
Ganz im Westen Indiens, im Bundesstaat Gujarath, führt eine Nebenstraße zu einer kleinen Siedlung. Hier lassen sich werdende Eltern beraten und behandeln. Doktor Narvani leitet einen Ashram – also ein spirituelles Zentrum – für Schwangere. „Heute gibt es in Indien viele Menschen mit Erbkrankheiten und angeborenen Behinderungen. Die genetischen Defekte werden weiter vererbt. Durch die Rückkehr zu den uralten Schwangerschaftspraktiken kann dieser Trend gestoppt werden“, erklärt die Ärztin Karishma Narvani. Das ist zwar nicht sehr wissenschaftlich, entspricht aber einem aktuellen Trend, aus der Schwangerschaft eine Art Kult zu machen, der die Erzeuger mit ihrem Nachwuchs stärker verbindet. Götterverehrung, Yoga, Astrologie und Ayurveda, die alt-indische Gesundheitslehre, bilden die Grundlage. Sex ist während der Schwangerschaft verboten, Fleisch auch. „Ich kann die Wirkung der Methode bereits spüren. Ich habe das starke Gefühl, dass mein Kind sich positiv entwickelt“, erzählt eine Ehefrau. Der Tagesablauf ist genau geregelt, die Wohnhütte spartanisch. Die Frau ist im sechsten Monat schwanger. Sie und ihr Mann hoffen, dass sie für ihre Mühen belohnt werden, so wie angeblich vierhundertfünfzig Paare vor ihnen.
Kinderkriegen als patriotische Aufgabe. Wer zu Doktor Narvani kommt, zunächst in ihre Stadtpraxis, ist in der Regel davon überzeugt, dass Indien vom rechten Weg abgekommen ist, durch muslimische, christliche und materialistische Einflüsse. Das findet auch dieses Paar. „Die Jugend von heute kann man doch vergessen. Da waren unsere Vorfahren doch aus ganz anderem Holz geschnitzt, die hatten mehr Talent, und das wünschen wir uns auch für unser Kind“, sagt die Ehefrau.
Seit drei Monaten lässt sich das Paar anleiten, wie es sein Erbgut durch ayurvedische Praktiken optimieren kann. Für die nächste Woche hat die Ärztin die Zeugung angeordnet.
„Denn dann, so hat sie uns gesagt, ist die Planetenkonstellation ideal. Vorher haben wir bereits unseren Körper gereinigt, unser Blut und unseren Geist“, fügt der Ehemann hinzu.
Wunschkinder nach uraltem Rezept: Im Internet wirbt Doktor Narvani mit Bildern hellhäutiger Babys, das entspricht nicht nur dem verbreiteten Schönheitsideal, sondern auch der unter Hindu-Nationalisten verbreiteten Vorstellung von Reinrassigkeit. Als Beleg dafür, dass ihre Methoden funktionieren, führt sie Deutschland an.
„Die Deutschen haben sich der Weisheiten bedient, die wir selbst vergessen haben. Sie haben ein System entwickelt, wie man starke Kinder erzeugt. Aber ursprünglich kommt das Wissen von hier“, so Karishma Narvani.
Doktor Narvani steht der radikalen Hindu-Organisation RSS nahe. Die Gründer der RSS waren bekennende Anhänger von Adolf Hitler. Den RSS vermuten Kritiker auch hinter dem neuen Vorgeburts-Kult. „Es erinnert mich an das, was die Nazis in Deutschland versucht haben. Hitler hat ja dauernd von Rassenhygiene gesprochen. Wie er wollen auch die radikalen Hindus eine Herrenrasse züchten“, sagt der Historiker D. N. Jha.
Der indische Premierminister Modi ist selbst aus der RSS-Bewegung hervorgegangen, fordert bei jeder Gelegenheit eine Rückbesinnung auf Hindu-Traditionen. Er kommt aus Gujarath, genau wie Doktor Narvani. „Wir wollen in alle indischen Bundesstaaten expandieren. Derzeit betreiben wir in Gujarat sieben Geburts-Zentren. Wir wollen für den bestmöglichen Nachwuchs sorgen, nicht nur in Indien, sondern wenn möglich auch in anderen Ländern“, so Karishma Narvani.
Noch können in Doktor Narvanis Geburtszentrum nur acht Paare gleichzeitig betreut werden: sie sollen Botschafter der angeblich revolutionären Methode werden. Vor allem deren Kinder. Vorausgesetzt, die geraten später so perfekt, wie versprochen.
Video „Indien: Das perfekte Baby“ vom 07.01.18













