Feder & Schwert LXXXIV: Was wir von Machiavelli lernen können

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Machiavelli genießt im völkischen politischen Lager keinen guten Ruf. Unter dem Schlagwort „Machiavellismus“ unterstellt man dem italienischen Philosophen und Staatstheoretiker, eine Anleitung zum rationalen Machtmissbrauch unabhängig jeglicher gemeinwohlorientierter Ethik, ein Plädoyer für die Machtpolitik um ihrer selbst willen, verfasst zu haben. Doch diese Kritik greift zu kurz und wird oftmals nur von jenen ins Feld geführt, die sich gar nicht oder nur oberflächlich mit Niccolo Machiavelli und seiner wichtigsten Schrift „Il principe“ (zu deutsch: „Der Fürst“) beschäftigt haben. In Wirklichkeit hat der florentinische Diplomat lediglich ein ungeschminktes Bild darüber abgegeben, auf welche Weisen Menschen oder Gruppen zur Macht gelangen und diese auch behalten. In einer Zeit, in der die Kirche als Institution Europa in einer Zwingherrschaft der Heuchelei gefangen hielt und nackte, weltliche Machtpolitik mit christlicher Frömmelei übertünchte, um die Abgründe zwischen christlichem Ideal und Realpolitik nicht allzu offenbar erscheinen zu lassen, kam ein Mann wie Machiavelli gerade richtig, um der damals vorherrschenden Bigotterie die Maske vom Gesicht zu reißen.

Anstatt Machiavelli als bedeutenden Philosophen seiner Zeit, des frühen 16. Jahrhunderts, zu sehen, wird er heute stattdessen verklärt. Zitate wie „ein kluger Herrscher kann und darf daher nicht sein Wort halten“ werden aus dem Zusammenhang gerissen, um Machiavelli als Vorbild für machtbesessene, unwahrhafte Charaktere hinzustellen. Dabei wird der zweite Teil des Satzes „…wenn ihm dies zum Schaden gereicht und die Gründe, aus denen er es gab, hinfällig geworden sind“ hierbei ganz ausgeblendet. Machiavelli wusste schon zu seiner Zeit, die Natur des Menschen realistisch einzuschätzen, denn er sagte „Wären alle Menschen gut, so wäre der Rat nichts wert; da sie aber nicht viel taugen und ihr Wort gegen dich brechen, so brauchst du es ihnen auch nicht zu halten.“ Das politische Ränkespiel war schon zur Zeit Machiavellis durch gegenseitige Untreue der Fürsten und gebrochene Verträge geprägt.

Machiavelli war nur klug genug, diese Tatsachen beim Namen zu nennen und sie in die nüchternen Zeilen zu packen, dass nur diejenigen, die am besten „den Fuchs zu spielen“ verstanden, „am weitesten gekommen“ sind. Und doch kommen, anders als es seine Kritiker vermuten lassen, die vom Volk verhassten Despoten und Autokraten auf der einen Seite bei Machiavelli ebenso schlecht weg wie die schwachen und wankelmütigen Naturen auf der anderen Seite. Machiavielli lehrt, dass ein jeder Fürst tunlichst vermeiden sollte, sich beim Volke entweder verhasst oder verächtlich zu machen. Verhasst macht er sich durch Habgier und Grausamkeit, verächtlich durch Wankelmut, Unentschlossenheit und weibische Feigheit. Stattdessen solle ein Fürst danach trachten, sich große Achtung durch kühne Unternehmungen und seltene vorbildliche Taten zu erwerben. Denn der Ruf eines großen und hervorragenden Mannes bringt einem Fürsten nicht nur das Ansehen seines Volkes, sondern auch das der anderen Fürsten ein.

 

Der Volksfürst

Das Ideal, das dem abendländischen Denker Machiavelli vorschwebt, ist der „Volksfürst“. Mit diesem beschreibt er jene Herrscher, die nicht durch Gewalttaten, sondern durch die Gunst des Volkes zum Fürsten des Vaterlandes aufgestiegen sind. Neben Tüchtigkeit und Glück nennt er auch eine erfolgreiche Schlauheit und ein Buhlen um die Gunst des Volkes als die notwendigen Voraussetzungen, um zur Macht zur gelangen. Um sich an der Macht zu halten, empfiehlt Machiavelli mitnichten rücksichtslose und jedem ethischen Rechtsempfinden bare Methoden, sondern, dass sich der Volksfürst das Volk zum Freunde erhält. Eines feindseligen Volkes könne sich ein Fürst nie versichern, denn unter diesem muss der Machthaber beständig leben und regieren. Jedoch müsse er weniger Rücksicht auf „die Großen“ – gemeint sind die Eliten der Gesellschaft – nehmen, da diese nur wenige sind und man diese jederzeit erheben oder erniedrigen kann.

Hier zeigt sich eine klare Absage an die Herrschaftsform der Kleptokratie, in der sich ein Fürst und eine um ihn gescharte Elite dauernd am Staate und dem Volk zu persönlichen Zwecken bereichern. Machiavelli zieht den Schluss, dass ein Fürst das Volk auf seiner Seite haben muss, da er sonst im Unglück und in schweren Zeiten von diesem verlassen wird. Als Beispiel nennt Machiavelli den letzten spartanischen König Nabis, welcher der Belagerung durch alle anderen griechischen Staaten und eines siegreichen Römerheeres lange Zeit standhalten konnte und letztlich erst durch die Übermacht des Aitolischen Bundes 192 v.d.Z. in die Knie gezwungen werden konnte. Dazu genügt es, dass er sich nur einiger weniger „Großer“ zu versichern brauchte und vor allem das gesamte Volk hinter sich hatte. Hätte Machiavelli 450 Jahre in die Zukunft blicken können, so wäre ihm wohl sicherlich auch Deutschlands Aufstieg und heldenhaftes Ringen unter seinem „Volksfürsten“ in den Sinn gekommen.

Gegen mögliche Verschwörungen im Inneren weiß Machiavelli einen Rat: Stets muss ein Volksfürst Hass und Verachtung des Volkes vermeiden, denn wird er vom Volke gehasst, ist es für eine ehrgeizige Clique um so leichter, sich gegen den Fürsten zu verschwören, denn sie glaubt dann umso eher, durch den Tod des Fürsten das Volk zufrieden zu stellen. Wissen die Verschwörer um die Empörung des Volkes, wenn ein geliebter Fürst gestürzt würde, so fehlt den Verschwörern eher der Mut, ihr Vorhaben bis zum Schluss in die Tat umzusetzen, denn auf der Seite der Verschwörer schwingt immer die Furcht, Eifersucht und Angst vor Strafe mit, was ihr Vorhaben naturgemäß schwer macht. Auch hier zeigen die historischen Erfahrungen gescheiterter Verschwörungen während großer Schicksalskämpfe in der deutschen Geschichte ein bezeichnendes Bild. Der Ruf eines misanthropen Zynikers, der Machiavelli heute unbegründet noch immer anlastet, bekommt auch Risse, wenn man sich die Zeilen zu Gemüte führt, in denen Machiavelli dem Volksfürsten empfiehlt, die Tüchtigkeit seiner Bürger zu schätzen und zu fördern, jene zu belohnen, die die Stadt oder den Staat auf irgendeine Weise bereichern wollen und an Festen und Schauspielen des Volkes zu erscheinen und sich „menschenfreundlich und freigebig“ zu erweisen, dabei aber stets seine Würde zu wahren.

 

Kampf ist Vater aller Dinge – auch bei Machiavelli

Im Kriegswesen hat Machiavelli ebenso einen wichtigen Rat. In der Verlernung der Kriegskunst sieht der florentinische Denker die erste Ursache für den Verlust der Macht und in ihrer Erfahrenheit das Mittel, sie zu erwerben. Das „unkriegerische Wesen“ nennt Machiavelli eine „Schmach“, die den Fürsten verächtlich macht, denn niemand kann ernstlich erwarten, dass der Bewaffnete dem Unbewaffneten willig gehorche und dass sich der Unbewaffnete unter bewaffneten Dienern sicher fühle. Hier lehrt Machiavelli nichts anderes als die schon unter unseren germanischen Vorfahren übliche Auffassung von Wehrtüchtigkeit und Kriegerehre. Vor allem im Frieden solle ein kluger Fürst seinen Fokus auf das Kriegerhandwerk richten, denn wie schon Marcus Tullius Cicero und im Grundsatz bereits Platon wussten, bereitet man sich besser auf den Krieg vor, wenn man den Frieden erhalten will.

Hüten solle sich ein kluger Fürst jedoch vor dem Söldnerwesen, denn dieses betrachtet Machiavelli genauso wie die Hilfstruppen als das Verderben eines Kriegsherren, die vor allem durch ihre Unzuverlässigkeit, Untüchtigkeit und fehlende Loyalität zur Gefahr werden können. Ein Kriegsmacht solle sich deshalb immer auf die eigenen Waffen und die eigenen Bürger stützen, weshalb nur kriegerische Volkstaaten wie Sparta oder die Schweizer über Jahrhunderte wirklich frei blieben, während Mächte wie Karthago oder das späte, imperiale Rom von ihren eigenen Söldnertruppen schon bald bedrängt wurden und an ihnen letztlich zu Grunde gingen. Machiavelli schrieb sogar, dass ein kluger Fürst lieber eine Niederlage mit den eigenen Truppen in Kauf nehmen sollte, als einen Sieg mit fremden Truppen zu erringen, da ein Sieg, der mit fremden Waffen errungen wurde, kein wahrer Sieg ist. Und auch, dass ein erfolgreicher Kriegsherr sich nicht nur allein auf Waffen stützen kann, um seine Macht zu erhalten, wusste der berühmte Florentiner richtig einzuordnen, indem er schrieb „Auch der Mächtigste bedarf der Gunst der Einheimischen, um in ein Land eindringen zu können“. Auch hier hat die jüngere Geschichte nach Machiavelli genügend Lehrstücke darüber geliefert, dass nicht das Auftreten eines despotischen Absolutherrschers der Schlüssel zu einer erfolgreichen Besatzungspolitik ist, sondern im Gegenteil, die kluge Politik eines Protektors, um die Mitarbeit und Gunst der Unterworfenen zu gewinnen.

 

Was Europa heute von Machiavelli lernen kann

Es fällt nicht schwer, bei den Betrachtungen der vorangegangen Ausführungen unweigerlich zu erkennen, dass die heutigen Machthaber in den europäischen Demokratien wohl alles falsch machen, was man falsch machen kann, um ihre Macht auch künftig weiter behaupten zu können. Sie können nicht durch große Unternehmungen oder besondere vorbildliche Taten glänzen, sie machen sich verächtlich und verhasst bei breiten Massen ihrer Völker, indem sie sich an ihnen bereichern, anstatt sie für ihre Tüchtigkeit zu belohnen; sie vernachlässigen das Kriegerhandwerk, sind überhaupt unkriegerisch und setzen auf Berufsarmeen als moderne Söldnerheere, anstatt auf Volksheere. Die europäischen Herrschenden der Nachkriegszeit, angekränkelt durch Liberalismus und Pazifismus, hatten wohl gedacht, wenn sie selbst auf Friedfertigkeit und bedingungslose Treue gegenüber Vertragswerken, anstatt gegenüber den Interessen ihrer Nationen setzen, würden es ihnen die anderen Großmächte der Welt wohl gleichtun.

Doch weit gefehlt, spätestens seit Europa durch die Realität nüchterner Gewalt- und Machtpolitik eingeholt wurde, wie sie Trump und Putin in jüngster Zeit in aller Ungeniertheit praktizieren, sollte es auch den naivsten Träumern einer großen, internationalen „Verbrüderung“ dämmern, dass Europa zurückkehren muss zu seiner Machtpolitik, die ausschließlich eigenen Interessen folgt. Doppelt fatal wirkt sich dabei noch das mindere Ansehen der europäischen Regierungen bei ihren Völkern aus. Wer kann es einem jungen erwachsenen Deutschen verdenken, dass er sein Leben nicht für einen BlackRock-„Fürsten“ wie Friedrich Merz opfern will? Und dennoch wird es zukünftig notwendig sein, dass Europa wieder das Kriegerhandwerk erlernt, um sich den raumfremden Bedrohungen zu erwehren, wenn es zusätzlich zur inneren Unfreiheit nicht auch noch in die äußere Unfreiheit geraten will. Wie schnell ein „Fürst“ stürzen kann, der nicht das Volk hinter sich hat, hatte wohl der ehemalige Diktator Syriens Baschar al-Assad Ende 2024 am eigenen Leib erfahren müssen.

Wenn sich die Herrschenden der BRD weiterhin die Verachtung des Volkes auf sich ziehen, wird wohl auch für unser Land ein eventueller Kriegsfall zur Katastrophe. Die künftigen Machthaber in Europa, welche die heute Herrschenden in einer hoffentlich zu unseren Lebzeiten noch stattfindenden nationalen und sozialen Revolution ablösen werden, sollten daher die Weisheiten eines Machiavelli beherzigen, damit unser Lebensraum Europa in Zukunft von klugen, angesehenen und tapferen Volksfürsten regiert wird und nicht von den abgehalfterten Marionetten einer ruhmlosen politischen Ordnung, die, einst von außen aufgezwungen, längst auf dem Sterbebett der Geschichte liegt.