exklaven im zaristischen Russland (besonders an der Wolga, aber auch in der Ukraine). Auch wenn meine Vorfahren nun Untertanen der preußisch-russischen Kaiserin waren, behielten Sie sich ihr Deutschtum bei und auch viele der Russen profitierten von dem neuen, aus Deutschland mitgebrachten Wissen.

Vermutlich wäre dies auch eine friedvolle Koexistenz geblieben, wenn nicht die „Roten“ gekommen wären. Meine Uroma Emilia bezeichnete die Kommunisten immer als „Bolschewiken“ oder „rote Deiwel“, was auch ganz verständlich ist, denn unter Stalin begann der Raub jeglichen Besitzes und die Kollektivierung der Bauernhöfe.

Der Massenmörder Stalin befahl schließlich meine Ahnen, zusammen mit vielen anderen ihm nicht genehmen Menschen, in die Tiefen von Sibirien zu verbannen, nicht ohne vorher zwei meiner Uropas, Edmund Kroll und Alexander Papst, (unschuldig und nur weil sie Deutsche waren) in den Gulag zu schicken, wo sie lediglich eine kurze Zeit überlebten und das auch nur, weil sie die bittersüße Hoffnung am Leben hielt, eines Tages doch noch ihre geliebten Frauen und Kinder wieder in die Arme schließen zu dürfen. Auch blieb bis zuletzt noch die schwache Hoffnung, eines Tages in das Deutsche Reich zurückkehren zu dürfen.

Letztendlich hörten die Repressalien nicht auf. Meine Uroma Emilia wurde von Rotarmisten mit Gewehrkolben zusammengeschlagen und eines Ihrer Kinder, der kleine Waldemar, wurde (vermutlich) bei einem Luftangriff durch indirekte Feindeinwirkung getötet.

Die wenigen noch (über)lebenden Reste der Familie wurden schließlich 1944 (noch im letzten Moment) von unseren mutigen Soldaten während des Rückzugs an der Ostfront gerettet und zuerst nach Warthegau und schließlich nach Sachsen gebracht, wo sie u.a. als Bauern auf den Feldern mithalfen.

Nach dem Krieg wurden Sie jedoch erneut von den Bolschewiken nach Sibirien verbannt.

Zu keinem einzigen Augenblick dachten meine Vorfahren daran, ihr deutsches Herz aufzugeben und sich für irgendetwas zu entschuldigen. Denn Sie waren unschuldige deutsche Seelen, die ihre Heimat fest im Herzen trugen und auch nachdem sie ihr (der Heimat) wieder schmerzvoll entrissen wurden, blieben sie in ihren Herzen deutsch und die Heimat, die nun ein besetztes Gebiet ohne Hoffnung war, lebte in ihrem Glauben an Deutschland weiter.

Ja, Heimat ist Boden, aber noch mehr ist Heimat in uns Deutschen selbst zu finden. Etwas was uns NIEMAND wegnehmen kann, im Gegensatz zu Land und Boden…

 

Meine Großmutter (links) Elisabeth Papst mit einer (vermutlich baltischen) Kameradin

 

Auch wenn ich selbst nur noch ein Halbdeutscher bin (mein Vater ist Ukrainer), ist für mich Deutschland mehr als nur ein Land. Es ist mein Volk, meine Seele, mein Geist und meine Leidenschaft. Möge nie mehr etwas Böses uns Deutschen die Hoffnung nehmen und möge unser Volk wieder lernen, sich zu LIEBEN. Etwas, was wir bedauerlicherweise ganz und gar verlernt haben.

Wir sind nicht schlechter als andere Völker und wenn andere ihre Heimat und ihr Volk stolz und aufrichtig lieben dürfen, so haben wir erst recht ein Anrecht darauf.

Hochachtungsvoll widme ich diese Zeilen allen Russlandsdeutschen und ihren Nachfahren, sowie allen Deutschen, die sich freiwillig oder unfreiwillig im Ausland befinden und dabei eines nie vergessen haben:

Ihre DEUTSCHE Identität





  • Großartig geschrieben. Vielen Dank für den Bericht. Du solltest noch mehr schreiben und veröffentlichen über den Kampf und das Leben der Deutschen in der stalinistischen Hölle und auch über die ausländischen Kameraden im Baltikum. Das Wissen über die Vergangenheit öffnet Türen in die leuchtende Zukunft den die deutsche Vergangenheit fließt in tausend Strömen in uns. Ehre und Treue bis in den Tod.

    Martin 03.08.2020
  • Mahnende Worte. Stecke selbst im Ausland fest (unfreiwillig). Danke dafür 🙏

    Leonard Jochum 02.08.2020
  • Wirklich stark.

    Vielen Dank für die offenen Worte und Deine Geschichte.

    Em 02.08.2020
    • Danke für deine lieben Worte. Wir sollten alle unserer Ahnen gedenken, denn dank Ihrem Leid können wir heute leben.

      K 02.08.2020

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