Feder und Schwert LXIII: Ist es wirklich nicht „unser Krieg“?

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Kaum ein anderes Thema wurde im sogenannten „patriotischen Lager“ in den letzten vier Monaten so kontrovers diskutiert wie die Haltung zum Ukraine-Krieg. Während neben den kremltreuen Putinisten mit ihrer einseitigen Feindbestimmung sich ein kleinerer Teil von revolutionären Nationalisten auf die richtige Seite der Geschichte gestellt hat, gibt es auch noch eine weitere Gruppe, die vorgeblich eine gänzlich neutrale Position beziehen und meinen, dass wir mit diesem Krieg nichts zu schaffen hätten und uns dabei heraushalten müssten. Jüngst hatte sich Björn Höcke (AfD) unter dem Titel „Das ist nicht unser Krieg“ und „Frieden schaffen ohne Waffen“ auf Twitter und im thüringischen Landtag im Gewand eines friedensliebenden Stuhlkreis-Linken präsentiert.

Überhaupt beeilen sich gerade Patrioten und Konservative, die sich zwar als rechte Vaterlandsfreunde verkaufen, immer noch schnell hinzuzufügen, dass sie aber bloß nicht als Nationalisten verstanden werden wollen. Längst hatte sich die Neue Rechte in einigen Teilen vom Gedanken des Nationalstaates als politischer Organisationsform souveräner Völker verabschiedet und einen paneuropäischen Patriotismus propagiert. Einer der zentralen Ideengeber der Neuen Rechten, Alexander Dugin, schreibt in seinen „Grundlagen der Geopolitik“ etwa, dass die Souveränität der Nationalstaaten nicht als „heilige Kuh“ betrachtet werden darf, da deren Souveränität angeblich nur auf „rein juristischer Grundlage“ basieren würde. Die Existenz sich sowohl ethnisch, als auch kulturell und geistig unterscheidender Völker in Europa ist für diese „Paneuropäer“ schlichtweg nicht ausschlaggebend.

Europa wird lediglich als ein sogenannter „geistiger Raum“  wahrgenommen, nicht etwa als ein Lebensraum historisch in unterschiedliche Richtungen gewachsener Völker, die im Laufe der Geschichte eigene Identitäten entwickelt haben und sich in Gestalt des Nationalstaates ihr Instrument zur Selbstbestimmung selbst in die Hand gegeben haben. Mit dem Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar dieses Jahres scheint der europäische Gedanke aber scheinbar dahin geschwunden zu sein, obwohl genau dieser durch den Eingriff einer raumfremden Macht im Osten tangiert wird. Man möchte nun gar schon nationalistischer als manch nationalrevolutionärer Nationalist sein, Deutschland aus allem heraushalten und redet von einem „Ersatznationalismus“, wenn sich Deutsche mit der ukrainischen Sache solidarisieren.

Während Russland weitere Geländegewinne verzeichnet und Ex-Präsident Dmitri Medwedew gar daran zweifelt, dass die Ukraine in zwei Jahren überhaupt noch auf der Weltkarte existiert, wollen deutsche Patrioten, die sich als Verteidiger des Abendlandes inszenieren, die Hände in den Schoß legen und mit dem Verweis auf vermeintlich deutsche Interessen der Dinge ihren Lauf lassen. Als vehemente Gegner von Waffenlieferungen an die akut durch Russland bedrohte Ukraine, versuchen sich Patrioten und neue Rechte mit russlandaffinen Linken und klassischen Altkommunisten gegenseitig in pazifistischen Selbstinszenierungen zu überbieten. Doch der Widerspruch aus vermeintlicher Kriegsgegnerschaft und der indirekten Stärkung eines raumfremden Aggressors durch die unterlassene Hilfeleistung für eine europäische Nation tritt offen zu Tage. Zu offensichtlich erscheint hier der wahre Kern des Gedankens. Eine Passivität Europas spielt Putins Kriegsmaschinerie in die Karten.

Mit jedem verstrichenen Tag, an dem ukrainische Truppen mit quantitativer und technologisch qualitativer Unterlegenheit gegen die Invasion der Russischen Föderation ankämpfen müssen, steigen die Erfolgsaussichten der russischen Kriegsinteressen. Diese sind wohl auch die selben Interessen jener patriotischen Rechten, die sich vorgeblich für eine Neutralität Europas in diesem Konflikt aussprechen. Als „geopolitischer Exorzismus“, frei nach Alexander Dugin, wird der Kampf Russlands gegen die Ukraine verstanden. Man will der Ukraine den Dämon des westlichen Liberalismus, die Beeinflussung durch NATO und der USA, austreiben, nur unter welchem ideologischem Vorzeichen? Nicht etwa unter dem Vorzeichen einer völkischen, ethnozentrischen und lebensgesetzlich richtigen Weltanschauung, sondern unter der geopolitischen Maskerade des Eurasismus, dem östlich-asiatischen Spiegelbild des westlich-angloamerikanischen Universalmenschentums. Die Ukraine ist also nicht etwa die Arena, bei der gänzlich unterschiedliche Ideologien ihren Konflikt austragen und das Gute gegen das Böse kämpft, sondern ein Schlachtfeld, auf dem zwei wesensverwandte, falsche ideologische Systeme um Macht und Raum konkurrieren.

Vergessen wird dabei die dritte Position zwischen den beiden Lagern, die in Europa seit gut 80 Jahren ein Schattendasein unter beiden Modellen der Fremdherrschaft fristet, bereit aber, wie der Phoenix aus der Asche erneut emporzusteigen – dies ist das Lager jener Kräfte, die nach einer Erneuerung Europas unter Ausschaltung sämtlicher raumfremder Mächte und nach einem Europa selbstbestimmter Nationen streben. Diese aber können unmöglich auf einer Seite stehen, die sich in der Tradition des Sowjetbolschewismus sieht, danach strebt, die Identität eines souveränen Nationalstaates gänzlich auslöschen zu wollen und sich dabei eines Narrativs der „Entnazifizierung“ bedient, unter der Europa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges bereits schon einmal zur Gänze von allen Elementen seiner idealistischen Jugend gesäubert werden sollte. Mag das Einsickern des westlich-“woken“ Ungeistes in die Gesellschaften Europas noch so ekelerregend sein, schlimmer jedoch wäre es, wenn die moskowitische Gewaltherrschaft morgen schon jede nationalistisch-völkische Regung in Europa im Keim ersticken würde, während sie unter den duldsameren Demokratien des Westens zumindest noch die Chance auf eine Umwälzung aus eigener Kraft hat.

Sind Nationalismus und das Bewusstsein einer europäischen Schicksalsverbundenheit deswegen ein Widerspruch? Durchaus nicht! Weder ein blinder nationaler Egoismus, der nicht über den Tellerrand der eigenen nationalen Grenzen hinausreicht, noch das Streben nach einem paneuropäischen Bundesstaat sollen das Modell eines revolutionären Europas im 21. Jahrhundert sein. Europas Völker sind zu mannigfaltig und divergent sowohl in ihrer genetischen Substanz als auch in ihrem Seelenleben und ihren kulturellen Äußerungen, als dass sie sich in einem geeinten Bundesstaat oder einer herbeifantasierten „Nation Europa“ zusammenfassen lassen, das ist ein ungeschriebener Fakt. Was sie aufgrund der geopolitischen Situation aber zeitweise vereint und sogar vereinen muss, das sind gemeinsame Sicherheitsinteressen nach außen, um das Überleben der Einzelnationen zu sichern und vor dem Ansturm raumfremder Gewalten zu schützen.

Das sind nicht etwa Tatsachen, die erst in diesem Jahrhundert entstanden sind, sondern bereits vor 200 Jahren auf der Bühne der Weltpolitik erschienen, als Deutschland zwar noch kein Nationalstaat war, aber dessen Einzelstaaten sich im Verbund mit anderen europäischen Mächten vor der napoleonischen Fremdherrschaft befreien und dadurch später selbst zum Nationalstaat werden konnten. In der Völkerschlacht bei Leipzig zeigte sich zum ersten Mal, dass sich in Europa mehrere Mächte, deren Selbstbestimmung von einem fremden Usurpator bedroht wird, durchaus zeitweise zusammenschließen können, um gemeinsame Ziele zu erreichen und das, ohne ihre eigene Souveränität aufgeben zu müssen.

Selbst in der Zeit, als in Europa der Nationalismus seine Hochkonjunktur hatte und sich verschiedene „Faschismen“ ausprägten, gab es die gemeinsame europäische Solidarität gegen die Einflussnahme außereuropäischer Mächte, die den Kontinent bedrohten. „Wir flogen jenseits der Grenzen mit Bomben gegen den Feind, hoch über der spanischen Erde, mit den Fliegern Italiens vereint“, lautet die erste Strophe des berühmten Bombenfliegermarschs der Legion Condor, versinnbildlichend die gemeinsame Allianz europäischer Nationalisten im Kampf gegen die marxistische „Weltrevolution“, die in den Jahren 1936-39 drohte, auch von Spanien Besitz zu ergreifen und das Land zu einem Vorposten der Sowjetunion in Westeuropa zu machen. Abgewehrt werden konnte diese kommunistische Bedrohung nur durch das Zusammengehen der spanischen Nationalisten mit der Achse Berlin-Rom und der Unterstützung weiterer nationalistischer Freiwilliger aus ganz Europa.

Die Worte „Das ist nicht unser Krieg“ wären damals nicht minder deplatziert gewesen als heute. Um so tragischer wirkt es auf den Ausgang der Geschichte nach, dass Spanien sich wenige Jahre später genau zu jener zaudernden Haltung hinreißen ließ und sich aus dem entscheidenden Ringen um Europa heraushielt, wodurch die Achsenmächte im Kampf mit England um die Kontrolle des Mittelmeers entscheidend ins Hintertreffen gerieten. Belohnt wurde die passive Haltung des Franquismus am Ende nicht. Isoliert und politisch auf Distanz gehalten, wurde Francos Herrschaft nach dem Zweiten Weltkrieg von den westlichen Alliierten lediglich deshalb geduldet, weil Spanien für die NATO eine strategisch wichtige Rolle im Kalten Krieg spielte und sich den USA als nützlicher Handlanger andiente.

Dem Druck der westlichen Ideologie, unter der sich Spanien nach 1945 zusammen mit Portugal allein auf weiter Flur befand, konnte das letzte Relikt aus den „faschistischen Tagen“ Europas nicht mehr lange Stand halten. Zum Schluss unterschied sich Spanien innenpolitisch kaum mehr von der kapitalistischen Ökonomie einer liberalen Demokratie, wurde zum Zinssklaven von Weltbank und IWF und erinnerte nur noch durch den autoritären Regierungsstil Francisco Francos an das Spanien alter Tage nach dem Sieg gegen die Roten. Vorausschauender und instinktiv richtiger handelten stattdessen die europäischen Freiwilligen, die an der Seite der Achse noch bis zu den letzten Tagen des großen Ringens sich der drohenden Einebnung europäischen Kulturlebens und dem Verlust ihrer Freiheit durch die Zwingherrschaft von Bolschewismus im Osten und liberaler Plutokratie im Westen entgegengestellt haben. Auch, wenn am Ende nur das Erbe an das Andenken ihres Heldentums geblieben ist.

Für uns bedeutet diese Lehre aus der Geschichte nichts weniger, als dass es kein „Es ist nicht unser Krieg“ geben kann, sobald einer der alten Feinde Europas, egal ob Washington oder Moskau, erneut mit Gewalt nach Teilen von Europa greift. Wenn Raketen und Bomben eines Imperiums, das den asiatischen Raum in ganzer Länge einnimmt, europäische Städte auslöschen, die im Gegensatz zu westeuropäischen Metropolen noch nicht gut zur Hälfte von nichteuropäischen Fremden, sondern von echten, weißen Europäern besiedelt sind, so haben wir vor uns nicht weniger einen Angriffskrieg gegen unsere rassische Substanz, als durch die „stille“ Migrationswaffe der westlich-liberalen Einwanderungspolitik. Wenn die Invasoren jener angreifenden Macht einen Kampf gegen tatsächliche oder vermeintliche „Nazis“ als Kriegsnarrativ ausrufen und rote Fahnen mit Hammer und Sichel Nationalsymbole einer europäischen Nation in deren besetzten Städten verdrängen, so sollte uns klar werden, dass der alte Kreuzzug des Bolschewismus gegen die souveränen Völker und Kulturen Europas kein abgeschlossenes historisches Kapitel ist.

Nationalisten in Europa sollten sich unter dem Vorwand einer „multipolaren Weltordnung“ nicht von Moskau vor den Karren spannen lassen und etwa glauben, dass das eurasische, völkernivellierende Äquivalent zum überstaatlichen Globalismus des Westens, das in Tradition der alten Sowjetherrschaft steht, ihnen die lang ersehnte Freiheit zurückbringen würde. Europa muss, anstatt die westliche Hegemonie gegen die russisch-eurasische einzutauschen, selbst zu einem Machtpol in der Welt werden. Nur durch eine Allianz seiner Nationen auf Grundlage der Europäischen Eídgenossenschaft und durch die Rückbesinnung auf das eigene historische und kulturelle Erbe seiner Völker kann dieses Unterfangen gelingen.

  • Das ist eine innenpolitische Angelegenheit im russischen Haus. Geht uns nichts an.

    Frido 14.07.2022
  • Wie in allen beherrschenden Medien fing der Krieg nicht erst am 24.Februar 2022 an, man hatte schon Jahre darauf hingearbeitet. Dieser Gaskrieg war schon eine Auseinandersetzung mit Amerika, da war der Fischer noch Außenminister. Fischer war damals der Meinung das Putin seine Verträge nicht einhält, aber wir bekommen immer noch russisches Gas.

    Wilhelm 27.06.2022
    • Ganau so ist es

      Artjom 27.06.2022
  • Putin will sich Europa scheibchenweise holen! Je schneller wir diese Wahrheit erkennen, desto eher können wir uns retten – INDEM WIR GEMEINSAM KÄMPFEN.

    Nadja Beeker 26.06.2022

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