Hier nun der zweite Teil zum Luther-Jahr 2017. Den ersten findest du hier.
Die Aktualität Luthers für uns heute liegt nicht in seiner religiösen Aussage. Wenn man davon ausgehen kann, daß die christliche Religion insgesamt als Bewußtseinsstufe überwunden ist, ist Luther zu verstehen als Teil der philosophischen Gesamtentwicklung des Abendlandes, in der Deutschland und dem deutschen Denken eine führende Rolle zukommt. Die evangelische Kirche ist „deutscher“ als die katholische, weil diese noch ganz geprägt ist von der griechisch-römischen Geistestradition. Insofern ist Luthers Antisemitismus auch so zu erklären: die Schriftgläubigkeit ist näher am Judentum, und gerade deshalb erwartet Luther, daß die Juden sich zu seinem speziellen Christentum massenhaft bekehren, was sie aber nicht tun. Die Juden halten am „Warten auf den Messias“ fest, das heißt: sie bleiben dabei, daß das Judentum „moderner“ ist als das Luthertum, und daß sie es nicht nötig haben. Deshalb haßt Luther die Juden. Er haßt sie also gerade deshalb so, weil er ihnen näher ist als die Katholiken mit ihrem antiken Fundament.
Wenn man annimmt, daß der deutsche Geist das europäische Denken prägt, so ist die Reformation deshalb so wichtig, weil sie den deutschen Geist auf eine neue Stufe führt. Davor entwickelt sich der deutsche Geist unter der katholischen Führung und dem antiken Fundament als GRALSHÜTER des katholischen Christentums, Hüter also des Glaubensgeheimnis der Wandlung von Wein in Blut und Brot in den Leib Christi. Dieses mittelalterliche deutsche Christentum wird zelebriert in den Opern Richard Wagners, „Lohengrin“ und vor allem „Parsifal“.
Wie kann es dann kommen, daß „Parsifal“ im 3. Reich und auch schon vorher in Bayreuth (Houston Stewart Chamberlain und die „Bayreuther Blätter“) als Inbegriff der reinen Rasse gefeiert wird?
Das ist ebenso kompliziert wie logisch: „Parsifal“ greift die alte Bestimmung der Deutschen als GRALSHÜTER auf. In Wirklichkeit hat sich der deutsche Geist inzwischen durch Luther von dieser Bestimmung abgewandt und sich auf die Moderne ausgerichtet. Jesus wird jetzt aufgefaßt als „fleischgewordenes Wort“. Das Christentum tritt in Konkurrenz zum Judentum in der Vorbereitung und Führung der Moderne. Gleichzeitig wendet es sich mit Luther gegen das Judentum. Das Judentum wird bei Luther als Erscheinungsform des Geistes aufgefaßt, noch nicht als Blutsfrage. Das passiert aber, indem die Moderne sich durchsetzt mit ihrem naturwissenschaftlichen Denken. Blut zuerst als Geist (Wein), Blut dann verdrängt durch Schrift (fleischgewordenes Wort), Blut schließlich als Rasse in Konkurrenz zur Schrift (Judentum). Luthers Auffassung der Schrift ist das Scharnier zwischen dem mittelalterlichen und dem modernen Denken. So wird das Antichristentum in Deutschland mit dem Antisemitismus verbunden, während es in den katholischen Nationen eher mit der Freigeisterei einhergeht und mit der Renaissance. Bei den Deutschen erscheint das Antichristentum als Antisemitismus und bezieht sich auf Luther, der gleichsam vom Christentum befreit und zum „Urdeutschen“ umgedeutet wird. So ist er allerdings reaktionär und muß erst wieder mit dem deutschen Idealismus aufgeladen werden.
Wenn Luther die geistige Freiheit bringt durch die Rechtfertigungslehre, gibt der Deutsche Idealismus diesem Subjektivismus von Luther die Realität zurück durch Anbindung an die antike Überlieferung und damit auch wieder an den Katholizismus mit seiner OBJEKIVITÄT. Zusammen hebt diese Bewegung zum Selbst und wieder zurück zum Bewußtsein den deutschen Geist endgültig an die Spitze der Entwicklung im 19. Jahrhundert. Mit Hegel scheint die philosophische und theologische Entwicklung abgeschlossen.
Die historische Entwicklung ist aber nicht abgeschlossen. Es beginnt die Moderne-Kritik von links und von rechts. Und damit beginnt der moderne Antisemitismus.
Luther ist Ausdruck der deutschen Mission, die in der geistigen Prägung Europas und der Welt durch den philosophischen Geist besteht, wie er später durch Kant, Hegel und Nietzsche weitergeführt wurde. Entscheidend ist dabei die Selbstreflexion, die Luther im religiösen Verständnis einführt und die später im Subjektivismus und im Deutschen Idealismus gipfelt. Obwohl Luther tiefreligiös ist und damit ins Mittelalter zurückweist (Kaisersaschern, der leibhaftige Teufel), ist er gleichzeitig der Durchbruch zur Moderne durch die Selbstreflexion und darin enthaltene Freiheit. Auf Luther beruht also sowohl die kapitalistisch-marxistische (moderne) Weltsicht wie auch ihre deutsche Gegenspielerin im deutschen Antisemitismus.

Weshalb ist Luthers Theologie eine Vorstufe zum Subjektivismus gleich Selbstbestimmung des Selbstbewusstseins, wie es im Deutschen Idealismus zum Tragen kommt? In der katholischen Theologie begreift sich das Individuum als Teil der Schöpfung und unterwirft sich der realen Welt. Die reale Welt (das „Sein“ des Aristoteles) wird repräsentiert durch Kirche und Papst und durch den Gehorsam des Gliedes der Kirche durch reale Handlungen (Sakramente) und reale gute Werke (Spenden und Abgaben). Die Kirche repräsentiert sozusagen den Kosmos (antike Philosophie, insbes. Aristotelismus), der Einzelne hat sich diesem Kosmos einzuordnen und zu unterwerfen. Ausdruck findet diese Unterwerfung in realen Verhaltensweisen.
Luther setzt dagegen – gegen pervertierte gute Werke im Ablaßhandel – die Rechtfertigungslehre: es kommt nur auf den Glauben des Einzelnen an („sola fide“). Dieser Glaube besteht darin, daß man selbst von Gott angenommen ist („sola gratia“). Die Sünden sind hingegen unvermeidlich und auch nicht durch gute Werke zu sühnen. Es geht darum zu glauben, daß man trotz seiner Sündenlast die Gnade Gottes in Anspruch nehmen darf. Wichtig ist also nicht die Überwindung der Sünde, wohl aber das Bewußtsein der eigenen Sünde und ein entsprechendes Bewußsein der Gnade. Dieses Bewußtsein bildet sich durch die Lektüre der Schrift („sola scriptura“). Also nicht der Priester, Papst und Kirche als objektive Institutionen entscheiden, was Sünde ist, sondern der Einzelne in seiner Lektüre der Bibel. Daher die Bedeutung von Luthers Übersetzung der Bibel ins Deutsche, so daß jeder seine eigenen Glaubenskämpfe ausfechten mußte und sich nicht darauf verlassen konnte, daß Gehorsam gegenüber der Kirche ausreicht.
So fromm Luther auch ist, so modern ist er eben doch. In der „Freiheit eines Christenmenschen“ ist bereits enthalten die Freiheit vom Christentum und die Umgestaltung der objektiven Welt durch den modernen Menschen. Nicht nur Kapitalismus und Liberalismus, sondern sogar der Marxismus leitet sich so vom Luthertum ab – so behauptet die streng katholische Priesterbruderschaft Pius X. Nimmt man nun den modernen Antisemitismus noch dazu, dann ist die Reformation mit dem 30-jährigen Krieg in der Tat die Wegscheide zwischen Mittelalter und Neuzeit.
Kompliziert wird es wiederum dadurch, daß die Objektivität aus dem Katholizismus und aus der Antike in Form der Renaissance parallel mitberücksichtigt wird und später – als die Moderne tatsächlich beginnt – in den Subjektivismus mit aufgenommen wird, so daß dieser mit realer Macht aufgeladen wird und erst so wirksam werden kann nach der Theologie in Philosophie und Politik. Dies geschieht, wie gesagt, bei Hegel, also wiederum in Deutschland.
Diese Stufe des absoluten Geistes wird in den rein protestantischen Nationen übersprungen durch den kapitalistischen Geist, wie ihn Max Weber beschreibt und aus dem Protestantismus hervorgehen läßt (England, Schweiz, Nordamerika). Das Objektive wird hier nicht mit dem subjektiven Geist vermittelt, sondern als Natur gezielt unterworfen und geformt durch den subjektiven Geist als handelnder Mensch. Der Unterschied zu dem zerknirschten sündenbewußten Menschen bei Luther scheint sehr groß, und doch ist der moderne Unternehmertyp aus diesem direkt hervorgegangen unter Verneinung des sinnlichen schönheitsbewußten Menschentypus in Mittelalter und Renaissance.














