WDR-Doku nimmt es mit der Realität nicht so genau

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Die Presse hat es derzeit wirklich nicht einfach. Über Jahre sah man in den Redaktionsstuben eine der zentralen Institutionen der bundesdeutschen Demokratie, doch die letzten Jahre waren hart für ihre Glaubwürdigkeit und der Fall Relotius zeigte nicht nur, dass dieser Vertrauensverlust nicht nur gerechtfertigt ist, sondern auch, dass selbst einstige Giganten wie Der Spiegel davon nicht ausgenommen sind. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern sieht es ganz ähnlich aus. Doch während es jedem freisteht, für den „Qualitätsjournalismus“ von Welt, Zeit und Co. zu zahlen, ist der Fortbestand der Öffentlich-rechtlichen durch Zwangsbeiträge gesichert, was ihnen zusätzliche Kritik einbringt. Der immer breiteren Ablehnung der Rundfunkgebühren halten deren Vertreter immer entgegen, dass durch diese unabhängige Finanzierung, einzig wirklich unabhängiger Journalismus jenseits von Sensationshascherei und Quotendruck möglich sei. Was in der Theorie gut klingt, scheitert jedoch oft in der Realität, wie sich kürzlich erst beim WDR herausstellte.

Es ging dabei um die Dokureihe „Menschen hautnah“, um genau zu sein um drei Folgen der Reihe, bei der mehrere Ungereimtheiten in Bezug auf die Geschichten der Protagonisten ans Licht kamen. In allen drei Sendungen war dabei das gleiche Paar zu sehen, jedoch unter unterschiedlichen Namen und Altersangaben sowie abweichenden Beziehungsgeschichten. Dies war einigen Zuschauern aufgefallen, weshalb das WDR eine Untersuchung startete und nach Sichtung des original Filmmaterials zum Schluss kam, dass die erzählten Lebensgeschichten zwar grundsätzlich korrekt seien, in der fertigen Doku die Beziehung des Paares jedoch „in unzulässiger Weise zugespitzt“ und „verzerrt dargestellt“ worden seien. Mit anderen Worten: Die Realität war nicht aufregend genug, weshalb beim Schneiden nachgeholfen wurde.

Dies ist selbstverständlich nichts Neues. Reißerisches Reality-TV oder gleich Scripted Reality sind im Gossenprogramm von RTL und Co. schon längst gang und gäbe, doch für öffentlich-rechtliche Sender stellt das Frisieren von Filmmaterial ein Vertrauensverlust in höchstem Maß dar, denn während private Sender nur unterhalten sollen, soll das Informationsangebot öffentlicher Anstalten den möglichst objektiven Meinungsbildungsprozess der Demokratie unterstützen. Wie objektiv dieser Prozess in der BRD ist und welche Rolle die öffentlich-rechtlichen sowie privaten Medien dabei spielen, sollte jedem klar sein, weshalb sich die Frage stellt, inwiefern ähnliche Praktiken bei politisch relevanteren Beiträgen zum Einsatz kamen.

Der WDR weist indes jede Schuld von sich und schiebt den schwarzen Peter der Autorin der Dokumentationen zu. Diese hätte, angeblich ohne den WDR darüber zu informieren, die Protagonisten der Dokus über die Webseite Komparse.de herangeholt. Komparse.de vermittelt für Gagen zwischen 100 und 200 Euro pro Drehtag Statisten, Zuschauergäste, Show-Teilnehmer und auch Darsteller für fiktive wie nicht-fiktive TV Produktionen. Zwar gab die Autorin, die ihren Namen nicht nennen möchte, an, dass die durch Komparse.de vermittelten Dokudarsteller authentisch seien und obwohl der WDR, was die drei Dokus anbelangt, grundsätzlich zum gleichen Schluss kam, entschloss sich der Sender, sich von der Autorin zu trennen und sie in Zukunft nicht mehr zu beauftragen. Weiter wolle man in Zukunft bessere Maßnahmen zur Qualitätssicherung und Quellenkontrolle einführen.

Die Autorin der Doku sieht sich jedoch als Bauernopfer. Sie könne auf 25 Jahre Erfahrung zurückblicken und das Anheuern von Darstellern über Portale wie Komparse.de sei in der Branche üblich. Dass der WDR damit nicht einverstanden sei, habe sie nicht gewusst. Für die Sender zählen nur gute Quoten, sagte sie und das hätten alle drei ihrer Filme erreicht. Die angebliche weite Verbreitung dieser Praktik wirft die Frage auf, ob der WDR wirklich nichts von der Nutzung derartiger Portale wusste oder ob man einfach nichts davon wissen wollte, also bewusst gar nicht zu genau hinschaute, solange die besagten Quoten stimmten.

Die Rolle der Darsteller in der Kontroverse sollte noch Erwähnung finden. Einer der Beteiligten, Sascha Mahlberg, war seit 2007 in über 170 Scripted-Reality Sendungen, Serien und Shows zu sehen. Der Straßenreiniger aus Bonn verdient sich mit diesen Auftritten nebenbei etwas dazu und war schon unter anderem als Drogendealer und Zuhälter zu sehen. Auch seine Familie ist regelmäßig mit involviert. Die Beteiligung eines solchen „Profis“ untergräbt weiter die Glaubwürdigkeit des gesamten Materials sowie die Darstellung des WDR`s, überhaupt nichts von all dem gewusst zu haben. So ist es am Ende auch irrelevant, ob die Autorin angibt, daß die Ungereimtheiten mit Einverständnis des Paares entstanden seien, oder ob, wie der WDR angibt, diese auf Wunsch der Autorin entstanden seien. In jedem Fall hatte keine der beiden Parteien ein Problem damit, die Wahrheit ein wenig aufzupeppen, was viel über die ethischen Grundsätze und Wahrheitsliebe, der gerne die Rolle des Lehrers mimenden Medienlandschaft verrät.

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