Über rechte Punks und linke Spießer – Teil 2/4

Seit der Ernennung Donald Trumps zum Präsidenten sind die USA zum Brennpunkt im Kulturkampf des Westens geworden und schon während seines Wahlkampfes profilierte sich eine ganze Reihe von Persönlichkeiten um ihn herum, von denen er genauso profitierte, wie sie von ihm profitierten. Während Richard Spencer oder Steve Bannon noch zu den eher traditionellen Vertretern der politischen Rechten gehören, fanden auch einige ausgefallenere Persönlichkeiten in der neuen amerikanischen Rechten ein Betätigungsfeld, von denen zwei der bekanntesten Milo Yiannopoulos und Gavin McInnes sind.

Milo Yiannopoulos, auch bekannt als der „Popstar des Hasses“ (FAZ), ist ein ehemaliger Breitbart Journalist, welcher vor allem durch seine Kritik des Islams und Feminismus auf sich aufmerksam macht, wobei „Kritik“ bei Yiannopoulos meist auf pure Provokation hinausläuft. Da er ebenfalls Verbindungen zur Alt-Right unterhält, wird er von den Medien mit dieser in einen Topf geworden oder gleich zum weißen Nationalisten bzw. Faschisten erklärt.

Dass Yiannopoulos, nach eigenen Angaben, über eine jüdische Großmutter verfügt, und seine Homosexualität, inklusive Fetisch für schwarze Männer, geradezu öffentlich zelebriert, indem er Trump beispielsweise als „Daddy“ (Papi) bezeichnet, hat diesen Anschuldigungen bis heute noch keinen Abbruch getan.

Als er im Februar 2017 in der kalifornischen Universität Berkeley sprechen sollte, führte dies zu massiven Ausschreitungen durch einen Mob linker Anarchisten und Antifagruppen, die Schäden in Höhe von geschätzten 100.000 Dollar anrichteten und es somit schafften, dass die Veranstaltung aus Sicherheitsgründen abgesagt werden musste.

Obwohl Yiannopoulos durch seine Art und Person von jeher ein kontroverser Charakter im Umfeld der Alt-Right war, genoss der dennoch einiges Ansehen, das er jedoch zusammen mit seinem Posten bei Breitbart einbüßte, nachdem ebenfalls im Februar 2017 Videoklips an die Öffentlichkeit gelangten, in denen er behauptete, dass die sexuelle Beziehung zwischen einem 13-Jährigen und einem Erwachsenen in völligem Einverständnis des Jugendlichen bestehen und für diesen sogar eine positive Erfahrung sein könnte, wenn dieser reif genug sei. Yiannopoulos gründet diese Behauptung auf angebliche eigene Erfahrungen als Jugendlicher.

Erwähnenswert ist, dass Yiannopoulos Ansichten in diesen Dingen jedoch schon vor 2017 hätten bekannt sein müssen. So sagte er 2015 in einer Internetchatshow mit Gavin McInnes, dass sexueller Missbrauch an Kindern „keine so große Sache sei“ und dass man sich davon nicht das Leben ruinieren lassen solle. Weiter bezeichnete er die Opfer als „jammernde egoistische Gören“.

Kommen wir zum bereits erwähnten Gavin McInnes, welcher aus der Punkrock Szene stammt und 1994 die Zeitschrift Vice gründete, welche heute die Welt mit tief greifenden Artikeln über LSD Paläste in Bunkern, transsexuelle Drachenfrauen und anarchistische Kommunen im Regenwald beglückt. Während es heute bei Vice um Drogen, Sex, Kommunismus, und seit Neustem Trump geht, ging es in den Anfangszeiten dagegen nur um Sex und Drogen, was wohl mit einer der Gründe ist, weshalb McInnes 2008 Vice verließ. Er schrieb in der Folgezeit Bücher wie „How to Piss in Public: From Teenage Rebellion to the Hangover of Adulthood“ (dt.: „Wie man in der Öffentlichkeit pisst: Von jugendlicher Rebellion zum Kater des Erwachsenendaseins“).

Seine journalistischen Tätigkeiten setzte er gleichzeitig bei eher rechten Publikationen wie Taki’s Magazine und VDARE fort. Die Bezeichnung „rechts“ ist dabei für beide durchaus zutreffend. Der Herausgeber des Taki’s Magazines, der Grieche Taki Theodoracopulos, ist ein Unterstützer der Goldenen Morgenröte und Kritiker Israels. VDARE ist dagegen für seine Liste an Autoren bemerkenswert, welche Namen wie Jared Taylor (American Renaissance) und den Evolutionsbiologen Kevin MacDonald enthält. MacDonald vertritt die These, dass das Judentum eine kollektive Evolutionsstrategie sei, die es Juden ermögliche, Nicht-Juden im Kampf um Ressourcen zu übertreffen. Alles im allem also beim besten Willen keine gemäßigt konservativen Zeitschriften, weshalb sich die Frage stellt, wie McInnes den Weg von Vice bis in diese Gefilde fand.

Die Antwort ist, dass es weniger McInnes ist, der sich geändert hätte, als dass es vielmehr das politische und kulturelle Klima ist, das sich verändert hat. Er machte schon in seiner Anfangszeit mit provokanten Sprüchen über Frauen, Liberale, verweichlichte Männer und Transsexuelle auf sich aufmerksam, nur ging dies damals noch als Humor durch, heute jedoch nicht mehr. Er selbst sagt dazu:

„Ich bin noch immer der Punk, der ich vor 20 Jahren war. Nur dass meine Zielscheibe nicht mehr die bourgeoisen Spießer aus den Vororten sind, sondern die politisch korrekte linke Elite“

Im Jahr 2016 gründete McInnes dann die Proud Boys (dt.: Stolze Jungs), eine Art Männerbund mit Ritualen und Regeln zur Charakterschulung, darunter das Verbot von Selbstbefriedigung und Pornografie. In gewisser Weise sollen die Proud Boys ein Refugium klassischer Männlichkeit darstellen und diese kultivieren. Wie traditionell bzw. amerikanisiert diese Männlichkeit am Ende ist, können wir an dieser Stelle leider nicht bewerten. Die monatlichen Treffen der Gruppe sollen jedoch eher sozialer und weniger politischer Natur sein, werden aber gleichzeitig von den Proud Boys als eine „Zelebrierung des Westens, Amerikas sowie persönlicher und politischer Freiheit“ beschrieben.

Unabhängig davon trifft ihr Angebot jedoch auf Nachfrage und heute gibt es Ableger der Proud Boys in mehreren Städten der USA sowie in anderen Ländern, beispielsweise in Australien und Japan.

Zur größeren Bekanntheit schafften es die Proud Boys nach einigen Zusammenstößen mit Linksextremisten, teilweise bei Demonstrationen, an denen auch andere rechte Gruppierungen, wie die Oath Keepers (dt. in etwas: „Eid Halter“ – Verband von Veteranen, Polizisten, etc.) und Neo-Konföderierte, aber auch „klassische“ Rechte teilnahmen. Wie zu erwarten, hat dies den Proud Boys den Ruf eingebracht, ebenfalls zum Lager der weißen Nationalisten zu gehören, was jedoch eindeutig falsch ist.

Zum einen schließen die Proud Boys keine Farbigen aus und zum anderen duldet McInnes nach eigenen Angaben weder weiße Nationalisten noch Antisemiten. Was die Rassenfrage in den USA angeht, wollen die Proud Boys und McInnes auch keinen Ethnostaat errichten, wie es beispielsweise Richard Spencer anstrebt, sondern begnügen sich mit der Forderung, das negative Verhalten von Schwarzen offen ansprechen zu können.

Auch die kulturelle Kritik der Proud Boys und McInnes’ richtet sich hauptsächlich gegen die deutlichsten Auswüchse des Kulturbolschewismus. Kollektive weiße Schuld, radikaler Feminismus sowie Trans- und Homopropaganda. Eine Auseinandersetzung mit tiefgreifenderen Themen, Individualismus, den Idealen der Französischen Revolution oder die Idee des Volkes, wie man sie bei der europäischen Rechten findet, sucht man bei den Proud Boys oder auch bei Yiannopoulos vergeblich.

Wohl um diesen Punkt zu unterstreichen, nahm McInnes nicht an der „Unite the Right“ Demonstration in Charlottesville teil, obwohl er eingeladen war. Seiner Meinung nach müsse man sich von den dort Anwesenden distanzieren, weshalb die Proud Boys als Organisation ebenfalls nicht teilnahmen, auch wenn es Mitgliedern nicht explizit verboten war.

Die Proud Boys selbst bezeichnen sich als „Westliche Chauvinisten, die nicht bereit sind, sich dafür zu entschuldigen die moderne Welt erschaffen zu haben“ und auch McInnes gibt sich diesen Titel. Beide sind daher weniger der Alt-Right und mehr der Alt-lite (lite dt. leicht) zuzuordnen. Die Alt-lite ist eine gemäßigte Abspaltung der Alt-Right, und obwohl die Übergänge fließend sind und der Begriff „Alt-Right“ selbst sehr lose definiert ist und vieles umfasst, kann man sagen, dass die Alt-Right einen weißen Nationalismus anstreben, die Alt-lite dagegen etwas, das sie „Civic Nationalism“ (dt. in etwas: bürgerlicher Nationalismus) nennt. Im Gegensatz zum weißen Nationalismus, der die Nation biologisch begrenzt, ist der „Civic Nationalism“ grundsätzlich offen für alle, die sich zu dessen Regeln und politischem System bekennen.

Die Alt-Right steht zudem eher in der Tradition der nationalistischen und konservativ-revolutionären Bewegungen Europas der 1920er und 1930er Jahre, während die Alt-lite in der Tradition der klassischen amerikanischen Rechten steht. Heißt: offene Märkte, maximale persönliche Freiheit und so wenig Staat wie nur irgendwie möglich. McInnes machte dies besonders deutlich, als er über Margaret Thatcher sagte „She was punk rock!“ (dt.: Sie war Punkrock). Als Grund für diese Zuschreibung gab er deren neoliberale Politik an. „Thatcher war die anarchistischste Politikerin Großbritanniens, weil sie den Markt befreit hat von staatlicher Bevormundung.“

Dass ein Milo Yiannopoulos auch eher im Lager der Alt-lite zu finden ist, versteht sich fast von selbst, auch wenn die Alt-Right im Gegensatz zu europäischen Rechten noch weitaus „toleranter“ gegenüber Leuten wie ihm sein mag.

Um zur einleitenden Frage zurückzukommen, so kann man sicher sagen, dass Yiannopoulos, McInnes und Konsorten in ihrer eigenen Welt wohl eine gute Mischung aus „Rechts“ und „Punk“ bieten mögen. Für die moderne Linke mögen sie sogar radikale Reaktionäre sein, doch für die europäische Rechte, und man kann nur hoffen die besseren Teile der Alt-Right, ist das alles nur Kindergarten.

McInnes und die Proud Boys kratzen grade einmal an der Oberfläche der Krankheiten des Westens. Nichts ganz unähnlich unserer eigenen Populisten haben sie den Untergang des Abendlandes als solchen erkannt, meinen jedoch in den Symptomen die Ursache gefunden zu haben.

Was nicht bedeuten soll, dass dies schlecht ist. Es ist ein Anfang und markiert vielleicht schon den halben Weg bis zum Ziel, denn bis vor gar nicht so langer Zeit, war die Rechte noch nicht einmal in der Lage, Menschen davon zu überzeugen, dass überhaupt etwas mit ihren Ländern nicht stimmt. Dass diese Erkenntnis nun offen ausgesprochen wird und sich Bewegungen um sie herum zu bilden beginnen, ist ein gewaltiger Schritt vorwärts.

 

Teil 3 folgt…

 

Zum Nachlesen: Teil 1





1 Comment

  • Amerikas Rechte: Wie wahr, provokante Punks; nichts mehr. Das war schon immer so.

    IchBinKeinAmerikaner! 01.04.2019