Neu entdeckt: der Terminkalender von Heinrich Himmler

Home/Politik, Gesellschaft und Wirtschaft/Neu entdeckt: der Terminkalender von Heinrich Himmler

Eine Serie in der „Bild“-Zeitung teilte es dieser Tage Millionen von Lesern mit: Der Terminkalender von Heinrich Himmler ist in russischen Archiven aufgefunden worden. Eine Sensation? Könnte es sein, wenn sich aus den 100 schreibmaschinengeschrieben Blättern mit handschriftlichen Notizen aus den Jahren 1938, 1943 und 44 bisher unbekannte Taten Himmlers ergeben würden oder solche, die ihm bisher nicht nachzuweisen waren. Doch die neuen Erkenntnisse bleiben aus, der Kalender vervollständigt und bestätigt nur, was andere Quellen über Himmlers Person und Arbeitsgebiete bereits nahelegen.

Es steht da zum Beispiel am 18.09.43:
9.15 Herr Kersten (der Masseur)
10.30 Frühstück
12.45 SS-Obergruppenführer Berger
13.15 Fahrt zur Wolfsschanze, dabei Vortrag Stabsführer Möckel
14.00 Lage beim Führer
15.00 Mittagessen beim Führer

Das ist ungefähr so spannend wie der Stundenplan unserer schulpflichtigen Kinder. Auch die eingestreuten privaten Termine, die Telefongespräche mit der Tochter Gudrun in Gmund und eine gewisse Hedwig im Hintergrund, die ehemalige Sekretärin und Geliebte erinnern an einen gut organisierten Manager. Weltanschauliche Fragen spielen kaum eine Rolle, obwohl wir wissen, wie sich Himmler zumindest im Frieden dafür interessierte.

In der „Bild-Zeitung“ klingt das dann so: der „skrupellose Vollstrecker“ wird ergänzt durch den „heuchelnden Kümmerer“, die „übliche Mordroutine“ mit anschließendem „geselligen Umtrunk“, kurz: der „Alltag eines Massenmörders“. Und das Schlimmste: „An den Abenden geht Himmler seinen Hobbys nach: Eisstockschießen, Doppelkopf, Filme und Sterne gucken“. Das an Eichmann entwickelte Klischee von der „Banalittät des Bösen“ funktioniert ein halbes Jahrhundert später immer noch, sobald ein „Bösewicht“ unerwartet doch menschliche Züge zeigt. Sie gelten dann wiederum als Zeichen für den moralischen Abgrund.

Leiter der Historiker-Gruppe ist Dieter Pohl von der Universität Klagenfurt. Er hat in den 90er Jahren bereits die Jahrgänge 41 und 42 des Kalenders herausgegeben. Zugegeben ist das Jahr 1944 besonders brisant. Doch auch für diese Zeit gibt das neue Dokument offenbar nichts her. Wenn das Material wie geplant 2017 in zwei Bänden mit Kommentaren gedruckt erscheint, wird es nur für diejenigen unverzichtbar sein, die den Nationalsozialismus mit der gleichen „Pedanterie“ studieren, wie Heinrich Himmler seine SS leitete. Oder für Liebhaber des Kultigen, denn Kultcharakter hat der „Kalender des Grauens“ sicherlich, schon deshalb weil dieses „Grauen“ sich hinter Alltäglichkeit und Normalität so teuflisch tarnt. Das hört man immer wieder gern. Und wenn sich ein Anlaß bietet, ist das Gruselkabinett nicht nur für Bild-Leser schöner als jede seriöse Geschichtswissenschaft.