Feder und Schwert XLVIII – Über das Verhältnis zwischen Freimaurerei und deutscher Kulturschöpfer

Oft wird heute von kosmopolitisch-intellektuellen Kreisen behauptet, die Geistesgrößen deutscher Geschichte, vor allem jene des 18. und 19. Jahrhunderts, die die Vertreter der deutschen Nationalphilosophie bildeten, hätten ihre entscheidenden Eingebungen von der Freimaurerei erhalten, der sie entweder angehörten oder zu ihr zumindest in Beziehung standen. Mit dieser Strategie soll versucht werden, Namen wie Goethe, Herder, Lessing oder Friedrich den Großen als angebliche Vertreter einer internationalistischen, weltbürgerlichen Gesittung darzustellen und damit das Vorhandensein eines explizit deutschen Wesens in Schrifttum, Dichtkunst und Philosophie entweder als nicht existent zu leugnen oder auf einen bestimmten späteren Zeitabschnitt in der deutschen Geschichte zu reduzieren, die als Bösartigkeit in Reinform verzerrt wird.

Im Kampf der Moderne gegen alles Deutsche wird schließlich keine Gelegenheit ausgelassen, um dem Deutschtum bei der Bereicherung der Welt mit kulturellen Gütern jegliche Anerkennung zu verwehren. Andersrum kommen dabei auch viele patriotisch fühlende Deutsche in die Versuchung, in der Freimaurerei etwas mit dem Deutschtum untrennbar Verbundendes zu erblicken, die im 20. Jahrhundert in autoritären Systemen in Italien und Deutschland zu unrecht bekämpft worden wäre.

 

Die Aufklärung als Wegbereiter von Freimaurerei und Geheimgesellschaften

Tatsächlich wurde der „Philosophenkönig“ Friedrich der Große der erste Meister vom Stuhl der Großen National-Mutterloge „Zu den drei Weltkugeln“, die im Jahre 1740 kurz nach seiner Thronbesteigung als erste deutsche Großloge gegründet wurde und auch ein Johann Wolfgang von Goethe wurde 1783 in den Meistergrad des Weihauptschen „Illuminaten-Ordens“ erhoben, dem er 1780 beigetreten war. Jedoch wandten sich die meisten großen Deutschen recht schnell wieder von diesen geheimnisumwobenen Logen mit ihrer Titelsucht und ihrer Weltverbrüderungsromantik ab. So soll Friedrich II. sich nach bereits sieben Jahren an keiner Logenarbeit mehr beteiligt haben, während Lessing und Fichte ihre Logen mit Groll verließen und ein Herder nach seinen Erfahrungen an den Göttinger Gelehrten Heym 1786 schrieb, dass er die geheimen Gesellschaften zum Teufel wünsche, in denen der „schleichendste Herrschbetrug und Kabalengeist“ ausgebrütet wird. Und auch ein Goethe kam in seinen späteren Lebensjahren zu der Erkenntnis, dass die Freimaurerei nichts als ein Staat im Staate wäre und „wo sie einmal eingeführt ist, das Gouvernement sie zu beherrschen und unschädlich zu machen suchen werde“, wie er am 31.12.1807 an Herzog Karl August schrieb.

Die Frage, warum sich deutsche Aufklärer, Romantiker und Idealisten überhaupt der Freimaurerei angeschlossen haben, welche mit ihrer Vergötterung des Individuums und der „Gleichheit aller Menschen“ die Begleitmusik zur Französischen Revolution mit ihren deutschen Wesen diametral entgegenstehenden Werten gespielt hat, lässt sich nur im Kontext der damaligen Zeit beantworten. Weder gab es einen geeinten deutschen Nationalstaat, der diese Persönlichkeiten in ein völkisches Gemeinwesen hätte integrieren können, noch gab es Fürsten, die als nationale Vorbilder in diesem Flickenteppich einer zersplitterten Kleinstaaterei getaugt hätten. Weiterhin blieb auch die Kirche trotz aufklärerischer Tendenzen noch immer ein sehr starker Machtfaktor, die jeden freien Gedanken unter ihrem erstarrten Dogma zu begraben versuchte. Nach den Naturwissenschaften rangen nun auch die Geisteswissenschaften um eine Befreiung aus der Zwingherrschaft der Kirche und die diese Umklammerung zerbrechende Freimaurerei wurde dabei zu einem Werkzeug, dem man sich als deutscher Kulturmensch zunächst dankbar bediente.

Das gedankliche „Weltbürgertum“ jener Zeit hatte mit dem Internationalismus der Freimaurerei aber nichts zu tun. Man fühlte sich verbundenen mit all denen, die jenseits der Grenze die gleichen Absichten hinsichtlich der Befreiung von kirchlichen Dogmen hatten und die der konfessionellen Streitigkeiten müde waren. Zugleich bekämpfte man die Auswüchse des Absolutismus. Schiller ist niemals Freimaurer gewesen und machte die gleiche Entwicklung durch wie jene Zeitgenossen, die sich der Freimaurerei bedienten. Dass die Freimaurerei das Humanitätsideal der Antike in eine völker- und rassennivellierende Ideologie umwandeln will, wurde den aufgeklärten Deutschen jener Zeit erst durch das tiefere Eintauchen in die wahren Absichten der Freimaurerei bewusst, die in den programmatischen Erklärungen zunächst wenig zu Tage traten und die Logen nur als einen Bund einer geistigen Elite erscheinen ließen. Was diese Männer des 18. Jahrhunderts unter Freimaurerei verstanden, lebte nur in ihrer Vorstellung und war von den wirklichen Zuständen und Zielen der Logen weit entfernt. So haben gerade die großen Deutschen, die oft als Kronzeugen für freimaurerische Ideale genannt werden, dies recht schnell begriffen und sich von der Logenarbeit abgewandt.

 

Verrat und Täuschung als Wesenszüge der Freimaurerei

Was für die deutschen Dichter und Denker im ausgehenden 18. Jahrhundert galt, wurde für die Deutschen während der napoleonischen Befreiungskriege noch viel wesentlicher. Fichte, Stein, Gneisenau und Scharnhorst deuteten die Freimaurerei in ihrem eigenen freigeistigen Sinne, bis auch sie zum Teil auf die wahren Untergrundtätigkeiten der Logen stießen, die sich bis hin zum Landesverrat erstreckten. So hat die Loge „Friedrich zur Tugend“ in Brandenburg neben preußischen Hauptmännern französische Offiziere der napoleonischen Besatzungstruppen im Namen der grenzenlosen „Menschen- und Bruderliebe“ in den Orden eingeweiht und damit der Verbrüderung mit dem Landesfeinde Vorschub geleistet. Natürlich nutzte das napoleonische Heer diese Verbindungen für ihre eigenen militärischen Zwecke aus.

Fichte ging zurückblickend in seinen „Reden an die deutsche Nation“ (Ausgabe von 1824) mit dem Humanitätsgedusel der Freimaurerei, der er bereits schon 1800 abgeschworen hat, hart ins Gericht: „Das Wort Humanität gehört zu den berüchtigtsten, die sich zu allen Beschönigungen des menschlichen Verderbens mißbrauchen lassen. Durch vornehmen Klang die Aufmerksamkeit erwecken und doch im Grunde die Hörer in Dunkel und Unwissenheit hüllen.“ Und tatsächlich waren die Logenorganisationen geradezu meisterlich darin geschult, ihre Mitglieder mit den widersprüchlichsten Erklärungen über die wahren Bestimmungen der Freimaurerei zu verwirren und somit Freigeister aus allen möglichen politischen und konfessionellen Lagern zu umgarnen. Nur diejenigen, die sich nicht mit den offiziellen Deutungen von Symbolen und Gebräuchen zufrieden gaben, sondern zur weiteren Nachforschung über deren eigentlichen Sinngehalt angeregt wurden, hatten die Chance, in höhere Grade bis hin zur Hochgradfreimaurerei aufzusteigen, in denen sie bald ganz andere Deutungen der eigentlichen Ziele der Logen erfuhren.

An die Stelle der ursprünglichen Hoffnung, dem universalistischen Dogma der weltumspannenden Kirchen zu entfliehen, trat nun ein anderer universalistischer Ersatzglaube: Dem eines großen Tempelbaus der gesamten Menschheit, bei dem die einzelnen Menschen, gleich welcher Rasse oder welchem Volk sie angehören, das Material darstellen, welches von der Freimaurerei passend behauen werden muss, bis es sich nahtlos in diesen Tempelbau einfügen lässt. Am Ende steht ein seiner Identität und Persönlichkeit entkleideter Mensch, der auch ohne direkte Befehle der Loge von sich aus freimaurerisch, d.h. kosmopolitisch, handelt und denkt. Weder die Weimarer Klassik, noch die deutsche Romantik, noch der deutsche Idealismus haben ihre Anregungen durch solch ein Denken erfahren. Viel mehr wurden ihre Geistesgrößen von der Freimaurerei über deren wahren Absichten getäuscht. Lediglich der aus dem revolutionären Frankreich stammende Liberalismus und die Demokratie wurden die natürlichen Bundesgenossen der Freimaurerei. Im Laufe eines Jahrhunderts hat man daraus seine Lehren gezogen und so ist das die Völker und ihre Lebensart übergehende Treiben der Freimaurerei mit den national neu erwachten Staaten in der Mitte Europas im 20. Jahrhundert erstmals an ihre Grenzen gestoßen.





1 Kommentar

  • Sehr wissenswert. Endlich wird hier an Hand von Fakten sachlich berichtet. Bei diesbezüglichen Diskussionen könnte man das eine oder ander Mal ohne dieses Grundwissen schon in Erklärungsnot geraten. Vielen Dank für diese wertvolle Aufklärung.

    Artjom 10.05.2020

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