Wider die historische Korrektheit – Stepan Bandera wird offizieller Nationalheld der Ukraine

Politik ist immer auch Geschichtspolitik. Während die Deutschen mittlerweile die letzte Stufe der von den Alliierten nach 1945 planmäßig betriebenen Umerziehung erreicht haben, nämlich deren fortwährenden Betrieb in Eigenregie, gehen insbesondere die osteuropäischen Nationen einen anderen Weg. Hier ist die Erinnerung an die Verbrechen des Kommunismus in all seinen Schattierungen lebendig geblieben und hat zur Etablierung eines realistischen Geschichtsbildes beigetragen, das vielfach auch eine faire Beurteilung des deutschen Präventivangriffs auf die Sowjetunion und den damit verbundenen antikommunistischen Abwehrkampf von Deutschen, Osteuropäern und europäischer Freiwilliger umfasst.

Es war vor allem die Ukraine, die unter der kommunistischen Gewaltherrschaft mit am meisten zu leiden hatte. Im Holodomor ließ Stalin vorsätzlich zwischen 3.000.000 und 6.000.000 Ukrainer verhungern. Weitere etwa 1.200.000 Ukrainer wurden in andere Teile der UDSSR deportiert. Die Zwangskollektivierung und der alltägliche kommunistische Terror führten dazu, dass die deutschen Truppen in nahezu allen sowjetisch besetzten Ländern des Ostens als Befreier begrüßt wurden. Millionen meldeten sich als Hilfswillige für Unterstützungsdienste, Hunderttausende als Freiwillige für die Divisionen der Waffen-SS. Auch viele Russen zogen die deutsche der sowjetischen Herrschaft vor – die auf deutscher Seite kämpfende russische Befreiungsarmee (ROA) des übergelaufenen Generals Wlassow ist die bekannteste jener Formationen, wenngleich nicht die einzige.

Wie viele Völker Osteuropas hatten auch die Ukrainer lange Jahre der Fremdherrschaft hinter sich, bis 1918 durch Hilfe der Mittelmächte ein erster unabhängiger Staat gegründet werden konnte. Der Vormarsch der Bolschewisten machte diesen Versuch nach zwei Jahren zunichte und zwang die Ukrainer in eine Ukrainische Sowjetrepublik von Moskaus Gnaden. Polen und die, ebenfalls neu gegründete, Tschechoslowakei eigneten sich die übrigen ukrainischen Gebiete an, die bis 1918 als Galizien zu Österreich-Ungarn gehörten. 1929 gründeten die national-ukrainischen Gruppen in Wien die Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) mit dem Ziel einer unabhängigen Ukraine.

Stepan Bandera wurde 1909 in Galizien geboren. Nach seinem Schulabschluss studierte er am Polytechnikum Lemberg, das zur damaligen Zeit nur wenigen Ukrainern offenstand, und schloss sich schließlich dort der OUN an. In der Hierarchie der OUN stieg Bandera schnell auf und gehörte seit Anfang der 1930er Jahre zu deren Führungskader. Oberst Konowaletz, Führer der OUN, begann bereits in den 30er Jahren die Zusammenarbeit mit der Abwehr der deutschen Wehrmacht. Nach seiner Ermordung 1938 durch die sowjetische Geheimpolizei wurde diese durch seinen Nachfolger Andrej Melnyk fortgesetzt.

Mit Beginn des deutschen Ostfeldzuges begab sich Bandera nach Krakau, wo er mit der Abwehr der Wehrmacht zusammenarbeitete. Die deutschen Stellen hofften, Bandera würde die OUN noch verstärkt auf die Seite der Deutschen bringen. Tatsächlich wurden bereits kurz nach dem deutschen Einmarsch in Polen aus den Reihen der OUN unter deutscher Aufsicht ukrainische Kampfverbände wie die Legion Ukrainischer Nationalisten gebildet. Nach Spaltung der OUN im Jahr 1940 übernahm Bandera die Führung des radikalen Flügels der OUN, der fortan den Namen OUN-B trug.

Als der Krieg mit der Sowjetunion abzusehen war, bildete die deutsche Abwehr aus Exil-Ukrainern die Legionen „Roland“ und „Nachtigall“. Diese wurden nicht auf Hitler vereidigt, sondern auf einen neuen ukrainischen Staat, der entstehen sollte.

Mit diesem Gewehr erkämpfe ich die Freiheit der Ukraine, oder ich werde für sie sterben, lautete die Eidesformel.

Am 30. Juni 1941 rückte die Legion „Nachtigall“ in Lemberg ein und fand dort 4000 tote Landsleute vor, die der sowjetische Geheimdienst vor seinem Abzug ermordet hatte. In der Folge kam es zu Übergriffen auf die Juden in der Stadt, die der Kollaboration mit den Sowjets verdächtigt wurden.

Am gleichen Tag rief die OUN-B einen unabhängigen ukrainischen Staat aus, der jedoch nicht den deutschen Vorstellungen entsprach. Die Führerschaft der OUN-B wurde interniert. Bandera selbst wurde ab Juli 1941 im Konzentrationslager Sachsenhausen mit dem Sonderstatus eines Ehrenhäftlings inhaftiert, der mit einer größeren möblierten Zelle, einem Schlaf- und einem Wohnzimmer, Bilder an den Wänden und einem Teppich auf dem Boden verbunden war.

Das Gebiet der Ukraine wurde unter der deutschen Herrschaft aufgeteilt – Galizien wurde Teil des Generalgouvernements, die am Fluß Dnjepr liegenden Gebiete wurden zum Reichskommissariat Ukraine, die Bukowina wurde Rumänien zugeschlagen und die Karpato-Ukraine Ungarn.

Während in Galizien das Verhältnis zwischen Deutschen und Ukrainern überwiegend gut war – Ukrainer dienten als Freiwillige in Wehrmacht, Polizei und SS, Diskriminierungen waren verboten – schlug die anfängliche Freude im Reichskommissariat in Feindschaft um. Die herablassende Behandlung durch deutsche Stellen und die Verweigerung einer Zukunftsvision jenseits deutscher Besatzung und wirtschaftlicher Ausbeutung trieben Tausende in den Untergrund. Alfred Rosenberg, Reichsminister für die besetzten Ostgebiete konnte sich mit seinen Vorstellungen einer freien und selbstständigen Ukraine als Bündnispartner des Deutschen Reiches nicht gegen seinen Gegenspieler, den ostpreußischen Gauleiter und Reichskommissar für die Ukraine, Erich Koch, durchsetzen. Mahnende Stimmen, die chauvinistische deutsche Ostpolitik zu ändern, blieben ungehört. Joseph Goebbels notierte bereits im April 1942:

Wir haben in unserer Politik die Russen und vor allem die Ukrainer zu stark vor den Kopf geschlagen. Der Knüppel auf den Kopf ist eben auch Ukrainern und Russen gegenüber ein nicht immer überzeugendes Argument.

Dennoch meldeten sich etwa 250.000 Ukrainer zum Dienst bei Wehrmacht und Polizei, weitere 30.000 zur Waffen-SS.

Mit der zunehmend schwieriger werdenden Lage an der Ostfront wandelte sich auch die Ostpolitik der Nationalsozialisten – zu Beginn des 2. Weltkrieges stand die deutsche Politik noch unter der klassischen Situation, die bereits seit dem 30-jährigen Krieg bestehende geopolitische Zwangsjacke Deutschlands aufzubrechen. Kriegsbedingt änderten sich die Europavorstellungen der Deutschen Führung von nationalstaatlich geprägten Großmachtzielen über die Schaffung eines großgermanischen Reiches bis hin zu einer zukünftigen gemeinsamen europäischen Großraumordnung unter deutscher Führung.

Eingebettet in diese Entwicklung wurde Bandera schließlich am 25. September 1944 aus der Haft entlassen. Er sollte ein ukrainisches Nationalkomitee gründen und an der Seite der Deutschlands Aktionen der ukrainischen Untergrundarmee UPA gegen die Rote Armee lenken.

Die UPA wurde am 14. Oktober 1942 als militärischer Flügel der OUN gegründet. Sie kämpfte gleichermaßen gegen die Deutschen und die Sowjets. Wegen des raschen sowjetischen Vormarsches kam es jedoch nicht mehr zu gemeinsamen Aktionen. Die UPA setzte ihren Untergrundkampf gegen die Sowjets auch nach Ende des 2. Weltkrieges fort – ähnlich antikommunistischen Kämpfern im Baltikum und in Rumänien – und kontrollierte zeitweise die Hälfte der Ukraine. 1954 wurde die UPA von der Roten Armee und der polnischen Volksarmee endgültig zerschlagen.

Bandera selbst flüchtete im Herbst 1946 nach München, wo er sich unter falschem Namen jahrelang vor dem sowjetischen Geheimdienst versteckte. In der Sowjetunion war er wegen seiner antisowjetischen Aktionen in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Aus seinem deutschen Exil steuerte er weiterhin die Aktivitäten der OUN. Agenten des KGB ermordeten Stepan Bandera schließlich am 15.Oktober 1959 im Eingang seines Wohnhauses durch Blausäuregas. Sein Grab befindet sich bis heute auf dem Münchener Waldfriedhof, das seit Ausbruch des Ukrainekonflikts mehrfach geschändet wurde.

Grab Banderas in München

 

Vor allem im Westen der Ukraine wird Bandera heute von breiten Bevölkerungsschichten als Nationalheld verehrt, dort gibt es auch Hunderte nach ihm benannte Straßen, viele lebensgroße Statuen und Büsten, einige monumentale Denkmale sowie mehrere Museen zu seinen Ehren. Die nationalen Organisationen der Ukraine – Swoboda, Rechter Sektor und Nationales Korps – berufen sich ebenfalls auf Bandera. In der russisch dominierten Ostukraine, in Polen, Russland und Israel gilt er hingegen überwiegend als Verbrecher und NS-Kollaborateur.

Im Dezember 2018 wurde Bandera in die Liste der herausragenden Persönlichkeiten der Ukraine aufgenommen, deren Geburtstage und Jubiläen offiziell gefeiert werden. Ab 2019 ist sein Geburtstag ein offizieller Feiertag. Die Veteranen der UPA und OUN sind seit Januar 2019 per Gesetz mit den Veteranen des Zweiten Weltkrieges gleichgesetzt, was für die etwa 1.200 Verbliebenen nicht nur die Ehrerbietung seitens des Staats, sondern auch Anspruch auf eine erhöhte staatliche Rente bedeutet. Wie in den Jahren zuvor zogen am 1. Januar 2019 Tausende Nationalisten durch Kiew, um ihrem Vorbild zu gedenken:

 

Naturgemäß sorgt dieser Verstoß der Ukraine gegen die historische Korrektheit für Proteste insbesondere Russlands. Der russische Senator der Region Krim sprach davon, die endgültige juristische Gleichsetzung der UPA-Kämpfer mit Kriegsveteranen mache die Resultate des Großen Vaterländischen Krieges – eines gemeinsamen Kampfes aller Völker der Sowjetunion – zunichte. Das russische Außenministerium veröffentlichte eine Erklärung, nach der die Verehrung „solcher abscheulicher Protagonisten“ nur Verachtung für das ukrainische Volk und die zahlreichen Opfern Banderas bedeute.

Auch AfD-Außenpolitiker Petr Bystron äußerte sich im Gespräch mit der russischen Zeitung Komsomolskaja Prawda  eindeutig:

„Ich denke, das ist ein großes Problem der ukrainischen Regierung – die Verehrung eines nazistischen Handlangers. Die ungeheuerlichen Verbrechen der Nazis während des Zweiten Weltkrieges gehören verurteilt und dürfen nicht vergessen werden. Jeder, der solche Taten feiert und lobpreist, verhöhnt das Gedenken an Millionen Opfer des Nazismus.“

Die Russland-Freunde unter der deutschen Rechten sollten sich das gut merken – geschichtspolitisch lässt Wladimir Putin auf die Sowjetunion nichts kommen. Außen- und sicherheitspolitisch bleibt ihm ohnehin keine Wahl, als sich an Zarenreich und UDSSR zu orientieren. Die Konstanten der Geopolitik sind unerbittlich und auch die Deutschen haben bereits ausgiebig zu spüren bekommen, dass die Umarmung durch den russischen Bären schnell tödlich enden kann.





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