
Sollte allerdings ein nationaler Verlag auf den Gedanken kommen, Hitlers Text ohne distanzierenden Kommentaren wieder auf den Markt zu bringen, so ist ihm eine Klage wegen Volksverhetzung gewiß. Eigentlich wollte der Staat Bayern auf Druck der bekannten „Opferverbände“ sogar das „Institut für Zeitgeschichte“ nach § 130 verklagen. Schließlich aber schien den Beteiligten eine pedantische Verwissenschaftlichung als bestes Mittel, um das Buch auf freiheitliche Weise unschädlich zu machen. So ähnlich wie man uns in der Schule jedes Interesse an deutschen Klassiker von Goethes „Faust“ bis Storms „Schimmelreiter“ ausgetrieben hat. Eine gelehrte Interpretation folgte der anderen, bis von der packenden Handlung nichts mehr übrig war.
Wer an der Lektüre von „Mein Kampf“ Interesse hatte, konnte auch bisher ohne große Schwierigkeiten an das Buch kommen. Entweder antiquarisch oder im Weltnetz: dort findet sich der ganze Text als PDF nach der Ausgabe von 1943 ohne störende Kommentare. Für viele hat allerdings erst die Diskussion um die Neuerscheinung wieder den Blick auf Hitlers Schrift gelenkt. Verfaßt hatte er sie in der Haft in Landsberg und im Jahr darauf, und neben politisch-programmatischen Teilen enthält das Buch auch Autobiographisches und Schilderungen aus den Anfangsjahren der Bewegung.
Heute erhält die Bewegung vom „Rechtsextremismusexperten“ Thoralf Staud einen Rüffel: „Der rechten Szene dient Hitlers Schrift heute kaum noch als politische Inspiration. Sie ist zu einem bloßen Fetisch geworden.“ Ganz unrecht hat er damit nicht. Gerade die Jüngeren lesen ohnehin keine dicken Bücher mehr, da ist es ganz egal, ob es „nur“ 800 oder gleich 2000 Seiten sind. Man sollte aber beachten, daß die theoretische Grundlegung des Nationalsozialismus hier und nirgendwo anders stattfindet. Alfred Rosenbergs „Mythus des 20. Jahrhunderts“ ist von Adolf Hitler niemals als verbindlich anerkannt worden. Umso mehr Gewicht erhält „Mein Kampf“, auch wenn es im Vorwort heißt: „Ich weiß, daß man Menschen weniger durch das geschriebene Wort als vielmehr durch das gesprochene zu gewinnen vermag, und daß jede große Bewegung auf dieser Erde ihr Wachsen den großen Rednern und nicht den großen Schreibern verdankt.“
Von einer „braunen Bibel“ kann also nicht die Rede sein.













