Jungautorenwettbewerb 02/2017: Platz 1

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Im Rahmen unseres Jungautorenwettbewerbs 02/2017 unter dem Motto „Jugend im Sturm“ veröffentlichen wir nun täglich verschiedene Einsendungen.

Exodus

Ich schalte den Fernseher ein. Vom Bildschirm her blickt mir das schwammige Gesicht eines Politikers entgegen. Er redet davon, wie seine Partei und nur seine Partei die Krise meistern wird. Er hat seinen Satz noch nicht beendet, da fällt ihm seine Kontrahentin ins Wort.
Nicht seine Partei würde die Krise lösen, sondern ihre, und zwar nur ihre. Auch sie hat ihren Satz noch nicht beendet, da fällt er ihr wiederum ins Wort. Ohne sich mit trivialen Dingen wie Beweisen oder Argumenten aufzuhalten, bezichtigt er sie der Lüge. Mit empörtem Gesicht erwidert sie, dass er hier der Lügner sei und nicht sie. Es folgt die gegenseitige Anschuldigung Wahlversprechen nicht eingehalten zu haben, in Korruption verstrickt zu sein und im Allgemeinen ein schlechter Mensch zu sein.
Zwischen beiden sitzend, versucht die Moderatorin die Würde der „Diskussion“ zu retten, doch es ist vergeblich. Das Einzige, was die beiden davon abhält sich gegenseitig zu beißen, zu kratzen und an den Haaren zu ziehe, ist, dass kein Politiker im ungeschmierten Zustand solche Anstrengungen auf sich nehmen würde.
Welch ein unwürdiges Schauspiel. Nichts als leeres Gerede, hohle Phrasen, rhetorische Schaumschlägerei ohne Inhalt. Wenn das Politik sein soll, ist es dann noch verwunderlich, dass sie niemand mehr ernst nimmt, dass niemand mehr glaubte, diese Clowns könnten etwas bewegen ? Sollte es dann wirklich noch jemanden überraschen, wenn die junge Generation, meine Generation, kein Interesse an diesem Trauerspiel zeigt, sich noch nicht einmal die Mühe macht zur Wahl zu gehen ?
Diese Farce echter Politik beginnt mich zu langweilen und ich schalte um.
Auf dem Bildschirm erscheint ein Herr in einem schicken Anzug, seine Haare triefen vor Pomade und sein Mund ist zu einem schmierigen Lächeln verzogen. Eine Texteinblendung weist ihn als Wirtschaftsexperten aus. Er hat schlechte Nachrichten. Die Zahlen stimmen nicht. Welche ? Alle ! Zu wenig Wirtschaftswachstum und Konsum. Zu hohe Lohnkosten und Sozialstandards. Das müsse sich ändern, denn den Investoren aus aller Welt gefalle dies nicht. Man solle doch mal nach Indien und China blicken, dort wachse die Wirtschaft, dort warte das große Geschäft. Dass man diese Geschäfte auf dem Rücken der wie Sklaven lebenden Arbeiter macht, scheint diesen Herrn nicht zu interessieren. Aber warum auch. Was sind für ihn schon Menschen. Nur Arbeiter und Konsumenten. Menschliche Maschinen, deren einzige Aufgabe darin besteht, die Produkte, die sie herstellen, auch wieder zu verbrauchen, und das möglichst schnell bitte. Ohne zu murren sollen sie im Hamsterrad der Wirtschaft und Finanzmärkte rennen. Was sind schon Werte, was sind schon Träume und hohe Ziele? Die Rendite muss stimmen, die Aktienkurse müssen steigen, nur das bringt Geld und nur Geld zählt! Ehre, Treue und Stolz kann man nicht verkaufen, nicht gegen Zins verleihen. Prinzipien sind schlecht fürs Geschäft, mindern den Absatz, machen den Menschen immun gegen die Gehirnwäsche des Marketings. Verschwinden sollen diese Dinge, nur noch die Gier und der Geiz soll den Menschen regieren, die Hatz nach Geld und immer mehr Geld seine einzige Aufgabe im Leben sein. Wie Bahnhofjunkies jagen wir ihm nach, sehnen uns nach dem nächsten Kick, den es uns bringt, der unsere trostlose, eintönige Existenz für ein paar wenige Augenblicke aufhellt, nur um kurz darauf in einer Realität zu erwachen, die nach grauer ist als zuvor.
Menschen wie er, dort im Fernseher, die sich an den Börsen und Banken tummeln, sind die Dealer, die sich an dieser Welt der Junkies bereichern. Mit kaufmännischer Gerissenheit verkaufen sie die Hoffnung es bald geschafft zu haben, nur noch ein wenig mehr Arbeit, ein wenig mehr Verzicht und man selbst könnte auch in ihre erlesenen Ränge aufsteigen, einer von denen werden, die den Reichtum der Massen abschöpfen.
Wie kann der Mensch so blind sein, hält man ihm eine Karotte vor die Nase, rennt er, bis er umfällt. Kein Pferd wäre so dumm, geschweige denn ein Esel. Ich begreife die Kurzsichtigkeit der Menschen nicht. Können sie nicht sehen, dass sie Teil eines verkommenen Systems sind, dass sie nur ausgebeutet werden? Oder wollen sie es nicht sehen? Bin aber nicht auch ich ein Teil dieses System, bin auch ich nicht in ihm gefangen? Was sollte ich den tun?! Wie kann ein Einzelner dieses Monstrum, diese Abscheulichkeit, die alle Macht der Welt hinter sich hat, bezwingen oder ihr auch nur entkommen? Hilflosigkeit über die Ausweglosigkeit meiner Lage überkommt mich und mit ihr die Wut. Wut über eben diese Hilflosigkeit und meine Bereitwilligkeit mich genau wie der Rest der Massen mit dieser Ausweglosigkeit am Ende doch abzufinden.
In der Hoffnung mich von diesen negativen Gedanken zu befreien, schalte ich erneut um. Ich bleibe bei einer Reality-TV Show hängen.
Die Kamera schwenkt durch eine Wohnung, langsam, damit der Zuschauer sich am Elend, das die auffängt, ergötzen kann. Die Wände ziert eine mit Stockflecken übersäte, geschmacklose Tapete. Die Decke, vor langer Zeit einmal weiß, ist von Zigarettenrauch vergilbt. In der Küche stapelt sich das mit Essen verkrustete Geschirr.
Im Wohnzimmer sucht man Bücher oder auch nur Zeitschriften vergebens, stattdessen thront ein riesiger Fernseher in der Mitte des Raumes, offenbar das Zentrum des ganzen Familienlebens. Auf der alten Couch vor dem Fernseher sitzt ein Mann. Mit ausdrucksloser Mine starrt er in den Fernseher. Ein fleckiges Unterhemd spannt sich über seinen gewaltigen Wanst, in der Hand hält er eine Bierdose, augenscheinlich nicht seine erste an diesem frühen Mittag.
Die Szene trieft vor Trübsal und Hoffnungslosigkeit, die bedrückende Enge dieser vier Wände ist zum Greifen nah. Abscheu und Mitleid ringen in mir miteinander, doch ich kann mich nicht losreißen.
Eine Frau, ebenso verwahrlost wie der Mann auf der Couch, betritt den Raum. Sie schreit ihren Mann an, der Sohn sei heute schon wieder nicht in der Schule gewesen, er sollte etwas dagegen unternehmen. Als wenn eine gescheiterte Existenz wie er irgendjemandem Disziplin beibringen könne, geschweige denn ein Vorbild sein könnte. Und so sitzt er auch einfach nur da und lässt die Beschwerden seiner Frau apathisch über sich ergehen. Sie, mit dem Effekt den ihre Worte haben nicht zufrieden, tritt an den Fernseher und schaltet ihn aus. Dies bringt dann doch eine Reaktion aus dem Mann hervor, wenn auch nicht die gewünschte.
Mit einer für seine Körperfülle beachtlichen Geschwindigkeit springt er auf, wirft dabei seine Bierdose zu Boden und fügt damit den zahllosen Flecken auf dem Teppich einen weiteren hinzu. Mit vom Alkohol gezeichneter Stimme beginnt er seine Frau zu beleidigen, sie, sichtlich den Tränen nahe, erwidert seine Worte durch Vorwürfe ihrerseits. Mit einer perversen Lust an diesem Schauspiel hält die Kamera immer weiter drauf, fängt jedes Detail ein. Im Hintergrund fängt ein Kind an zu schreien und eine Mischung aus Ekel, Verachtung und unbändigem Hass auf diese beiden Degenerierten kommt über mich.
Ist es das, was der Mensch mit seiner Freiheit tut? Im Sumpf seiner Unzulänglichkeiten und Gelüste versinken? Sind dies überhaupt noch Menschen oder nur noch Tiere? Ist nicht der freie Wille das, was den Menschen zum Menschen macht, in ihnen schon lange verkümmert? Sind sie nicht schon kaum mehr als Sklaven ihrer eigenen Triebe?
Während diese Gedanken durch meinen Kopf gehen, ist der Streit noch immer in vollem Gange und noch immer saugt die Kamera jeden übelkeiterregenden Eindruck gierig auf.
Der Hass, den ich beim Anblick dieser beiden verspüre, lässt nach, doch gleichzeitig drängt sich eine neue Wut aus meinem Innersten an die Oberfläche.
Diese beiden dort, haben sie den jemals gelernt anders zu sein? Haben sie jemals ein Vorbild gehabt? Eines, das ihnen ein anderes Leben als dieses vorgelebt hat? Wahrscheinlich nicht und ist nicht ohnehin das Freilassen aller Triebe, die Bejahung des Primaten im Menschen, ein Merkmal unserer Zeit?
Was ist der Mensch nur für ein erbärmliches Wesen. Millionen Jahre der Evolution brachten ihn als die Krone der Schöpfung hervor. Er unterjochte den ganzen Planeten. Erschuf Maschinen, die von Magie kaum noch zu unterschieden sind, die die Sterne für ihn in greifbare Nähe rückten und anstatt sich auf das letzte große Abendeuter zu begeben und sich zu ihnen aufzuschwingen, nutzt er all dies, damit sich die ganze Welt, in hochauflösenden Bildern, am Ehestreit dieser armseligen und bemitleidenswerten Kreaturen ergötzen kann.
Die Massen, die sich an diesem kranken Schauspiel amüsieren, sind die, die man verachten sollte!
Oder leben auch sie in einem ähnlichen Elend? Erbauen sie sich vielleicht nur an der Gewissheit, dass es Menschen gibt, die noch asozialer und niedriger sind als sie selbst?
Schaue nicht auch ich mir diese Sendung an, um mich von der hilflosen Wut über meine Machtlosigkeit abzulenken?
Die ganze Welt muss verrückt geworden sein. Nichts ist, wie es sein sollte. Eine Ordnung herrscht über die Welt, die schlimmer ist als totale Anarchie. Musiker inspirieren nicht mehr die Jugend durch Lieder, in denen der edle Opfermut vergangener Helden besungen wird, stattdessen singen sie über den Bodensatz der Gesellschaft, preisen Hedonismus und den Kult des Ichs. Die Künste schaffen keine Werke der Schönheit mehr, die das gemeine Volk bewegen, stattdessen unterbieten sich in ihnen talentlose Pfuscher mit infantilen Schmierereien. Die Moral erzieht den Menschen nicht mehr zu einem moralischen Wesen, erschafft ihn im nicht mehr ein starkes Gefühl von dem was richtig und was falsch ist, sondern erklärt die Abwesenheit von Werten zum Wert. An nichts zu Glauben ist der Glaube unserer Zeit, der Nihilismus ihre Religion. Wie andere Religionen auch hat auch sie ihre Ketzer und Sünder. Männer und Frauen die Prinzipien und Überzeugungen haben, nach denen sie leben. Sie sind die Gotteslästerer unserer Zeit, man nennt sie engstirnig, autoritäre Geister oder Faschisten, weil sie es wagen, sich diesem Sog ins Tierische zu widersetzen.
Wo die Antike die Mäßigung predigte, preist man heute die Maßlosigkeit. Völlerei, Faulheit, Feigheit, Rückgratlosigkeit, alles ist erlaubt, solange es den Menschen dem Tiere näher bringt. Ja selbst das Tierische ist nicht tief genug.
Einst strebten die Menschen danach ihre Schwächen und Fehler, all das, was nur allzu menschlich ist, zu überwinden, zu immer neuen Höhen vorzudringen und so den Göttern näherzukommen. Heute strebt alles in die andere Richtung. Nicht der Gipfel des Olymps ist das Ziel, sondern die tiefsten Abgründe der menschlichen Existenz.
Alles, was den Menschen erhöht, wird bekämpft, bis er nur noch ein geistloses Stück Fleisch ist, das grade noch genug Instinkt besitzt, um seine biologischen Bedürfnisse zu befriedigen.
Über diesem Sumpf aus Elend erheben sich die Eliten, welche die Horden der zu seelenlosen Robotern degradierten Menschen versklaven. Wer diese Eliten sind? Männer wie der „Experte“, den ich im Fernsehen sah. Nein, nicht er. Das war nur ein Handlanger, ein Lackei der wahren Herrscher dieser Welt. Männer und Frauen, deren Namen die Massen weder kennen, noch sich dafür interessieren sie zu kennen, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt sind, von einem Zeitvertreib zum Nächsten zu rennen. Selten sieht man diese Menschen in der Öffentlichkeit. Sie bevorzugen es, aus den Schatten heraus zu lenken. Schicken ihre unabhängigen Experten und NGOs, um ihre Interessen durchzusetzen, bedienen sich der Presse, um die Meinung der Masse in ihrem Sinne zu manipulieren. Und sollte all dies nicht ausreichen, kaufen sie einfach Politiker. Politiker wie die, die ich im Fernsehen sah. Auf beiden Seiten natürlich, um der Masse ein dramatisches Schauspiel zu liefern und sie so im Glauben zu wiegen, sie würde sich selbst regieren.
Mit jeder Sekunde wird mir die Falschheit dieser Ordnung bewusster. Wie ein Parasit saugt sie ihr Opfer erbarmungslos aus, unbeeindruckt davon, dass sein Tod auch der ihre sein wird. Sie widert mich an. Ich wünschte, ich könnte sie wie ein Geschwür ausbrennen. Aber wie ? Da ist sie wieder, die Hilflosigkeit und wieder verachte ich mich für dieses Gefühl.
Ich halte es nicht länger aus, ich muss etwas tun, irgendetwas ! Unrast ergreift von mir Besitz, keine Sekunde länger ertrage ich die Enge meiner Wohnung. Ich muss hinaus, brauche Luft zum Atmen.

Ich trete aus meiner Wohnung auf die Straße und anstatt Erlösung zu finden, verschluckt mich das Monster der Großstadt. Um ich herum nichts als Beton und Asphalt, kalt, tot und unbewegt. Mit ohrenbetäubendem Lärm schiebt sich Auto an Auto langsam durch die Straßen und auf den Bürgersteigen tummelt sich das, was von den Menschen die diese Stadt einst bevölkerten, noch übrig ist. Eine braune, formlose Masse, ein Gesicht wie das andere. Tote Augen, die nicht nach links und nach rechts schauen, aus denen nichts spricht als Stumpfsinn und totale Erschöpfung. Hoch über all dem thronen die Werbetafeln, rufen den Kreaturen unter sich zu: Kauf! Kauf! Kauf, damit deine elende Existenz an diesem gottverlassenen Ort für ein paar Momente erträglicher wird, fülle die Leere in deinem Herzen mit wertlosem Tand. Ich schiebe mich durch diese Massen, umgeben von Menschen und doch allein, getrieben von nur einem Gedanken, ein Gedanke, der sich mit jedem Schritt zum Wahn steigert. Nur weg, weg von diesem Ort, der alles verkörpert, was ich verachte.
Ich sehe einen Bus, dessen Ziel mich endlich aus dieser menschengemachten Hölle bringen wird. Mit einem nahezu übermenschlichen Akt der Anstrengung sammle ich die Reste meiner Selbstbeherrschung und zwänge mich in das überfüllte Innere des Busses. Die Tür schließt sich hinter mir und ich möchte schreien vor Ekel. Dicht an dicht drängen sich die vom Schweiß nassen Leiber. Die Luft ist schwer, verbraucht und von allen denkbaren und undenkbaren Gerüchen geschwängert. Im hinteren Teil des Busses plärrt aus den Lautsprecher des Mobiltelefons einiger Jugendlicher ein Rapper seine Obszönitäten. In diese ohnehin schon ohrenbetäubende Geräuschkulisse mischt sich ein Gewirr aus mindestens ein Dutzend verschiedener Sprachen, nur meine eigene ist nicht zu vernehmen. Nur vereinzelt nehme ich Gesichter wahr, die wie das meine sind. Leise sitzen sie da, Arme und Beine fest an den Körper gezogen, um der braunen Masse um sich herum mehr Raum zu geben. Die Augen starr nach vorne gerichtet Blicken sie in Leere und wünschen sich, sie wären nicht hier.

Nach einer scheinbar endlosen Fahrt erreicht der Bus endlich sein Ziel. Wie gejagt, die Bestie der ich zu entfliehen versuche immer noch im Rücken glaubend, stürze ich aus dem Bus. Getrieben vom Gedanken möglichst viel Distanz zwischen mich und dieses Ungetüm zu bringen stürze ich vorwärts, suche nach einem Ort, der mir Zuflucht gewährt.
In einiger Entfernung entdecke ich einen Wald und ohne zu wissen warum, steuere ich darauf zu. Wie eine schwarze undurchdringliche Mauer erhebt er sich in der fortgeschrittenen Dämmerung vor mir. Ich spüre, wie sich Furcht in mir breitmacht, mich zum Umkehren bewegen will, doch meine Schritte stocken nur kurz, denn ich spüre, wie eine namenlose Macht mich aus dem Inneren dieser dunklen Festung ruft.
Während ich anfangs noch über gut ausgebaute Wege und durch einen „sauberen“ Wald wanderte, führte mich das Flüstern dem ich folge tiefer und tiefer hinein, bis ich mich schließlich durch dichtes Unterholz schlagen musste. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich zu zweifeln beginnen, ob ich überhaupt noch in einem modernen westeuropäischen Wald sei, so unberührt schien die Wildheit dieses Ortes.
Die Zeit vergeht wie im Fluge und die Dämmerung geht in eine wolkenverhangene, rabenschwarze Nacht über. In fast völliger Dunkelheit schlage ich mich durch das immer dichter werdende Unterholz. Schritt für Schritt muss ich mich nun vorwärtskämpfen. Fast scheint es mir, als habe der Wald sich gegen mich verschworen, als täte er alles in seiner Macht stehende, um mich im Weitergehen zu hindern. Versteckte Wurzeln, unsichtbare Äste und schlammige Löcher, er wirf mir alles, entgegen was er aufzubieten hat, doch ich gebe nicht auf, ringe ihm Zentimeter um Zentimeter ab, angetrieben vom Willen mein unbekanntes Ziel zu erreichen.
Ich weiß nicht, was mich dort erwartet, ich weiß noch nicht einmal, was mich dorthin ruft. Ich weiß nur eines, ich muss dort hin, nichts anderes zählt.
Das Dickicht vor mir beginnt sich langsam zu lichten, ich spüre, dass ich meinem Ziel ganz nah bin, nur noch ein paar Meter. Ich stürze nach vorne, breche mit roher Gewalt durch die letzten Zweige und taumele auf eine gewaltige Lichtung.
Wolken bedecken noch immer den Mond und ich erkenne nicht viel, doch das, was ich erkenne, raubt mir den Atem. In der Mitte der Lichtung erhebt sich ein titanisches Etwas in den Himmel. Seine schiere Größe lässt mich an meinen Verstand zweifeln. Die Spitze dieses Dings scheint in den Wolken zu verschwinden und schlimmer noch, es bewegt sich. Das dort vor mir ist kein Turm, kein Mast oder eine Antenne, nein es lebt, es bewegt sich langsam von Links nach Rechtes als lausche es einem Rhythmus.
Meine Furcht vor dem, was dort auf der Lichtung steht, wird durch eine fast greifbare Aura des Schreckens verstärkt, die es umgibt. Eine archaische Brutalität sowie eisige emotionslose Kälte gehen von ihm aus, alles an diesem Ding schreit danach, dass es nicht in unsere Zeit gehört, nicht in die Zeit der Aufklärung, der Menschenrechte und der Demokratie. Es ist ein Relikt aus längst vergessenen Zeiten, Zeiten, in denen sich die ersten Menschen ängstlich um den Schein ihres Feuers scharten, Zeiten, in denen die Angst vor der Dunkelheit geboren wurde, die auch uns noch des Nachts namenlose Schrecken in den Schatten vermuten lässt.
Was auch immer es ist, kein Mensch hätte es zu Gesicht bekommen sollen. Blankes Entsetzen packt mich, als ich begreife, dass dieses Ding mich hier an diesen gottverlassenen Ort rief.
Wie konnte ich so dumm sein ? Ich hätte nicht hier herkommen sollen. Der Wald selbst wollte mich davon abhalten in mein Verderben zu rennen, aber ich kämpfte gegen ihn an und nun stehe ich diesem Schrecken gegenüber.
Wir Menschen taten gut daran, uns in die Städte zu flüchten. Wir taten gut daran, die Natur mit Asphalt und Beton zu überdecken, sie aus unseren Städten zu verbannen. Doch es gibt kein Entkommen. Wir sind nichts im Angesicht ihrer Macht. Beraubt man uns unserer Technik und wirft uns in die Dunkelheit, ergreift auch uns noch die gleiche Furcht in Anbetracht unserer Verletzlichkeit, wie die Menschen sie vor 10.000 Jahren verspürten. All unser Fortschritt hat uns doch nicht von der Natur und ihren eisernen Regeln befreit, noch immer hält sie uns mit unbarmherzigen Klauen umschlungen, jederzeit bereit uns zu zerquetschen, sollte sie unser überdrüssig werden.
Ist dieser Zeitpunkt nun gekommen? Ist deshalb dieses Ding in unserer Welt gekommen? Ist dies der Gegenschlag der Natur, der Preis für den Versuch, sich ihren Geboten zu widersetzen? Wurde ich gerufen, um das erste Opfer zu sein?
Unvermittelt setzt ein starker Wind ein und die Wolkendecke beginnt aufzubrechen. Kaltes Mondlicht beginnt die Lichtung zu fluten und ich erkennen nun, was dort auf der Lichtung steht. Kein Monstrum, nicht der Rächer der Natur, sondern eine Esche, die zwar nicht wie meine Sinne mir glauben machen wollten, bis in die Wolken ragt, nichtsdestotrotz aber der größte Baum sein muss, den ich jemals sah. Seine Rinde ist von tiefen Furchen durchzogen, Narben aus dem Kampf gegen die Witterung, die er schon seit Ewigkeiten führen muss. Doch obwohl er uralt sein muss, geht von ihm immer noch eine unheimliche Kraft aus, nicht die furchterregende Brutalität, die ich eben noch spürte, sondern eine Ehrfurcht gebietende Stärke. Vor mir steht nicht kein schwächlicher Greis, sondern der erhaben König dieses Waldes, der sich trotz seines Alters ungebrochen in den Himmel reckt.
Nun verstehe ich. Was ich als Brutalität wahrnahm, war in Wirklichkeit der unbändige Lebenswille dieses Baumes, war die Unbeugsamkeit, mit der er gegen die Schwerkraft ankämpft, die ihn nach unten ziehen will, und die Macht mit der er sich ihr widersetzt, um der Sonne nähe zu sein.
Kein Wunder, dass ich dies nicht sofort verstand, komme ich doch von einem Ort, an dem kein Lebewesen noch eine solche Kraft in sich trägt. Kein Wunder, dass sie mich in Schrecken versetzte, komme ich doch von einem Ort, an dem die Wesen so schwach sind, dass ihnen alles, was noch einen ungebrochenen Willen in sich trägt, wie ein wütender Gott vorkommen muss.
Ob der Mensch auch einmal so war, bevor die Städte und ihre Kultur der Dekadenz ihn zu dem machten, was er heute ist ?
Denke ich an die verabscheuungswürdigen Wesen in der Stadt zurück, kann ich mir dies kaum vorstellen. Wie Blätter im Wind lassen sich die Menschen dort vom Zeitgeist umherwehen, leben nur im hier und jetzt, scheren sich einen Dreck um das, was vor ihnen war und um das, was nach ihnen kommt. Nicht so diese Esche. Tief verwurzelt steht sie im Boden, der sie nährt, Jahr ein Jahr aus, bei gutem und bei schlechtem Wetter steht sie unbewegt und fest an ihren Platz. Was kümmert sie der Lauf der Zeit, was grade Mode ist und was nicht oder die anderen Trivialitäten, die uns Menschen so viel bedeuten. Sie ist die totale Umkehrung der Welt der Städte, ihr Sein die Antithese zur dekadenten Kultur der Moderne. Nein die Moderne ist nicht die Umkehrung der Existenz dieses Baumes, dieser ganze Ort ist es, die wilde ursprüngliche Natur an sich, sie ist es, mit der die Moderne im Widerspruch steht.
Wo die Welt der Moderne nur schwächliche Wesen hervorbringt, schwächlich in Geist und Körper, ja Schwäche und Feigheit durch den Pazifismus zur Tugend erklärt, ist die Natur frei von solchem Unsinn. Wer nicht bereit ist zu kämpfen, hat in ihren Augen das Recht zu Leben verloren. Der Starke hat sich nicht für seine Stärke und seinen Willen zu Leben zu entschuldigen und treffen zwei Wesen aufeinander, dann sollen sie sich messen, auf dass der stärker, klügere und gerissener gewinne und sich fortpflanze, während der Unterlegene sich mit den Resten zufriedengeben muss.
Ist dies grausam? Kein Zweifel, doch was haben die Menschen davon, dass sich diesem Gesetz widersetzen? Die wertlosesten und niedrigsten Vertreter der Spezies Mensch vermehren sich wie Unkraut, nehmen den Höheren Raum und Ressourcen weg, die aufgrund ihrer Überlegenheit rechtmäßig ihnen gehören würden, verpesten sogar den Genpool, der die Erscheinung eines höheren Menschentums überhaupt erst möglich macht. Die Gesetze der Natur mögen hart und grausam sein, ist die Negativauslese, der wir Menschen uns unterworfen haben, jedoch nicht viel grausamer? Ist Härte vielleicht die Vorraussetzung für alles Schöne, wird ohne sie die Welt nicht in einem Sumpf der Mittelmäßigkeit versinken?
Wir sehen den Niedergang schon jetzt, überall. Jeden Tag wird die Welt und die Menschen die in ihr Leben ein wenig hässlicher, nicht nur äußerlich, sonder vor allem auch innerlich. War nicht die inhärente Widerwärtigkeit der Stadt, die wie kein anderer Ort den Geist der Moderne widerspiegelt, der Grund warum ich in Panik floh? Suchte ich nicht vielleicht die einfache, ursprüngliche Schönheit der Natur? Fand ich deswegen hierher, rief mich deswegen die Esche zu diesem Ort?
Es spielt keine Rolle, was zählt, ist, dass ich hier bin und diesen Ort nie wieder verlassen möchte. Wie ein Kind im Schoße seiner Mutter möchte ich mich zu Füßen der Esche zusammenrollen und diesen Ort seine geschundene Seele heilen lassen.

Von der Gewalt meiner Emotionen gelähmt stehe einfach nur da, als mich etwas aus meiner Trance reisst. Etwas stimmt nicht, ich kann nicht sagen was, aber irgendetwas ist nicht so, wie es sein sollte. Ich lasse meinen Blick schweifen, entdecke etwas und gehen darauf zu. Ich erreiche die Anomalie und bleibe unwillentlich stehen. Voller Verwunderung schaue ich auf eine Ansammlung von Objekten im Grass vor mir. Als handle es sich um Fremdkörper von einer anderen Welt, starre ich sie an, mein Geist zunächst nicht in der Lage sie einzuordnen. Langsam beginne ich zu begreifen, was ich da im Grass vor mir sehe und meine Verwunderung wandelt sich in empörtes Entsetzen.
Vor mir liegen, umgeben von Zigarettenstummeln, einige achtlos hingeworfene Bierflaschen, zweifellos die Reste eines Saufgelages einiger Städter. Hass steigt in mir auf. Wie können sie es wagen. Wie kann die Welt da draußen es wagen diesen heiligen Ort mit ihrer Unreinheit zu beflecken? Ist denn nichts auf dieser Welt sicher vor ihrer Dekadenz?
Wie aber auch. Wie ein Krebsgeschwür muss die moderne Welt sich ausbreiten, alles edle, gesunde und schöne korrumpieren, bis die ganze Welt einem Tumor gleicht.
Im lodernden Feuer dieser Wut, schmiede ich den Entschluss diese Welt der Falschheit zu vernichten. Ihre Existenz ist ein Verbrechen gegen das Leben, ein Affront gegen jeden Sinn für Ästhetik.
Aber wie? Wie soll ich als Einzelner dieses Ungetüm bezwingen? Soll ich alleine gegen ihre Mauern anrennen und elendig dabei zugrunde gehen, ohne etwas dabei zu bewegen, noch als Mahnmal für andere dienen, dass jeder Widerstand zwecklos ist?
Schon wieder Hilflosigkeit, schon wieder Verachtung für dieses Gefühl. Ich spüre, wie die Verzweiflung ihre Finger nach mir ausstreckt, als ich im Dickicht links von mir ein Knacken vernehme. Eine junge Frau schiebt sich aus dem Unterholz, scheinbar ohne mich wahrzunehmen, geht sie auf die Esche zu und bleibt vor ihr stehen. Es knackt erneut. Ein junger Mann tritt hervor, auch er geht, ohne mich zu beachten, auf die Esche zu. Noch ein Knacken noch eins und wieder eines. Es hört gar nicht mehr auf. Einem Knacken folgt das nächste. Eine Armee scheint sich durch den Wald auf die Lichtung zuzubewegen. Dann plötzlich bricht sie hervor, Männer, Frauen, allesamt wie ich junge Menschen. Von allen Seiten gehen sie auf die Esche zu, Schulter an Schulter stehen sie da und auch ich bin, ohne es zu merken, Teil dieser Formation geworden. Mein Blick schweift durch die Reihen. Keines der Gesichter ist mir bekannt und doch scheinen sie mir so vertraut, dabei sah ich noch nie solche Gesichter wie diese hier. Nicht weich, aufgedunsen und formlos wie die Gesichter der Städter, sondern von einer aristokratischen Härte, Züge wie in Stein gemeißelt, die keine Emotion verraten. Und ihre Augen. Aus keinen dieser Augen spricht Demut oder Furcht, fest schauen sie nach vorne, eine Entschlossenheit spricht aus ihnen, die mich erschaudern lässt. Dies sind Augen, die keinen Zweifel kennen. Da ist noch etwas, ich verstehe jetzt, warum mir diese Gesichter so vertraut vorkommen. In diesen Augen toben hinter der emotionslosen Maske der Entschlossenheit die gleiche Wut, der gleiche Hass und die gleiche Verachtung für die Welt da draußen, die auch ich verspüre.
Die ganze Zeit über fällt kein Wort, warum auch. Wir kennen den Feind, die Welt der Moderne, wir kennen unserer Mission, ihre totale Vernichtung. Was gäbe es mehr zu sagen. So stehen wir in stiller Übereinkunft über die Aufgabe vor uns Seite an Seite und endlich, ein für alle Mal, weicht die Hilflosigkeit aus meinem Herzen. An ihre Stelle tritt der unbeugsame Wille. Der Wille auf der Asche dieser kranken Welt, ein Reich zu errichten, das wie die Esche seine Wurzeln im alten Boden hat und gleichzeitig mutig der Sonne entgegenstrebt. Ein Reich, das sich nicht für seine Stärke entschuldigt, das sich für seinen Willen zur Größe nicht schämt. Ein Reich, das keine fremden Herren duldet, das seine Feinde wie Würmer im Staub zertritt. Ein Reich, in dem die Menschen nicht wie Tiere leben, sondern die Götter vor Neid erblassen lassen. Ein Reich, das noch wie ein fantastischer Traum erscheint, aber jetzt schon in diesen edlen Herzen lebt.

Ich kehre in die Stadt zurück, noch immer herrscht in ihren Straßen das Chaos. Die Luft ist immer erfüllt von einem ohrenbetäubenden Lärm und in ihren Straßen drängt sich immer noch dieselbe gleichförmige Masse wie zuvor. Ich nehme all dies wahr und doch berührt es mich nicht. Was kümmert mich diese Welt der Formlosigkeit und des Niedergangs schon, sie ist ohnehin dem Untergang geweiht, erstickt langsam an ihrer eigenen Dekadenz.
Jetzt wo ich wieder an diesem Ort bin, verstehe ich, warum ich zu der Lichtung mit der Esche gerufen wurde. Ich gehörte nicht hier her, ich lebte in dieser Welt, ohne mit ihr zu leben, ohne wirklich ein Teil von ihr zu sein. Ich wurde gerufen, weil das Gift der Moderne mich noch nicht vollends infiziert hatte, weil mein Inneres noch dagegen rebellierte. Ich floh damals nicht, ich kehrte nach Hause zurück.

  • Wirklich inspirierend!

    Luchs 18.10.2017
  • Zurecht Platz 1, dieser Text spricht auch noch Leuten im fortgeschrittenen Alter aus dem Herzen. Hoffentlich lesen das viele Menschen in der Bundesrepublik (Deutschland) und darüber hinaus.

    R. K. 15.10.2017
  • Ein einziges Wort genügt: Perfekt. Hatte schon auf dem TdG das Vergnügen, dies dem Autor zu sagen.
    Alle anderen Einsendungen waren ebenfalls gut bis sehr gut, doch dieser ist, zumindest meiner bescheidenen Meinung nach, einfach unschlagbar. Ebenso zeigen die anderen Einsendungen, daß der Geist der Kreativität in unserem Volk nicht tot ist, sondern nach wie vor sehr rege und lebendig.

    Des Teufels Wüterich 15.10.2017
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