Mao Tse-Tung – ein „Vorbild mit Ecken und Kanten“

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Die Chinesen machen uns vor, wie man mit der Vergangenheit umgeht. Man verteufelt sie nicht, bestreitet sie aber auch nicht. Man betrachtet sie „differenziert“. So gilt Mao inzwischen als eine „vielschichtige Persönlichkeit“, die zwar 30 bis 60 Millionen Landsleute auf dem Gewissen hat, aber auch die chinesische Sprache vereinfacht und dadurch dem Analphabetismus entgegengewirkt hat. Vor dem „großen Vorsitzenden“ konnten 90 Prozent der Chinesen nicht lesen und schreiben, heute sind es nur noch 6 Prozent. Überhaupt hatte Mao die schwierige Aufgabe, sein Land aus dem Mittelalter binnen kurzem ins 20. Jahrhundert zu katapultieren, und das geht nun einmal nicht ohne gewisse Härten ab. So verkündete sein Nachfolger Deng Xiaping: „70 Prozent von Maos Handeln für China war gut und 30 Prozent nachteilig.“ Bei dieser Auffassung ist man bis heute im wesentlichen geblieben. Und so gibt es auch keinen wirklichen Grund, das Bildnis der „vielschichtigen Persönlichkeit“ aus der „Mitte der Mitte“, dem „Platz des himmlischen Friedens“ in der chinesischen Hauptstadt, zu entfernen. Zumal Mao auf Einwände gegen seine Massenmorde mit einem gewissen Recht zu sagen pflegte: „Menschen haben wir ja genug.“

Diese von den Chinesen unbeirrt praktizierte Geschichtspolitik ist inzwischen auch im Westen angekommen. Es gibt nicht mehr wie zur Zeit der Studentenrevolte einerseits die fanatischen Maoisten mit der „roten Bibel“ unter dem Arm und andererseits die Antikommunisten, die in ihm einen Satan „fast so schlimm wie Hitler“ sahen. Ein Jugendbuch der preisgekrönten Autorin Charlotte Kerner mit dem bezeichnenden Titel „Rote Sonne, roter Tiger“ macht die chinesische Ausgewogenheit zum Programm. Hier erscheint Mao als „eine zeitlose Ikone, an die man sich halten kann und auf die man sich beziehen kann, zustimmend oder protestierend.“ Seine Übeltaten spielten sich demnach während der Phase des „Großen Sprungs“ (1958 bis 61), einer mißglückten Wirtschaftsreform, sowie der „Kulturrevolution“ zwischen 1966 bis 76 ab. Hier sollten die westlichen Einflüsse, zum Beispiel die Musik Mozarts, genauso ausgerottet werden wie die traditionelle chinesische Kultur.

Aber vielleicht war das gar nicht der gleiche Mao. Gilt doch inzwischen eine andere Umschrift der chinesischen Schriftzeichen, und so heißt es statt „Mao Tse-Tung“ jetzt nur noch „Mao Zedong“. Wir könnten uns daran ein Beispiel nehmen und einen „vielschichtigen“ deutschen Politiker des 20. Jahrhundert ebenfalls durch einen neuen Familiennamen beehren. Der Name „Schicklgruber“ böte sich an. Dann darf man auch die alten Bilder ruhig wieder aufhängen.

Charlotte Kerner: Rote Sonne, roter Tiger. Rebell und Tyrann. Die Lebensgeschichte des Mao Zedong. Belz&Gelberg Verlag, Weinheim, Basel 2015. 300 Seiten, 19,95. Ab 16 Jahren

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