
Diese von den Chinesen unbeirrt praktizierte Geschichtspolitik ist inzwischen auch im Westen angekommen. Es gibt nicht mehr wie zur Zeit der Studentenrevolte einerseits die fanatischen Maoisten mit der „roten Bibel“ unter dem Arm und andererseits die Antikommunisten, die in ihm einen Satan „fast so schlimm wie Hitler“ sahen. Ein Jugendbuch der preisgekrönten Autorin Charlotte Kerner mit dem bezeichnenden Titel „Rote Sonne, roter Tiger“ macht die chinesische Ausgewogenheit zum Programm. Hier erscheint Mao als „eine zeitlose Ikone, an die man sich halten kann und auf die man sich beziehen kann, zustimmend oder protestierend.“ Seine Übeltaten spielten sich demnach während der Phase des „Großen Sprungs“ (1958 bis 61), einer mißglückten Wirtschaftsreform, sowie der „Kulturrevolution“ zwischen 1966 bis 76 ab. Hier sollten die westlichen Einflüsse, zum Beispiel die Musik Mozarts, genauso ausgerottet werden wie die traditionelle chinesische Kultur.
Aber vielleicht war das gar nicht der gleiche Mao. Gilt doch inzwischen eine andere Umschrift der chinesischen Schriftzeichen, und so heißt es statt „Mao Tse-Tung“ jetzt nur noch „Mao Zedong“. Wir könnten uns daran ein Beispiel nehmen und einen „vielschichtigen“ deutschen Politiker des 20. Jahrhundert ebenfalls durch einen neuen Familiennamen beehren. Der Name „Schicklgruber“ böte sich an. Dann darf man auch die alten Bilder ruhig wieder aufhängen.
Charlotte Kerner: Rote Sonne, roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong. Belz&Gelberg Verlag, Weinheim, Basel 2015. 300 Seiten, 19,95. Ab 16 Jahren













