50 Jahre Archipel Gulag

„Bedrückten Herzens habe ich das fertige Buch jahrelang zurückgehalten: Die Pflicht gegenüber den noch Lebenden überwog die Pflicht gegenüber den Verstorbenen. Doch nun, da das Manuskript in die Hände des Staatssicherheitsdienstes gefallen ist, bleibt mir keine andere Wahl, als es unverzüglich zu veröffentlichen.“

So schreibt Alexander Solschenizyn (1918-2008) im September 1973. Durch Verrat gelangt der sowjetische Geheimdienst an sein unveröffentlichtes Buch Archipel Gulag. Solschenizyn, der schon seit einigen Jahren unter Beobachtung des KGB steht, handelt schnell. Er beauftragt einen russischen Emigrantenverlag, das Buch sofort zu veröffentlichen – und so geschieht es im Januar 1974 in Paris. Damit wurde eine der bedeutendsten Schriften, welche den stalinistischen Lagerterror und die sowjetische Gewaltherrschaft offenlegt, vor der Vernichtung bewahrt.

Acht Jahre hatte Solschenizyn selbst in jenen berüchtigten Gefängnisinseln verbracht, in denen aus Abweichlern, Dissidenten oder schlicht ungeliebten Menschen für die Sowjetdiktatur genehme homines sovietici werden sollten – oder, falls dies nicht gelang, zumindest tote Menschen. Zehn Jahre hat Solschenizyn an seinem Archipel Gulag gearbeitet, in welchem die Erinnerungen und Aufzeichnungen von 227 Personen Niederschlag finden. Nach einer Überarbeitung liegt die Schrift heuer in drei Bänden, aber auch einer gekürzten Einzelbandausgabe vor.

Akribisch schildert Solschenizyn System und Mechanismus der Stalinschen Terrordiktatur, sowie der gnadenlosen Gefangenenlager, welche bereits seit Lenin bestehen. In diesen genießen gewöhnliche Kriminelle mehr Vorzüge als politische Dissidenten – sind erstere nur ein gesellschaftliches Übel, sind letztere Klassenfeinde, Gegenrevolutionäre, Faschisten – kurzum: gefährlich für den Sowjet.

Insgesamt ist das Werk in sieben Teile untergliedert. Sie behandeln u. a. die Errichtung der Gefängnisse, die ersten Häftlingsströme, das Lagerleben, die Psyche und das Seelenleben der Insassen, sowie die sog. „Entstalinisierung“.

Die Veröffentlichung seines Werkes hat rasch Folgen. Im Februar 1974 wird Solschenizyn verhaftet und in die BRD abgeschoben. Daß er zu diesem Zeitpunkt bereits ein international bekannter Schriftsteller ist, der 1970 den Literaturnobelpreis erhielt, dürfte ihn vor einer erneuten Einkerkerung bewahrt haben. Im Exil bleibt er aktiv, tritt als Redner auf, schreibt an seinen Romanen weiter. Im Westen ruft er zwiegespaltene Reaktionen hervor. Er übt sowohl an der Sowjetunion, als auch am westlichen Materialismus und Kapitalismus Kritik.

Moralisch tritt er häufig sehr rigide auf. Besonders seine teils kritischen, jedoch oft versöhnlich ausgerichteten Standpunkte bezüglich der Geschichte des Judentums in Russland in seinem Werk 200 Jahre zusammen bescheren ihm jüdischerseits viele Feinde. Nach dem Zerfall der Sowjetunion kehrt Solschenizyn nach Russland zurück und erlebt dort eine Rehabilitierung als Schriftsteller. Im August 2008 stirbt Solschenizyn in Moskau.

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