Ein differenzierter Blick auf Chinas Sozialpunktesystem – Teil 2/5

Die Frage des Prinzips

Liest man über das SkS ist die erste Reaktion vielleicht pure Ablehnung und blankes Entsetzen darüber, dass wir überhaupt auch nur daran denken, etwas Derartiges in unserem Deutschland einsetzen zu wollen. Dies ist verständlich, weshalb wir zunächst einen Schritt zurücktreten und einige allgemeinere Fragen klären wollen.

Der offensichtliche Sinn und Zweck des SkS ist: Wünschenswertes Verhalten soll gefördert und Unerwünschtes unterbunden bzw. bestraft werden. Grundsätzlich ist gegen Derartiges nichts zu sagen, es ist sogar so, dass Systeme, die dies bewerkstelligen, so alt, wie der Mensch selbst sind. Kindererziehung, soziale und kulturelle Normen, Benimmregeln und schließlich, als letzte Eskalationsstufe das Gesetz, sie alle sind im Grunde nichts anderes als ein SkS. Das, was wir als positives Verhalten ansehen, wird auch heute im Alltag durch Strafe, meist in der Form von Missbilligung durch Andere, und Belohnung, in direkter Form meist nur bei Kindern, kontrolliert. Wer zu oft gegen Regeln verstößt, verdient sich auf Dauer einen schlechten Ruf. Wer dagegen positives Verhalten an den Tag legt, gilt als respektables Mitglied der Gesellschaft. Die Konsequenzen, die sich aus einem guten bzw. schlechten Ruf ergeben, sind jedem bekannt und insbesondere in kleinen Gemeinschaften, wie Dörfern oder Vereinen, können diese durchaus ernsthafte Ausmaße annehmen.

Was die Frage der Überwachung angeht, kann man ebenfalls sagen, dass grundsätzlich das eigene Verhalten von anderen überwacht und bewertet wird, wobei das SkS, grade so, wie es in China implementiert ist, eine ganz andere Dimension darstellt. Mehr dazu später.

Der qualitative Unterschied, der das SkS von diesen althergebrachten Methoden abhebt, ist, dass das SkS das Verhalten einer Person dokumentiert und daraus einen Kennwert errechnet. Während der Ruf einer Person sich nur über einen kleinen Personenkreis erstreckt, ist die Reichweite eines solchen Kennwerts unbegrenzt und bietet zudem ein umfassenderes und verlässlicheres Bild als reines Hörensagen. Letzteres werden wir später noch ein wenig relativieren müssen, wenn wir auf praktische Probleme zu sprechen kommen, doch diese wollen wir an dieser Stelle ignorieren. Wir gehen hier aktuell noch von einem perfekten System aus.

Man mag einwerfen, dass ein solches System die Menschen nicht ändert, d.h. nicht erzieht oder zu besseren Menschen macht, die gewünschte Verhalten adaptieren und anwenden, weil sie seinen Sinn verstanden haben. Dieser Einwurf ist zumindest in Teilen korrekt, doch kein Argument gegen das System, sondern sogar eines was dafür spricht, da es ja schließlich zum richtigen Ergebnis führt.

Um zu verstehen, warum es sich hierbei schließlich um ein Argument für das SKS handelt, müssen wir uns zunächst klar machen, dass sich SkS an Erwachsene richtet, d.h. die Zeit, in der die infrage stehende Person wirklich prägbar ist, ist in den meisten Fällen vorbei. Man muss sozusagen mit dem Arbeiten, was man hat und auch die beste Erziehung durch Staat und Eltern wird nicht immer zu charakterlich idealen Menschen führen. Realistisch betrachtet ist dies sogar die Ausnahme. Nehmen wir den schlimmsten Fall an: ein Mensch, der rein egoistisch motiviert ist und sich um die Meinung seiner Mitmenschen nicht schert. Solange er nicht mit dem Gesetz in Konflikt gerät, was er aus egoistischen Gründen vermeiden würde, wird sein Umfeld sich damit abfinden müssen, dass sie es auf gut Deutsch mit einem Arschloch zu tun hat. Ein System wie SkS schafft nun egoistische Anreize, um „Gutes“ zu tun. Man mag zwar sagen: Gutes aus den falschen Gründen. Doch dies ist in jedem Fall besser, als dass die Person sich weiter „falsch“ verhält. Am Ende wurde damit das gewünschte Ziel, im Rahmen des Möglichen, erreicht. Alles andere gehört ins Reich der Utopien, solange man nicht zu drastischen Mitteln, wie Gehirnwäsche oder Ähnlichem, greifen möchte.

Zum Abschluss wollen wir uns noch einer unangenehmen Frage zu wenden. Eine Frage, die so heikel und unbeliebt ist, dass die heutige Politik es nicht wagt, sie auszusprechen und wenn doch, dann nur hinterrücks, verschleiert durch schöne Phrasen. Derlei ist nicht unser Stil. Ob Einwanderung, Gleichheit oder was auch immer, die Augen vor den unschönen Wahrheiten des Lebens zu verschließen, ist intellektuelle und moralische Feigheit. Wir glauben nicht an schöne Lügen und sind der Überzeugung, dass das deutsche Volk ein Recht darauf hat, dass man ihm schonungslos und in klaren Worten die Wahrheit präsentiert. Wenn kleine Geister sich dabei auf den Schlips getreten fühlen, umso besser. Die Rede ist von der Frage, inwiefern der Mensch in seinem Erwachsenenalter erzogen werden muss oder sollte sowie ob der Staat das Recht dazu hat und überhaupt in einer Position ist, dies zu tun.

Bei Kindern ist die Frage klar. Jeder weiß, dass Kinder und Jugendliche schlechte und dumme Entscheidungen treffen, weshalb wir allgemein Erwachsene in die Verantwortung ziehen hier einzugreifen. Mit zunehmendem Alter steigt langsam das Maß an Selbstverantwortung der Kinder und heranwachsenden Jugendlichen, bis diese schließlich volljährig sind und nun alleine die Verantwortung für sich selbst tragen. Gegen diese Entwicklung ist auch nichts einzuwenden, ganz im Gegenteil findet man in der heutigen Zeit hier massive Defizite, denn auch wir wünschen uns ein Volk von Menschen, die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen können. Was wir dagegen kritisch betrachten wollen, ist der „Endzustand“, der des voll selbstverantwortlichen Menschen.

Die liberale Demokratie hat das Individuum zu einem fast gottgleichen Wesen erhoben, dessen Entscheidungen infrage zu stellen, so maßlos und objektiv dumm sie auch sein mögen, an Ketzerei grenzt. Dabei sollte jeder wissen, dass der Mensch, egal ob 12, 40 oder 80, alles andere als fehlerfrei ist.

Man kann einwerfen, dass jeder frei sein sollte, seine eigenen Fehler zu machen und aus diesen zu lernen, was auch korrekt ist und die Erfahrung mit den Konsequenzen der eigenen Fehler umzugehen, ist ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens. Manche Fehler bringen jedoch keine unmittelbaren oder direkt erfassbaren Konsequenzen mit sich. Die Folgen einer schlechten Ernährung können beispielsweise so schleichend sein, dass sie erst nach Jahren oder Jahrzehnten auffallen. Anderes Fehlverhalten hat vielleicht keine Auswirkungen auf die eigene Person, sondern auf Verwandte oder gar die Gemeinschaft als Ganzes. Spätestens wenn Letzteres der Fall ist, wird es zur Pflicht seitens des Staates einzugreifen, wobei auch „Schäden“, die nur eine einzige Person betreffen, schon von staatlichem Interesse sein können, immerhin ist die Gemeinschaft nichts anderes als eine Ansammlung von Individuen. Wir werden später noch einmal auf dieses Thema zurückkommen.

Objektiv betrachtet ist sich der Großteil der Menschen bei einer entsprechenden Bildung bewusst, was in den meisten Situationen eigentlich, die richtige Entscheidung wäre. Doch der Mensch ist kein Roboter und so bringen die diversen kleinen oder auch großen Schwächen ihn dazu, sich manchmal gegen besseres Wissen für das Falsche zu entscheiden. Da niemand davon ausgenommen ist, soll dies keine Anschuldigung sein, sondern fast schon eine Entschuldigung.

Man kann einen Menschen nur zur Verantwortung ziehen, wenn er die Kontrolle besaß und die Möglichkeit hatte, etwas am Ausgang der Situation zu ändern. Alles andere wäre Willkür. Wir wollen an dieser Stelle keine Diskussion darüber starten, wie viel freier Willen wirklich im Menschen steckt, doch müssen wir anerkennen, dass der Mensch zwar theoretisch die Kontrolle über sein Handeln besitzt, seine diversen Triebe sich aber dieser entziehen und sein Handeln je nach Person und Erziehung massiv beeinflussen können. Als Extrembeispiel ließe sich das Prader-Willi-Syndrom heranziehen. Von ihm betroffene Menschen sind unter anderem von einer Essstörung betroffen, die auf ein Fehlen des Sättigungsgefühls zurückzuführen ist. Das Resultat ist ein permanentes Hungergefühl. In den meisten Fällen sind die Betroffenen nicht in der Lage, den evolutionär bedingt starken Trieb zur Nahrungsaufnahme unter Kontrolle zu halten, weshalb nur die Kontrolle von Dritten sie davon abhält, sich buchstäblich zu Tode zu fressen.

In diesem Sinne können wir sagen, dass der Mensch zwar in der Lage ist objektiv zu erkennen, was die richtige Entscheidung wäre, es jedoch beim Umsetzen dieser Entscheidung, besonders wenn es um die eigene Person geht, zu Konflikten auf emotionaler/trieblicher Ebene kommen kann.

Politik ist, oder sollte es zumindest, unpersönliches Handeln und somit, so weit wie irgendwie möglich, frei von diesen Schwächen sein. Vorausgesetzt dies ist der Fall, ist der Staat damit objektiver, d.h. weniger triebgesteuert, als die Allgemeinbevölkerung, so wie ein Erwachsener im Vergleich zu einem Kind objektiver entscheiden kann. Damit ist er in einer Position der Überlegenheit, weshalb er in dieser Hinsicht das Recht besitzt, seinen Bürgern Vorschriften zu machen und sie in eine objektiv bessere Richtung zu erziehen. Diesem Recht des Staates stehen die persönlichen Freiheitsrechte der Bürger gegenüber, weshalb ein berechtigtes Interesse staatlicherseits bestehen muss, in die Rechte der Bürger einzugreifen.

Die Abwägung zwischen diesen beiden Interessen ist etwas, dass uns noch des Öfteren beschäftigen wird, und stellt vielleicht die wichtigste Fragestellung bei der Implementation eines solchen Systems dar. Wir werden uns ihr zu gegebener Zeit widmen.

Abschließend sei erwähnt, dass das „Erziehen“ von Erwachsenen oder die Kontrolle deren Verhaltens kein neues Konzept darstellt, man es nur selten so explizit betitelt. Beispielsweise sind Gesetzte, die den Besitz bestimmter Substanzen oder diverser Waffen verbieten, im Prinzip ein staatlicher Eingriff in die Freiheit der Person, was sich unter anderem durch deren schädlichen Effekt auf die Person und das Volk im Ganzen rechtfertigen lässt. Beispiele für Erziehungsmaßnahmen sind spezielle Steuern auf gewisse Produkte (Vergnügungs- oder Sektsteuer), die deren Preis steigern sollen, oder die allseits bekannten Bilder auf Zigarettenschachteln. Was wir hier Diskutieren ist also nicht, das in anderer Form, nicht schon lange gang und gäbe ist.

Teil 3 folgt in wenigen Tagen…

 

Teil 1





1 Comment

  • Ich bin schon gespannt auf die nächsten drei Folgen. Kurz vorab möchte ich sagen, dass ein solches Punktekonto in unserem jetzigen System zu Minuspunkten führen würde, wenn sich jemand regelmäßig auf eurer Seite informiert und kommenziert oder sogar an euren Veranstaltungen teilnimmt. Letzteres wird im jetzigen System zusätzlich mit sozialer Ächtung sanktioniert, wobei das Ausmaß davon abhängt, wo man ansässig ist. Im Rhein-Main-Gebiet, wo ich bis vor drei Jahren gelebt habe und aufgewachsen bin, würde ein Bekenntnis zu euch, zur totalen sozialen Isolation führen. Im Osten dagegen, würde es eher akzeptiert. In eurem Bericht über eure Veranstaltung in Regen greift ihr das ja auf, dass viele sich nicht trauen, ihre Meinung zu sagen. Die Bewertung und Akzeptanz eines solchen PunkteSystems hängt also stark davon ab, in welchem System es installiert ist. Aktuell, im Kapitalismus wird schlechtes, unsoziales und ausbeuterisches Verhalten nicht sanktioniert. Im Gegenteil. Es wird auch noch honoriert! Die größten und schlimmsten Ausbeuter und Betrüger werden von Merkel und Konsorten hofiert und protegiert. Siehe den Abgas-Skandal. Kaum ein Wort ist vpn denetablierten Parteien zu hören und erst recht keine Konsequenzen. Aber wehe ein Hartz IV Empfänger verdient sich schwarz ein paar Euro dazu, um seine Familie über die Runden zu bringen. Das wird dann skandalisiert. Was ich sagen will, ein solches System birgt die Gefahr, missbraucht zu werden, wenn die falschen Leute an der Macht sind und im Prinzip das Großkapital die Macht hat.

    Ben 09.08.2018