Pflegeheime in Baden-Württemberg: Senioren müssen beim Sozialamt betteln

Home/Regionen/Stützpunkt Württemberg/Pflegeheime in Baden-Württemberg: Senioren müssen beim Sozialamt betteln

Nach einem oftmals langen und schweren Arbeitsleben, in dem man mühsam das nötige Geld erwirtschaftete, um das eigene Leben und das seiner Familie zu finanzieren, hat man sich die Vorzüge und Annehmlichkeiten des Rentnerdaseins verdient. Die tägliche Fahrt zur Arbeit sicherte nicht nur die materielle Existenz der eigenen Familie, sondern trug darüber hinaus auch gesamtgesellschaftlich betrachtet zu einer Hebung des Wohlstands bei. Gesellschaftliche Prosperität kann nur durch schaffende Hände generiert werden und nicht durch Müßiggang. All das, auf dem nachfolgende Generationen heute aufbauen und von dem sie profitieren können, gründet auf der Schaffenskraft ihrer Vorgängergenerationen.

Dass dieser gesellschaftliche Reichtum sehr ungleich verteilt ist und oftmals gerade jene überdurchschnittlich von diesem profitieren, die nichts zu seiner Entstehung beigetragen haben, steht auf einem anderen Blatt. Doch ohne das Fundament, welches unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern gelegt haben, könnten weder die Fleißigen noch die Müßiggänger von heute ein Leben führen, welches im Vergleich zu den oft prekären Lebensumständen unserer Vorfahren zumindest in materieller Hinsicht durch manche Vorzüge gekennzeichnet ist. Für diese unbestreitbare Lebensleistung schulden wir unseren Vorfahren Anerkennung und Dank.

 

Unnötiger Ballast

Im liberal-kapitalistischen System der BRD wird diese Lebensleistung und die daraus resultierende Dankesschuld jedoch selten anerkannt. Sofern die Schaffenskraft der Altgewordenen überhaupt gewürdigt wird, handelt es sich zumeist um reine Lippenbekenntnisse, die an den gegenwärtigen Lebensumständen von Senioren nicht das geringste ändern. In einem System, das den Wert der Angehörigen des eigenen Volkes ausschließlich nach deren Verwertbarkeit zu Zwecken der Gewinnmaximierung und Kapitalakkumulation bemisst, werden jene auf das Abstellgleis geschoben, die ihre Arbeitskraft nicht mehr zur Verfügung stellen können und trotz lebenslanger Arbeit kaum Ersparnisse ansammeln konnten. Entsprechend der kapitalistischen Verwertungslogik werden unsere Alten als reiner Kostenfaktor betrachtet, als unnötiger Ballast, mit dem sich keine nennenswerten Gewinne erzielen lassen. Im Kapitalismus wird der Mensch als Humankapital zu einem reinen Produktionsfaktor degradiert. Wer aufgrund seines Alters nicht mehr in der Lage ist, produktive Arbeit zu leisten und auch nicht im Besitz von Produktionsmitteln ist, somit also keinen Beitrag zur Wirtschaft zu leisten vermag, ist für ein solches System verzichtbar.

Wer nur über eine geringe Rente verfügt und keine Ersparnisse besitzt, gerät schnell in eine Notlage, wenn durch eine sich entwickelnde Pflegebedürftigkeit eine Unterbringung in einem Heim erforderlich wird. Sofern eine umfassende Betreuung erforderlich ist, sind die Kinder pflegebedürftiger Senioren oftmals aufgrund beruflicher Verpflichtungen und in Ermangelung des nötigen pflegerischen Spezialwissens nicht dazu in der Lage, selbst die Pflege ihrer Angehörigen zu übernehmen. Eine Heimunterbringung lässt sich nicht abwenden. Die finanziellen Belastungen, die hieraus resultieren, können von immer weniger Senioren und deren Angehörigen gestemmt werden.

 

Kostenexplosion

Insbesondere in Baden-Württemberg sind die Kosten für eine Unterbringung in einem Pflegeheim in den zurückliegenden Jahren geradezu explodiert. Ein Heimplatz ist für viele Senioren unbezahlbar, ein Gang zum Sozialamt unvermeidbar. Gemäß einer Auswertung des Verbands der Ersatzkassen (vdek) belegt Baden-Württemberg mit einer Eigenbeteiligung an den Kosten einer Heimunterbringung in Höhe von durchschnittlich 2.913 Euro im ersten Jahr einen Spitzenplatz. Damit erhöhte sich der durchschnittliche Eigenanteil in Baden-Württemberg um 358 Euro gegenüber dem Vorjahr.

Bundesweit beträgt dieser Eigenanteil im Durchschnitt 2.548 Euro, fast 400 Euro weniger als im Ländle. Mit einer durchschnittlichen Rente in Höhe von 1.500 Euro ist ein Pflegeheimplatz für viele Senioren somit unerschwinglich. Immer mehr Senioren in Baden-Württemberg sind gezwungen, beim Sozialamt „Hilfe zur Pflege“ zu beantragen. Der Anteil von Sozialhilfeempfängern in den Heimen wächst bundesweit kontinuierlich. Nach Angaben der Bundesinteressenvertretung für alte und pflegebedürftige Menschen (BIVA) liegt dieser Anteil in machen Regionen bereits bei über einem Drittel.

 

Angewiesen auf das Sozialamt

Dass auch in Baden-Württemberg Pflegebedürftige zunehmend auf das Sozialamt angewiesen sind, hat das Sozialministerium unter Manne Lucha (Grüne) zur Kenntnis genommen. Laut Angaben des Statistischen Bundesamtes waren in Baden-Württemberg Ende 2022 26.475 Personen von der sogenannte „Hilfe zur Pflege“ des Sozialamtes abhängig. Wirksame Maßnahmen zur Abhilfe wurden jedoch bislang nicht ergriffen. Im Gegenteil, das Sozialministerium versucht sich mit der hanebüchenen Erklärung, die vergleichsweise hohen Kosten für Pflegeheime in Baden-Württemberg seien auf den deutlich besseren Personalschlüssel und somit die personalintensivere Betreuung im Ländle zurückzuführen, aus der Affäre zu ziehen und von der eigenen Untätigkeit abzulenken.

Mehr Pflegekräfte für Heimbewohner sind sicher zu begrüßen. Doch wenn der Aufenthalt von immer mehr pflegebedürftigen Senioren nicht bezahlt werden kann, stimmt etwas im System nicht. Für die Betroffenen ist es entwürdigend, nach einem arbeitsreichen und selbstbestimmten Leben nun plötzlich beim Sozialamt betteln zu müssen. Ohnehin ist es alles andere als einfach, Unterstützung vom Staat zu bekommen. Hilfe vom Staat erhält nur, wer sein Erspartes bis auf 10.000 Euro Schonvermögen aufgebraucht hat. So schmilzt bei Betroffenen das lebenslang Zusammengesparte dahin. Wer über ein Eigenheim verfügt, muss dieses veräußern, bevor ein Anspruch auf „Hilfe zur Pflege“ besteht.

 

Weitere Verschärfung der Situation erwartet

Von selbst bessern wird sich die gegebene Situation nicht. Im Gegenteil, nach Berechnungen des Statistischen Landesamtes ist mit einem starken Anstieg der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2060 zu rechnen. Infolge der geburtenstarken Jahrgänge zwischen 1955 und 1970 ist davon auszugehen, dass bis 2060 rund 800.000 Menschen in Baden-Württemberg auf Pflege angewiesen sein werden. Das sind 48 Prozent mehr als 2021. Die Situation dürfte sich somit in den kommenden Jahren kontinuierlich zuspitzen.

 

Deutscher Sozialismus jetzt!

Die Partei „Der III. Weg“ steht für einen Deutschen Sozialismus, durch welchen soziale Gerechtigkeit für alle Deutschen gewährleistet wird. Eine angemessene Altersversorgung muss ein würdiges Dasein garantieren. Alters- und Krankenvorsorge darf nicht profitorientiert erfolgen, sondern hat sich im Rahmen einer einheitlichen Sozialversicherung am bestehenden Bedarf zu orientieren. Die Privatisierung des Gesundheitswesens ist rückgängig zu machen, der Staat mit der Gesunderhaltung seiner Bürger zu beauftragen.

1 Kommentar

  • @Z
    Können sie ihre Aussage bitte präzisieren?

    Marianne 05.12.2023
×

Schneller und einfacher Kontakt über WhatsApp - Einfach auf den unteren Button klicken!

 

Kontakt über Threema unter der ID:
Y87HKB2B

×