
Alice Weidel (AfD) sagte am 21. September 2026 auf der Bundespressekonferenz:
„Adolf Hitler hat eine völlig linksgerichtete Politik gemacht. Er war ein Linksradikaler, ein Linksextremist.“
Das ist eine sehr gewagte Aussage. Deshalb lohnt es sich, genauer zu betrachten, was hinter dieser Behauptung steckt. Es geht darum, weltanschauliche Fragen möglichst genau zu verstehen und die Frage zu stellen, ob die Kategorien, mit denen herkömmliche politische Bewegungen beschrieben werden, ausreichen, um den Nationalsozialismus angemessen zu erfassen.
Links und rechts – Woher kommen diese Kategorien?
Zunächst muss man sich anschauen, woher die Begriffe „links“ und „rechts“ überhaupt kommen.
Ihre politische Bedeutung geht auf die Französische Revolution und die Sitzordnung in der französischen Nationalversammlung von 1789 zurück. Vereinfacht gesagt standen auf der linken Seite eher diejenigen, die eine grundlegende Veränderung der bestehenden politischen und gesellschaftlichen Ordnung anstrebten, während auf der rechten Seite eher diejenigen saßen, die bestehende Strukturen und traditionelle Ordnungen bewahren wollten.
Wenn man diese ursprüngliche Bedeutung als Ausgangspunkt nimmt, wird es beim Nationalsozialismus bereits interessant. Denn der Nationalsozialismus war weder einfach konservativ, noch einfach revolutionär. In vielen Bereichen war er ausgesprochen revolutionär. Er wollte nicht lediglich die bestehende Gesellschaftsordnung bewahren, sondern einen völlig neuen Staat schaffen und die Gesellschaft nach einer umfassenden Weltanschauung ausrichten. Demokratie, Parlamentarismus und die politische Ordnung der Weimarer Republik sollten nicht erhalten, sondern beseitigt werden.
Gleichzeitig gab es Bereiche, in denen der Nationalsozialismus ausdrücklich an bestehenden oder traditionellen Vorstellungen festhielt, beziehungsweise diese in ihrer Bedeutung verstärken wollte. Dazu gehörten beispielsweise Vorstellungen von der natürlichen Familie und Geschlechterpolarität, dem rassisch-ethnischen Abstammungsprinzip, nationaler Gemeinschaft und Hierarchie innerhalb einer Gesellschaft.
Damit zeigt sich bereits, dass die einfache Gleichung “revolutionär = links” und “bewahrend = rechts” nicht ausreicht, um den Nationalsozialismus vollständig zu erklären. Er wollte manche Dinge radikal verändern und andere ausdrücklich erhalten.
Die entscheidende Frage war also nicht einfach, was bewahrt und was revolutionär umgeworfen werden sollte. Entscheidend war vielmehr, was nach den eigenen weltanschaulichen Vorstellungen bewahrt, verändert oder weiterentwickelt werden sollte. Und damit kommen wir zu einem weiteren zentralen Punkt.
“Aber der Nationalsozialismus ist doch ein Sozialismus”
Das nächste Argument lautet:
„Aber der Nationalsozialismus heißt doch Nationalsozialismus. Also muss er doch sozialistisch gewesen sein. Und wenn er sozialistisch war, muss er doch links gewesen sein.“
Auch hier muss man genauer hinschauen.
Denn „Sozialismus“ ist kein Begriff, der automatisch nur eine einzige politische Bedeutung haben kann. Bei Karl Marx steht mit dem historischen Materialismus eine Gesellschaftstheorie im Zentrum, die den materiellen und insbesondere den ökonomischen Grundlagen der Gesellschaft eine entscheidende Bedeutung beimisst. Wie Menschen produzieren, wie Eigentum organisiert ist und wie sich daraus Produktionsverhältnisse und Klassen entwickeln, bildet bei Marx einen wesentlichen Schlüssel zum Verständnis gesellschaftlicher Entwicklung.
Daraus ergibt sich auch die marxistische Vorstellung vom Klassenkonflikt: Gesellschaftliche Verhältnisse sind wesentlich durch unterschiedliche ökonomische Interessen und Eigentumsverhältnisse geprägt. Die Überwindung dieser Klassenverhältnisse wird damit zu einem zentralen Ziel.
Das nationalsozialistische Verständnis von Sozialismus setzt dagegen an einer anderen Stelle an. Hier wird der Begriff nicht einfach im marxistischen Sinne verwendet.
Das lässt sich beispielsweise an einer entsprechenden nationalsozialistischen Argumentation erkennen. Dort wird ausdrücklich gesagt, dass sich die soziale Frage nicht darin erschöpfen dürfe, lediglich eine materielle Besserstellung der Unselbständigen anzustreben. Die materielle Besserstellung wird vielmehr als „nur ein Mittel“ bezeichnet, um eine geistige, sittliche und kulturelle Höherentwicklung des Einzelnen innerhalb der Gemeinschaft zu erreichen.
Auch die ausdrückliche Abgrenzung vom „klassenkämpferischen“ und „alltagsmaterialistischen Sozialismus“ ist aufschlussreich. An dessen Stelle soll eine soziale Ordnung treten, in der sich jeder Angehörige der nationalen Gemeinschaft verpflichtet fühlt.
Damit wird deutlich: Der nationalsozialistische Sozialismusbegriff orientiert sich nicht an der internationalen Arbeiterklasse und dem Klassenkampf, sondern am eigenen Volk und an der „Volksgemeinschaft“.
Das bedeutet allerdings nicht, dass der historische Nationalsozialismus wirtschaftliche Fragen ignorierte oder keine staatlichen Eingriffe in die Wirtschaft vornahm. Entscheidend ist vielmehr, welche gesellschaftliche Ordnung und welches Menschenbild diesen Maßnahmen zugrunde lagen. Damit funktioniert die naive Gleichung „Sozialismus = Marxismus = links = Nationalsozialismus“ nicht.
Zwei politische Bewegungen können denselben Begriff verwenden und darunter etwas grundlegend Unterschiedliches verstehen. Die entscheidende Frage ist daher nicht „Steht Sozialismus auf dem Etikett?“, sondern:
„Was wird unter Sozialismus verstanden, welches Menschenbild liegt ihm zugrunde und welche Gesellschaftsordnung soll daraus entstehen?“
Genau diese unterschiedlichen Vorstellungen sollen im folgenden Abschnitt näher betrachtet werden.
Zwei unterschiedliche Vorstellungen von Sozialismus
Wenn zwei politische Weltanschauungen denselben Begriff verwenden, bedeutet das deshalb nicht automatisch, dass sie darunter dasselbe verstehen. Der entscheidende Unterschied liegt darin, nach welchem normativen Maßstab eine Gesellschaft als gerecht betrachtet wird.
Im marxistischen Denken steht die Überwindung gesellschaftlicher Klassen und die daraus hervorgehenden Herrschafts- und Eigentumsverhältnisse im Mittelpunkt. Die langfristige Zielvorstellung ist eine klassenlose Gesellschaft, in der bestehende Klassen- und Eigentumsverhältnisse überwunden sind. Gesellschaftliche Gleichheit erhält dadurch einen zentralen Stellenwert.
Der nationalsozialistische Sozialismusbegriff setzt dagegen einen anderen Maßstab. Die soziale Ordnung wird nicht primär danach beurteilt, wie weit gesellschaftliche Unterschiede beseitigt waren, sondern danach, welchen Beitrag der Einzelne zur Gemeinschaft des Volkes leistet. Das Leistungsprinzip erhält dadurch eine zentrale Bedeutung.
Der Einzelne wird als Teil der Volksgemeinschaft verstanden und soll seine Fähigkeiten und seine Leistung in deren Dienst stellen. Gerechtigkeit bedeutet deshalb nicht notwendig, dass alle Menschen dasselbe erhalten oder dieselbe gesellschaftliche Stellung einnehmen. Vielmehr sollte jeder entsprechend seinen angenommenen Fähigkeiten und seiner Leistung seinen Platz innerhalb der Gemeinschaft einnehmen.
Damit unterscheiden sich auch die Vorstellungen von Gleichheit und Chancengleichheit.
Eine stark egalitaristische Gesellschaftsvorstellung kann Unterschiede zwischen Menschen vor allem als Ergebnis unterschiedlicher sozialer Bedingungen betrachten und durch möglichst gleiche gesellschaftliche Voraussetzungen ausgleichen. Die nationalsozialistische Weltanschauung geht dagegen von biologisch begründeten Unterschieden zwischen Menschen und ihren Fähigkeiten aus. Unterschiedliche Fähigkeiten werden deshalb nicht grundsätzlich als etwas betrachtet, das durch gleiche Ergebnisse beseitigt werden müsse.
Aus dieser Perspektive bedeutet Chancengleichheit nicht, dass alle Menschen am Ende dasselbe Ergebnis erreichen sollen. Vielmehr soll jeder entsprechend seinen angenommenen Möglichkeiten und Fähigkeiten Zugang zu dem ihm entsprechenden Weg erhalten und sich dort durch Leistung innerhalb der Gemeinschaft bewähren.
Damit stehen sich zwei unterschiedliche normative Vorstellungen gegenüber: ein stärker egalitär ausgerichteter Ansatz, der gesellschaftliche Klassenunterschiede überwinden will, und ein leistungsorientierter Ansatz, der soziale Unterschiede innerhalb einer als Gemeinschaft verstandenen Gesellschaft grundsätzlich akzeptiert und nach Fähigkeiten und Leistung ordnet.
Die historische nationalsozialistische Kritik am Marxismus ging dabei noch weiter. Aus ihrer biologischen und sozialdarwinistischen Perspektive wurde der marxistische Egalitarismus als Widerspruch zu den angenommenen natürlichen Unterschieden zwischen Menschen verstanden. Auch die Vorstellung, gesellschaftliche Leistungen unabhängig von individueller Leistung allen in gleicher Weise zugutekommen zu lassen, wurde aus dieser Perspektive abgelehnt.
Der nationalsozialistische Sozialismusbegriff verband diesen Leistungsgrundsatz mit dem Gedanken der Volksgemeinschaft. Der Einzelne sollte nicht als isoliertes Individuum betrachtet werden, sondern als Glied des Volkes, dessen Stellung und gesellschaftliche Anerkennung sich wesentlich aus seinem Beitrag zur Gemeinschaft ableiten sollten.
Gerade diese unterschiedliche normative Grundlage ist entscheidend, wenn der nationalsozialistische Sozialismusbegriff mit dem marxistischen Sozialismus verglichen wird. Der Begriff „Sozialismus“ allein sagt deshalb noch nicht aus, welche Gesellschaftsordnung tatsächlich angestrebt wird. Entscheidend ist, welcher Maßstab hinter diesem Begriff steht und welches Menschen- und Gesellschaftsbild daraus folgt.
War die nationalsozialistische Wirtschaftsordnung eine marxistische Planwirtschaft?
Ein weiteres rechtsreaktionäres Argument für die Einordnung des Nationalsozialismus als „linksextremistisch“ ist seine starke staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft. Doch auch hier muss genauer betrachtet werden, welche Wirtschaftsordnung der historische Nationalsozialismus tatsächlich anstrebte.
Im marxistischen Verständnis stehen die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln im Zentrum. Die Überwindung des Privateigentums und der bestehenden Klassenverhältnisse ist ein wesentlicher Bestandteil dieses sozialistischen Gesellschaftsentwurfs. In der historischen Umsetzung führte dies in kommunistischen Staaten zur Zentralverwaltungs- beziehungsweise Planwirtschaft.
Das nationalsozialistische Wirtschaftsverständnis unterschied sich davon grundlegend. Es zielte nicht auf die vollständige Abschaffung des Privateigentums und auch nicht auf die Aufhebung des Wettbewerbs ab. Stattdessen wurde eine staatlich gelenkte beziehungsweise regulierte Marktwirtschaft angestrebt, in der der Staat die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vorgibt und dort eingreift, wo wirtschaftliche Interessen nach dieser Vorstellung dem Gemeinwohl entgegenstehen. Wettbewerb und Privateigentum sollten grundsätzlich erhalten bleiben.
Das zeigt sich auch im Verhältnis von kleinen, mittleren und großen Unternehmen. Der Mittelstand sollte ausdrücklich erhalten und gefördert werden. Gleichzeitig wurden Großunternehmen nicht grundsätzlich abgelehnt. Sie konnten dort als notwendig angesehen werden, wo große Investitionen, Forschung oder industrielle Projekte erforderlich waren. Entscheidend war damit nicht allein die Größe eines Unternehmens, sondern seine Funktion innerhalb der Volkswirtschaft.
Auch Privateigentum wurde nicht grundsätzlich abgeschafft. Problematisch war aus dieser Perspektive vielmehr ein Eigentum, das sich von seiner gesellschaftlichen Funktion löste und ausschließlich der Spekulation oder Gewinnmaximierung diente. Der Staat sollte deshalb regulierend eingreifen können, ohne sämtliche Unternehmen zu verstaatlichen.
Ein weiterer Unterschied zeigt sich in der Kapitalismuskritik. Bei Marx steht mit der Mehrwerttheorie die Vorstellung im Zentrum, dass sich der Kapitalist den von der Arbeit geschaffenen Mehrwert aneignet und daraus die Ausbeutung der Arbeit im kapitalistischen Produktionsverhältnis entsteht. Die Kritik richtet sich damit wesentlich gegen die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln und das Verhältnis von Kapital und Arbeit.
Die nationalsozialistische Kapitalismuskritik setzt einen anderen Schwerpunkt. Das Problem wird nicht allein in der Existenz großer Unternehmen gesehen, sondern insbesondere in einer von der Produktion gelösten Finanz- und Geldmacht. Ein frühes Beispiel dafür ist Gottfried Feders Schrift „Das Manifest zur Brechung der Zinsknechtschaft des Geldes“. Darin wird der Zins- und Kreditmechanismus als zentraler Ansatzpunkt der Kritik am bestehenden Geld- und Wirtschaftssystem behandelt. Feder war einer der frühen Wirtschaftstheoretiker der NSDAP; seine Forderung nach der „Brechung der Zinsknechtschaft“ wurde auch in das 25-Punkte-Programm der NSDAP aufgenommen.
Damit wird ein anderer Ausgangspunkt sichtbar: Nicht die bloße Größe eines Unternehmens entscheidet darüber, ob wirtschaftliche Macht als problematisch gilt, sondern ihre Einordnung in die übergeordnete Wirtschaftsordnung. Große Unternehmen konnten daher grundsätzlich eine wirtschaftliche Funktion erfüllen, während spekulative oder als gemeinschaftsschädlich betrachtete Finanzstrukturen bekämpft werden sollten.
Damit wird der entscheidende Unterschied zur marxistischen Planwirtschaft sichtbar: Staatliche Wirtschaftslenkung ist nicht automatisch marxistischer Sozialismus. Entscheidend ist vielmehr, welche Eigentumsordnung besteht, welche Rolle Wettbewerb und private Unternehmen spielen und welchem übergeordneten Zweck die Wirtschaft dienen soll.
Auch historisch muss zwischen diesem wirtschaftspolitischen Ideal und der tatsächlichen Entwicklung des NS-Staates unterschieden werden. Die staatliche Kontrolle und Lenkung der Wirtschaft nahm insbesondere durch die notwendig gewordene Aufrüstung und Kriegswirtschaft erheblich zu. Daraus folgt jedoch nicht automatisch eine Gleichsetzung mit der marxistischen Zentralverwaltungswirtschaft.
Die bloße Tatsache, dass der Staat die Wirtschaft stark lenkt, reicht daher nicht aus, um den Nationalsozialismus wirtschaftstheoretisch mit dem Marxismus gleichzusetzen.
Was war der historische Nationalsozialismus?
Um diese Frage zu beantworten, muss der Nationalsozialismus als umfassende biologische Weltanschauung betrachtet werden. Der Liberalismus stellte das autonome Individuum, seine Freiheit und seine Rechte in den Mittelpunkt.
Der Marxismus erklärte gesellschaftliche Entwicklung wesentlich aus materiellen Produktions- und Eigentumsverhältnissen sowie den daraus hervorgehenden Klassenkonflikten. Spätere neomarxistische Ansätze erweiterten diese Perspektive unter anderem durch soziologische Fragestellungen.
Der Nationalsozialismus setzte an einer anderen Vorstellung vom Menschen und von der Gesellschaft an. Im Mittelpunkt stand das Volk beziehungsweise die propagierte “Volksgemeinschaft”.
Diese Gemeinschaft wurde nicht ausschließlich politisch oder rechtlich verstanden. Der Nationalsozialismus verband den Volksbegriff mit Vorstellungen von Abstammung, Vererbung, Rasse und biologischer Zugehörigkeit.
Damit wurde der Mensch wesentlich als Teil einer größeren biologischen Gemeinschaft betrachtet. Individuelle Eigenschaften, körperliche Merkmale und die Vererbung bestimmter Eigenschaften erhielten innerhalb dieser Weltanschauung eine besondere Bedeutung. Die politische und gesellschaftliche Ordnung sollte sich an dieser Vorstellung vom Volk orientieren.
Damit unterscheidet sich der theoretische Ausgangspunkt deutlich von den zuvor beschriebenen Ansätzen. Während der Liberalismus vom Individuum ausging und der Marxismus die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse und Klassen in den Mittelpunkt stellte, ging der Nationalsozialismus vom biologisch verstandenen Volk aus.
Die biologische Weltanschauung
Ein wesentlicher Bestandteil dieser Weltanschauung waren Vorstellungen aus der damaligen Rassenkunde, Vererbungslehre, Eugenik und dem Sozialdarwinismus.
Diese Forschungs- und Denkansätze waren nicht erst durch den Nationalsozialismus entstanden. Vorstellungen von Vererbung, Rassenunterschieden und Eugenik waren bereits im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert in verschiedenen Ländern Gegenstand wissenschaftlicher und gesellschaftspolitischer Diskussionen. Auch in Deutschland und selbst in den USA waren “Rassenhygiene” und Eugenik bereits vor 1933 wissenschaftlich institutionalisiert.
Der Nationalsozialismus griff diese vorhandenen Vorstellungen auf und verband sie mit seiner eigenen Weltanschauung.
Von besonderer Bedeutung war dabei die Annahme, dass Eigenschaften von Menschen und Menschengruppen wesentlich durch Vererbung und Abstammung bestimmt würden. Die Vorstellung unterschiedlicher menschlicher „Rassen“ wurde mit bestimmten körperlichen, geistigen und charakterlichen Eigenschaften verbunden. Auch die Vorstellung einer biologischen Entwicklung und einer biologischen Konkurrenz zwischen verschiedenen Gruppen spielte eine wichtige Rolle. Daraus entstand eine politische Weltanschauung, in der darwinistische Vorstellungen auf die Gesellschaft übertragen wurden.
Es ging damit nicht nur um die Frage, wie der einzelne Mensch beschaffen ist. Die biologischen Vorstellungen wurden normativ auf das Volk als Ganzes übertragen. Das Volk wurde als eine biologische Gemeinschaft verstanden, deren Entwicklung, Erhaltung und Zukunft politischen Einfluss und staatliche Maßnahmen rechtfertigen sollten.
Auch Begriffe wie “Erbgesundheit””, Rassenhygiene”, “Auslese” und “Volkskörper” sind vor diesem Hintergrund zu verstehen. Sie beschreiben zentrale Bestandteile der damaligen nationalsozialistischen Denkweise und zeigen, wie eng biologische Vorstellungen und politische Ordnungsvorstellungen miteinander verbunden wurden. Damit liegt hier ein entscheidender theoretischer Unterschied zu einem Gesellschaftsverständnis vor, das primär vom Individuum oder von ökonomischen Klassen ausgeht.
Der Nationalsozialismus betrachtete Gesellschaft wesentlich unter dem Gesichtspunkt des biologisch verstandenen Volkes.
Konservativ, revolutionär oder evolutionär?
An diesem Punkt stellt sich die Frage, wie sich dieses Denken politisch beschreiben lässt. Wie wir bereits am Anfang erörtert haben, lassen sich beim Nationalsozialismus sowohl konservative als auch revolutionäre Elemente erkennen. Beides allein beschreibt jedoch noch nicht die dahinterliegende Denkweise. Eine mögliche analytische Bezeichnung dafür ist „evolutionär“.
Damit ist keine dritte politische Kategorie neben links und rechts gemeint, sondern vielmehr eine bestimmte Vorstellung davon, nach welchen Kriterien sich eine Gemeinschaft entwickeln und verändern sollte. Der Ausgangspunkt lässt sich dabei aus dem damals verbreiteten evolutionären und sozialdarwinistischen Denken ableiten. Wenn sich bestimmte Verhaltensweisen, Eigenschaften oder soziale Strukturen im Verlauf der Evolution als Überlebensvorteil erwiesen haben, dann erscheint es aus dieser Perspektive sinnvoll, sie beizubehalten und weiterzuentwickeln.
Umgekehrt können Verhaltensweisen oder gesellschaftliche Phänomene, die unter veränderten Bedingungen keinen Überlebensvorteil mehr darstellen, als überholt betrachtet werden. Sie sollen dann nicht allein deshalb erhalten bleiben, weil sie bereits lange existieren, sondern gegebenenfalls verändert oder durch andere Formen ersetzt werden.
Damit kommt ein weiterer Gedanke hinzu: die Vermeidung einer Reliktbildung. Eine gesellschaftliche Erscheinung kann aus dieser Perspektive irgendwann ihre ursprüngliche Funktion verlieren und trotzdem weiterbestehen. Sie wird dann zu einem Relikt einer früheren Entwicklungsstufe. Eine evolutionär gedachte Gesellschaft soll solche Relikte nicht einfach aus Tradition bewahren, sondern prüfen, ob sie unter den gegenwärtigen Bedingungen weiterhin eine Funktion erfüllen.
Damit entsteht eine Denkweise, die weder einfach auf Bewahrung, noch ausschließlich auf Revolution ausgerichtet ist. Nicht alles, was alt ist, soll erhalten werden. Aber auch nicht alles Bestehende soll beseitigt werden. Entscheidend ist vielmehr die Frage, welche Eigenschaften und Strukturen sich als lebens- und gemeinschaftserhaltend erwiesen haben, welche weiterentwickelt werden müssen und welche unter veränderten Bedingungen ihre Funktion verloren haben. In diesem Sinne kann „evolutionär“ als analytische Beschreibung dieser Denkstruktur verwendet werden.
Das erklärt auch, wie sich konservative und revolutionäre Elemente miteinander verbinden lassen. Was als bewährt und überlebensdienlich gilt, soll erhalten und weitergegeben werden. Was unter veränderten Bedingungen nicht mehr als funktional betrachtet wird, soll verändert werden. Was als überholt und funktionslos erscheint, kann als Relikt verstanden werden, dessen Fortbestand nicht allein durch seine Tradition gerechtfertigt ist.
Diese Denkweise steht in engem Zusammenhang mit der Übertragung biologischer Vorstellungen auf gesellschaftliche Prozesse. Der Begriff der Evolution wird dabei nicht nur zur Beschreibung biologischer Entwicklung verwendet, sondern dient als Modell dafür, wie auch gesellschaftliche und kulturelle Erscheinungen betrachtet werden können.
Die evolutionäre Perspektive fragt danach, was sich unter bestimmten Bedingungen als funktional und überlebensdienlich erwiesen hat, was unter neuen Bedingungen weiterhin funktioniert und was sich verändern muss, damit Entwicklung möglich bleibt. Damit wird auch verständlicher, warum der Nationalsozialismus Elemente bewahren und gleichzeitig andere Bereiche radikal verändern konnte, ohne darin aus seiner eigenen weltanschaulichen Logik einen Widerspruch zu sehen.
Schlussfolgerung
Der Versuch, den historischen Nationalsozialismus allein auf der klassischen Links-Rechts-Dichotomie einzuordnen, wie es seine ideologischen Gegner sowohl des linken, als auch des rechten politischen Lagers versuchen, greift zu kurz. Er verband Elemente, die aus unterschiedlichen politischen Traditionen bekannt waren, mit einer eigenen biologischen Weltanschauung und einer daraus abgeleiteten Vorstellung von Volk, Gemeinschaft, Leistung, Hierarchie und gesellschaftlicher Entwicklung.
Gerade darin liegt der entscheidende Punkt: Konservative und revolutionäre Elemente standen im Nationalsozialismus nicht einfach unverbunden nebeneinander oder gar gegeneinander. Sie wurden innerhalb der eigenen Weltanschauung in einer Synthese miteinander verbunden. Der evolutionäre Gedanke sollte bestimmen, was aus dieser Perspektive erhalten, verändert oder überwunden werden sollte.
Der Nationalsozialismus lässt sich deshalb in unserem analytischen Modell weder einfach als „links“, noch als „rechts“ beschreiben. Sein Anspruch bestand gerade darin, eine eigene politische und gesellschaftliche Ordnung aus einer biologisch begründeten Weltanschauung abzuleiten und jenseits der parlamentarischen Links-Rechts-Dichotomie zu stehen.
Die drei unterschiedlichen Ausgangspunkte lassen sich vereinfacht so gegenüberstellen:
Liberalismus: Der Mensch als Individuum, individuelle Freiheit und individuelle Rechte.
Kommunismus beziehungsweise Marxismus: Ökonomische Produktionsverhältnisse, Eigentumsordnung und Klassenkonflikt.
Nationalsozialismus: Biologie und Volk.
Damit lässt sich der Nationalsozialismus als eine eigenständige Weltanschauung verstehen, deren zentraler Bezugspunkt das biologisch verstandene Volk ist. Gerade dieser Ausgangspunkt unterscheidet ihn in seiner theoretischen Grundlage von den beiden anderen großen ideologischen Entwürfen seiner Zeit und ist der Grund dafür, warum er auch heute von Menschen mit einem simpleren politischen Horizont einfach nicht verstanden wird und stattdessen nur als primitive, politische Diffamierungskeule missbraucht wird.















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