Wenn Frauen nachts Selbstverteidigung üben müssen, hat die Politik ein massives Sicherheitsproblem

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In Friedrichshafen führen Polizei und Stadtverwaltung Frauen durch sogenannte Angsträume und zeigen ihnen, wie sie sich gegen mögliche Angreifer wehren können. Was als gut gemeinte Präventionsveranstaltung präsentiert wird, wirft eine wesentlich grundsätzlichere Frage auf: Warum ist es in Deutschland überhaupt notwendig geworden, Frauen darauf vorzubereiten, sich im öffentlichen Raum gegen Übergriffe verteidigen zu müssen? Die Antwort führt unmittelbar zur Sicherheits-, Kriminalitäts- und Zuwanderungspolitik der vergangenen Jahre.

Rund 40 Menschen, überwiegend Frauen, beteiligten sich am vergangenen Mittwochabend an einem sogenannten Nightwalk in Friedrichshafen. Gemeinsam mit der Polizei und der Stadtverwaltung besuchten sie Orte, an denen sich insbesondere Frauen nach Einbruch der Dunkelheit unsicher fühlen. Dazu gehörten der Uferpark, der Stadtbahnhof und eine Unterführung. Die Teilnehmerinnen berichteten von ihren Ängsten, bewerteten ihr persönliches Sicherheitsempfinden und übten, wie sie sich bei einer Bedrohung lautstark und körperlich zur Wehr setzen können.

Eine ältere Teilnehmerin brachte ihre Erfahrungen mit wenigen Worten auf den Punkt: „Da passieren komische Sachen“, wenn sie als Frau allein bei Dunkelheit unterwegs sei.

Diese Aussage sollte die politisch Verantwortlichen alarmieren. Denn hinter solchen Schilderungen steht eine Frage, die in der öffentlichen Debatte viel zu selten mit der notwendigen Konsequenz gestellt wird: Weshalb müssen Bürgerinnen überhaupt lernen, sich an die Unsicherheit im öffentlichen Raum anzupassen, anstatt von ihrem Staat erwarten zu können, dass dieser für ihre Sicherheit sorgt?

 

Wenn Selbstverteidigung zum Ersatz für Sicherheitspolitik wird

Selbstbehauptungskurse, Präventionsveranstaltungen und Verhaltenstipps sind grundsätzlich sinnvoll. Es ist richtig, Menschen Möglichkeiten aufzuzeigen, wie sie sich in gefährlichen Situationen schützen können. Der Polizei, die solche Angebote organisiert, ist deshalb kein Vorwurf zu machen.

Problematisch wird es jedoch, wenn derartige Maßnahmen zunehmend als Antwort auf Sicherheitsprobleme erscheinen, deren Ursachen politisch bekämpft werden müssten.

Frauen wird empfohlen, selbstbewusst aufzutreten, laut zu schreien, sich körperlich zu wehren oder bestimmte Situationen zu vermeiden. Im Mittelpunkt steht damit das Verhalten potenzieller Opfer. Die entscheidende politische Frage müsste jedoch lauten, wie tatsächliche Gewalttäter daran gehindert werden, Menschen überhaupt zu bedrohen.

Besonders bezeichnend ist die Kritik einer 23-jährigen Teilnehmerin. Sie beanstandete den Ratschlag, Frauen sollten nachts möglichst nicht allein Zug fahren. Eine solche Empfehlung könne nicht die Lösung sein.

Damit trifft sie den Kern des Problems.

Nicht Frauen müssen ihre Bewegungsfreiheit einschränken, sondern der Staat muss dafür sorgen, dass diese Freiheit geschützt wird.

Eine Gesellschaft darf sich nicht damit zufriedengeben, dass ihre Bürger bestimmte Plätze meiden, Umwege in Kauf nehmen oder öffentliche Verkehrsmittel nur noch mit einem unguten Gefühl benutzen.

Sicherheit ist keine private Angelegenheit, die jeder Einzelne durch entsprechendes Verhalten selbst organisieren muss. Sie gehört zu den elementaren Aufgaben staatlicher Ordnung.

 

Die unbequeme Frage nach der Zuwanderungskriminalität

Wer über die Entwicklung der öffentlichen Sicherheit spricht, darf die Folgen der deutschen Zuwanderungspolitik nicht ausklammern.

Über Jahre hinweg haben wechselnde Bundesregierungen eine Migrationspolitik betrieben, bei der die Kontrolle der Zuwanderung, die Durchsetzung aufenthaltsrechtlicher Entscheidungen und der Umgang mit straffällig gewordenen Ausländern immer wieder Gegenstand massiver politischer Auseinandersetzungen waren.

Die Folgen einer unzureichend kontrollierten Zuwanderung müssen deshalb auch unter sicherheitspolitischen Gesichtspunkten untersucht werden. Es geht um die Verantwortung des Staates, Risiken zu erkennen, problematische Entwicklungen offenzulegen und konsequent zu handeln.

Die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik liefern hierfür durchaus Anlass.

Nach Angaben des Bundeskriminalamtes betrug der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger an der registrierten Gewaltkriminalität im Jahr 2025 bundesweit 42,9 Prozent. Bei Vergewaltigungsdelikten lag ihr Anteil bei 38,5 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der registrierten Vergewaltigungen gegenüber dem Vorjahr um neun Prozent.

Diese Zahlen sind politisch relevant und dürfen nicht aus falsch verstandener Rücksichtnahme verschwiegen werden.

Die zentrale Frage lautet deshalb: Welche konkreten Konsequenzen zieht die Politik aus der überproportionalen Beteiligung bestimmter Bevölkerungsgruppen an schweren Gewaltdelikten?

 

Bundes- und Landespolitik müssen Verantwortung übernehmen

Die Verantwortung für die öffentliche Sicherheit verteilt sich auf mehrere politische Ebenen.

Der Bund bestimmt wesentliche Rahmenbedingungen der Migrations- und Aufenthaltsgesetzgebung. Die Länder tragen insbesondere Verantwortung für Polizei, Strafverfolgung und Justizvollzug. Kommunen wiederum müssen sich mit den konkreten Auswirkungen vor Ort auseinandersetzen.

Gerade deshalb darf sich keine politische Ebene aus ihrer Verantwortung stehlen.

Die Bundesregierung muss sich daran messen lassen, ob ihre Migrationspolitik ausreichend kontrollierbar ist, bestehende Gesetze wirksam durchgesetzt werden und ausländische Straftäter tatsächlich mit den vorgesehenen aufenthaltsrechtlichen Konsequenzen rechnen müssen.

Die baden-württembergische Landesregierung wiederum muss erklären, ob Polizeipräsenz, Ermittlungsressourcen, Justiz und Präventionsmaßnahmen den tatsächlichen Sicherheitsbedürfnissen der Bevölkerung gerecht werden.

Für die Lebensqualität der Bürger ist neben der objektiven Kriminalitätsbelastung auch entscheidend, ob sie sich ohne Angst im öffentlichen Raum bewegen können. Wer bestimmte Bahnhöfe, Parks oder Unterführungen aus Unsicherheit meidet, erlebt bereits eine Einschränkung seiner persönlichen Freiheit – unabhängig davon, ob an diesem Ort tatsächlich besonders viele Straftaten registriert werden.

 

Aus Angsträumen müssen wieder öffentliche Räume werden

Besonders bedenklich ist die gesellschaftliche Normalisierung sogenannter Angsträume.

Der Begriff klingt beinahe so, als gehörten diese Orte selbstverständlich zum Erscheinungsbild moderner Städte. Als müsse man akzeptieren, dass es bestimmte Plätze gibt, an denen sich Frauen nach Einbruch der Dunkelheit besser nicht allein aufhalten.

Doch öffentliche Straßen, Bahnhöfe und Parkanlagen sind keine rechtsfreien Räume. Sie gehören der Allgemeinheit.

Dass sich dort Menschen bedroht fühlen, sollte kein Anlass sein, sich dauerhaft mit dieser Situation zu arrangieren. Vielmehr muss überprüft werden, wo tatsächliche Gefährdungen bestehen, durch wen sie verursacht werden und welche Maßnahmen dagegen wirksam sind.

Dazu gehören sichtbare Polizeipräsenz an belasteten Orten, schnelle Strafverfolgung, konsequente Maßnahmen gegen Wiederholungstäter und eine Stadtplanung, die gefährliche Situationen nachweislich reduziert.

Zugleich muss die Politik den Mut besitzen, Kriminalitätsentwicklungen differenziert nach Deliktsarten, Tatorten und Tätermerkmalen auszuwerten. Dazu zählt auch die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Migration und bestimmten Formen der Gewaltkriminalität.

Politische Rücksichtnahmen dürfen eine ehrliche Analyse nicht verhindern.

 

Der eigentliche Skandal ist die Verschiebung der Verantwortung

Der Nightwalk in Friedrichshafen ist für die Teilnehmerinnen möglicherweise eine hilfreiche Veranstaltung gewesen. Sie konnten über ihre Erfahrungen sprechen, praktische Techniken erlernen und sich mit anderen austauschen.

Doch darin erschöpft sich die politische Bewertung nicht.

Denn solche Veranstaltungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verantwortung für die öffentliche Sicherheit in erster Linie beim Staat liegt.

Es wäre ein fatales gesellschaftliches Signal, wenn Frauen zunehmend vermittelt würde, sie müssten sich nur ausreichend selbstbewusst verhalten, gefährliche Orte kennen und im Ernstfall körperlich verteidigen können, um sich im öffentlichen Raum sicher zu bewegen.

Die Frage darf nicht allein sein, wie Frauen mit ihrer Angst umgehen können. Sie muss ebenso lauten, welche tatsächlichen Ursachen diese Angst hat und welche Verantwortung politische Entscheidungen dafür tragen.

Auch eine Zuwanderungspolitik, die mögliche sicherheitspolitische Folgen nicht ausreichend berücksichtigt, gehört dabei auf den Prüfstand. Dasselbe gilt für eine Strafverfolgung, die von Tätern nicht als abschreckend wahrgenommen wird, und für einen Staat, der bestehende ausländerrechtliche Möglichkeiten gegenüber gefährlichen Straftätern nicht konsequent nutzt.

Die Freiheit der Bürger darf nicht schleichend dadurch eingeschränkt werden, dass sie lernen müssen, Unsicherheit als normalen Bestandteil ihres Alltags hinzunehmen.

 

Nicht die Frauen müssen sich anpassen – die Politik muss handeln

Am Ende bleibt ein widersprüchliches Bild: Während Polizei und Stadtverwaltung Frauen zeigen, wie sie sich gegen mögliche Angreifer wehren können, bleibt die grundlegende politische Aufgabe bestehen, Übergriffe möglichst zu verhindern.

Der Nightwalk mag den Teilnehmerinnen mehr Selbstvertrauen gegeben haben. Er beantwortet aber nicht, weshalb sie sich an bestimmten Orten überhaupt bedroht fühlen, wie groß die tatsächliche Gefahr dort ist und was die Verantwortlichen dagegen unternehmen.

Die Bundesregierung und die baden-württembergische Landesregierung müssen sich deshalb einer grundsätzlichen Debatte über ihre Sicherheits-, Strafrechts- und Migrationspolitik stellen. Dabei reichen weder beschwichtigende Hinweise, noch pauschale Schuldzuweisungen aus.

Erforderlich sind überprüfbare Maßnahmen, transparente Zahlen und die Bereitschaft, auch politisch unbequeme Probleme anzusprechen.

Ein Staat sollte nicht erst dann reagieren, wenn Bürgerinnen lernen, mögliche Angreifer anzuschreien oder sich körperlich zur Wehr zu setzen.

Das Ziel muss eine Gesellschaft sein, in der Frauen nachts durch Friedrichshafen gehen können, ohne sich zuvor mit möglichen Verteidigungstechniken beschäftigen zu müssen.

Nicht die Anpassung der Bürger an Unsicherheit darf der Maßstab einer erfolgreichen Politik sein, sondern die Wiederherstellung und dauerhafte Gewährleistung ihrer Sicherheit.

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