
„Benoists Analyse und seine Übernahme Gramscis für eine ‚Kulturrevolution von rechts‘ geben ein klares Ziel vor. Es handelt sich dabei nicht um einen blutigen Aufstand, paramilitärische Operationen oder Bürgerkriegsphantasien. Das Ziel ist eine Eroberung der Machtmittel der kulturellen Hegemonie, welche die herrschenden Ideen und Begriffe erzeugen, also der Massenmedien, der Kunst, der Kultur und des öffentlichen Raumes“ (1)
Folgerichtig veröffentlichte ein früherer Kader der Identitären Bewegung, Mario Alexander Müller, ein Handbuch, das Jugendlichen die Identitäre Bewegung näher bringen soll. Er schreibt:
„Während es der französischen Neuen Rechten vor allem um intellektuelle Vorarbeit ging, schafft die Identitäre Bewegung nun auch alltägliche Kultur-, Sozial-, und Freizeitangebote von rechts. Ihre Aufgaben sind theoretisch wie praktisch, sie reichen von der Gegeninformation bis zur Besetzung öffentlicher Räume.“ (2)
Anders als Sellner sieht Müller aber sehr wohl die Möglichkeit einer militanten Auseinandersetzung und wäre auch einer „Maidanisierung“ nicht abgeneigt.
„Am Ende bleiben der herrschenden politischen Klasse, wie Gene Sharp schreibt, nur noch ‚Anpassung, Entgegenkommen, Zwang oder Auflösung‘. Entweder paßt sich die Politik an, oder sie muß abtreten. Als ‚Orbanisierung‘ und ‚Maidanisierung‘ sind beide Szenarien Bestandteil identitärer Strategie.“ (3)
Aber lassen wir Benoist selbst zu Wort kommen. Er sieht es als vordringliche Aufgabe an, Worte beziehungsweise deren Bedeutungsinhalte zu bestimmen und in den politischen Diskurs einzubringen, um damit das Denken der Menschen anzupassen und zu verändern.
„Man sagt, die Schlüsselbegriffe des rechten Vokabulars seien durch Faschismen diskreditiert worden. Sagen wir lieber, dass diese Diskreditierung von Gruppen kunstvoll ins Werk gesetzt und genährt worden ist, die in der Verbreitung von Mythen, die Kampfkraft lähmen und Schuldgefühle einimpfen, Experten sind. Wir haben es hier nicht mit einer Analyse, sondern mit Propaganda zu tun.“ (4)
Er zieht ebenso wie Gramsci den banalen Schluss, dass Veränderungen nur vor sich gehen, wenn diese zuvor bereits gewollt waren.
„Alle großen Revolutionen der Geschichte haben auf der politischen Ebene eine Entwicklung konkretisiert, die in den Geistern schon vor sich gegangen war – selbstverständlich angefangen bei jener von 1789. Das war es, was der Italiener Antonio Gramsci sehr genau begriffen hatte, dessen Lehren die Neomarxisten so besonders eifrig praktizieren. Es versteht sich von selbst, dass die alte Rechte, die – im Ganzen genommen – weder Marx noch Lenin gelesen hat, weit davon entfernt ist, Gramsci zu lesen.“ (5)
Wiewohl Benoist einen etwas naiven Zugang zur Politik hat, wie sich hier zeigt:
„Der Staat kann den Besitz von Waffen oder die Verwendung von Sprengstoff verbieten, aber er kann nur sehr schwer, ohne das Prinzip der freien Meinungsäußerung anzutasten, die Verbreitung eines Buches, oder die Aufführung eines Schauspiels verbieten, die jedoch, wenn es darauf ankommt, Waffen darstellen können, die gegen ihn gerichtet werden.“ (6)
In Wahrheit werden in der BRD und Österreich mittels Indizierung und Beschlagnahme Bücher und Tonträger dem politischen Diskurs weitgehend entzogen. Künstler wie Manuel Eder und „Mr. Bond“ werden zu hohen Haftstrafen verurteilt. Ebenso naiv ist es von Benoist zu glauben, dass der repressive Staat und die totalitäre Demokratie sich an eine Verfassung und Gesetze zu halten hätten. Im Zweifel wird das Recht angepasst.
„Entsprechend begünstigt die Macht, die verfassungsmäßig verpflichtet ist, den Schwankungen der öffentlichen Meinung Rechnung zu tragen, und die selbstebenfalls von den Vorspiegelungen der Mode und den Talenten der Intelligenzija verführt wird, sehr oft jenen Prozess der Substitution der Werte, dessen Opfer sie letzten Endes wird. So vollzieht sich unter Wirkung der kulturellen Macht die Umkehrung der ideologischen Mehrheit.“ (7)
Ob die Konzeption von Gramsci und Benoist tatsächlich aufgehen wird, darf bezweifelt werden. Immerhin war Gramscis Kommunistische Partei, mit rund 1,8 Millionen Mitgliedern, die stärkste kommunistische Partei Westeuropas. Sie hat sich 1991 aufgelöst und die kommunistische Revolution blieb bis heute aus. Am Beispiel der BRD und der Republik Österreich lässt sich klar erkennen, wie Kultur als Mittel der Machtausübung angewendet wird. Nach 1945 wurde der Kulturbetrieb von den Besatzungsmächten übernommen und bis heute ist der Druck nicht verschwunden. Es ist also eher davon auszugehen, dass echte Macht immer von oben nach unten gebaut wird und jede Änderung auch die Frage nach dem System bedingt. Es war Lenin, der die „Einheit von Theorie und Praxis“ verlangte und Benoist, der darauf hinwies, dass jede Theorie, der keine Praxis folgt, Intellektualismus sei.
Der „Neurechte“ Benedikt Kaiser hatte die „Neue Rechte“ und ein von ihm postuliertes „Patriotisches Mosaik“ im Blick, wenn er schreibt:
„Hier schwächeln rechte Denkweisen zu oft. Ausgiebig wird analysiert wie viele Ausländer nach Europa strömen und der ‚Große Austausch‘, der ein real existierendes Migrationsproblem, keine religiöse Frage ist, wird in rechten Online-Blogs zum Masterplan scheinbar allmächtiger Islamisten erhoben, der überdies scheinbar im luftleeren Raum stattfindet oder von der einheimischen politischen Klasse ‚gemacht‘ wird.“ (8)
Seit Kaiser 2017 diese Gedanken formulierte, hat sich nicht viel geändert. Immer noch bemüht sich Kaiser um die „rechten Denkweisen“ und immer noch haben es ihm Gramscis Ideen angetan. Die intellektuelle Lücke der „Neuen Rechten“ versucht er durch sein Gramsci-Buch „Der Hegemonie entgegen“ auszufüllen. Anstatt sich, wie Gramsci es verlangte, als „organischer Intellektueller“ in die revolutionäre Kaderpartei einzugliedern, übt er die Kritik vom Spielfeldrand und schreibt über seinen Brötchengeber AfD:
„[…] Teile der AfD hingegen sind einseitig auf den Staat, also auf die Ebene der Realpolitik ausgerichtet und unterschätzen die Bedeutung der Metapolitik (als Ideengeber, als Lieferant von Positionen und Begriffen, als Druck ‚von der Straße‘ usw.).“ (9)
Weiter beklagt Kaiser die „Oligarchisierung“ der AfD und die mangelnde Einbindung seines sogenannten „Vorfelds“. Unter „Vorfeld“ versteht Kaiser:
„Zum Vorfeld müssen jene Organisationen, Vereinigungen und Zusammenschlüsse gerechnet werden, die ideell einer bestimmten Partei nahestehen. Vorfeldakteure müssen keineswegs Parteimitglieder sein, um an der Resonanzraumerweiterung für eine Partei beteiligt zu sein; die Mosaiksteine sind nebeneinander platziert, nicht aufeinander.“ (10)
Mit dem Personal der AfD geht er hart ins Gericht und kritisiert die fehlenden politischen Inhalte.
„Wähler […] können sich auch, von ihrer ‚neuen‘ Interessenvertretung, der AfD, abwenden, wenn sich eine ‚oligarchische Wirklichkeit‘ breitmacht und als Gerücht oder Verdacht zur Basis der Wählerschaft durchdringt, sowie wenn ferner nicht versucht wird, einige von ihnen stärker an das eigene Projekt zu binden und in eigene Denkweisen sowie Milieus zu integrieren. Die Chancen dafür stehen angesichts des mangelnden meta- und realpolitischen Bewusstseins verantwortlicher AfD-Politiker auf Bundesebene einigermaßen schlecht […].“ (11)
Ein Vorbild zur Umsetzung seiner Ideen hat Kaiser in Viktor Orbáns Ungarn ausgemacht. Der gerade erst politisch massiv gescheiterte Orbán und dessen „Nationaler Block“ aus Fidesz-Partei und „Gesellschaft=Vorfeld“ sind die Blaupause für Deutschland.
„Darauf verweist der orbánnahe Vordenker Márton Békés, wenn er die Integrationsstärke des Fidesz und dessen Spitzenpersonals explizit mit ideologischen Überzeugungen und emotionalen Zusammengehörigkeitsgefühlen verbindet.“ (12)
Man soll niemals zum Opfer seiner eigenen Propaganda werden. Politik ist ist immer eine Sache materieller Umsetzung und nicht nur auf der Ideenebene zu verwirklichen, weshalb Gramsci richtigerweise die Unterordnung der „organischen Intellektuellen“ und die Assimilierung der „traditionellen“ Intellektuellen in die Kaderpartei forderte. Was die klüglerischen Ferndiagnosen, anhand von bezahlter Fidesz-Propaganda, wie den beiden im Jungeuropa-Verlag erschienenen Büchern „Nationaler Block“ und Orbán gegen Soros“ wert sind, zeigte die Wahl in Ungarn vom 12. April 2026. Das Erscheinen der beiden Bücher wurde gefördert durch die „Foundation for Research on Central and Eastern European History and Society, Budapest“. Eine Stiftung, der die Jüdin Mária Schmidt vorsteht, die eine enge Vertraute Orbáns ist.
Kaiser ist einer Fremdfinanzierung, die auch immer Fremdbestimmung bedeutet, durchaus zugetan; er schreibt dazu:
„Im Zuge der Wissensvermittlung in die Partei hinein, die über keine eigenen Wissensquellen und Nachwuchsschmieden verfügt, müssen daher bestimmte Leitakteure der Partei das finanzielle Potenzial für eine vielgestaltige Nachwuchsbildung überall dort, wo es möglich ist, eigenverantwortlich erschließen.“ (13)
Erschlossen werden soll vor allem der Geldtopf der AfD.
„Denn als größter Mosaikstein und als Finanzgigant trägt die jeweilige Partei die (Mit-)Verantwortung für die sie umgebenden Mosaiksteine, für die sie umgebenden Mitspieler im großen Ganzen – sie muss diese je nach Notwendigkeit schützen und fördern […].“ (14)
Kaiser will bekanntlich das Verhältnis zwischen Partei und Intellektuellen umdrehen, in dem das Vorfeld der Partei die Richtung vorgibt – sozusagen der Schwanz mit dem Hund wackelt. Denn laut Kaiser befinden sich er und die Seinen im Besitz der korrekten Analysen der Realität und sind daher das „Zentrum“ (!) der Neuen Rechten, also das, was für Gramsci die revolutionäre Kaderpartei ist.
„Verbindet man die frühe Neue Rechte mit ihren heutigen Erscheinungsformen im Rahmen der schematisierten Achse Schnellroda-Jungeuropa als doppeltem Zentrum der NR, ergibt sich der Minimalkonsens einer Rechten, die das umwälzend gestaltende (revolutionäre) mit dem bewahrend-erhaltenden (konservativen) Element verbindet. Es handelt sich bei aller markanten Unterschiedlichkeit in den Details – insgesamt um eine Rechte, die die realistisch-skeptische Lageanalyse einer antiquierten bürgerlichen Illusion vorzieht.“ (15)
Die überschaubaren „Erfolge“ dieser Neuen Rechten erklärt Kaiser mit mangelnder Strategie.
„Fehlte es der deutschen ‚Neuen Rechten‘ in ihrer fünf Jahrzehnte währenden Geschichte nie an klugen Köpfen und einzelnen bleibenden Institutionen, so fehlt es ihr aufgrund innerer und äußerer Zwänge doch an einer ebensolchen mehrgliedrigen Leitstrategie.“ (16)
Richten soll es aktuell die Leitstrategie „Metapolitik“, worunter Kaiser folgendes versteht:
„Metapolitik ist der Kampf um geistige und kulturelle Hegemonie. Der darauffolgende Kampf um die Macht im Staat und in dessen Apparaten ist Realpolitik, von der wiederum die Parlamentspolitik den wichtigsten Teil darstellt. Metapolitik und Realpolitik ineinandergreifend dargestellt und als Einheit im Werden zusammengedacht ergeben eine integrale Strategie, die zudem auf der Analyse materieller Interessen und Ressourcen fußen muss, anstatt diese – rein kulturkämpferisch und geistespolitisch ausgerichtet – auszublenden.“ (17)
Während Kaiser sich in seinem Gramsci-Buch also mehr mit seinem Arbeitgeber AfD und der Propagierung der ewig gleichen Strategeme der Neuen Rechten begnügt, liegt die einzige Stärke des Buchs „Der Hegemonie entgegen“ in der Darstellung der ideologischen, personellen und organisatorischen Wurzeln ebendieser Neuen Rechten, die im Kapitel „Positionen, Köpfe, und Begriffe“ als strasseristisch und niekischianisch dargestellt werden.
„Wenn es damals eine Person gegeben habe sollte, die ihn inspiriert habe, ‚dann war das vor allem Strasser‘, so Eichberg rückblickend […] daher Otto Strasser als ‚Vorläufer des Ethnopluralismus und damit der Neuen Rechten‘ ein.“ (18)
„[,,,] Die neue Rechte wurde durch weitere Vorläufer beeinflusst. Günter Bartsch – erst KPD, dann engagierter Forscher, dann neurechts – nannte in seinem Standardwerk Revolution von rechts die strasseristische Unabhängige Arbeiterpartei (UAP), aus deren Reihen viele Kader stammen (‚Ihr Einfluß auf die neue Rechte ist erheblich’) […].“ (19)
„[…] an Vordenkern der Linken, volkssozialistischen Theoremen und Ernst Niekisch, der ‚im Mittelpunkt des Interesses‘ stand. Man organisierte beispielsweise Ostern 1976 eine Feierstunde am ehemaligen Niekisch-Wohnhaus in Berlin. Auf einer Gedenktafel platzierte man Niekischs Sentenz […].“ (20)
Auch fast 90 Jahre nach Gramscis Tod ist also kein Ende der Rezeption seiner Ideen in Sicht. Er bietet mit seinen vage bleibenden Formulierungen die Möglichkeit, seine Schriften als Ideensteinbruch zu vernutzen und mit viel Wortgeklingel den Abbau in klingende Münze zu verwandeln.
Zum Nachlesen: Feder & Schwert LXXXVI – Über Gramsci und den Gramscismus (Teil 1)
Fußnoten:
(1): Martin Sellner: „Identitär! Geschichte eines Aufbruchs“; Verlag Antaios, Schnellroda 2017; S. 99.
(2): Mario Alexander Müller: „Kontrakultur“; Verlag Antaios, Schnellroda 2017; S. 162.
(3): Mario Alexander Müller: „Kontrakultur“; Verlag Antaios, Schnellroda 2017; S. 186.
(4): Alain de Benoist: „Kulturrevolution von rechts“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2017; S. 33.
(5): Alain de Benoist: „Kulturrevolution von rechts“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2017; S. 42.
(6): Alain de Benoist: „Kulturrevolution von rechts“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2017; S. 79 f.
(7): Alain de Benoist: „Kulturrevolution von rechts“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2017; S. 81
(8): Benedikt Kaiser: „Querfront“; Verlag Antaios, Schnellroda 2017; S. 77.
(9): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 241.
(10): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 23.
(11): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 205.
(12): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 156.
(13): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 38.
(14): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 21.
(15): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 102.
(16): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 73.
(17): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 73.
(18): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 80.
(19): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 82.
(20): Benedikt Kaiser: „Der Hegemonie entgegen“; Jungeuropa Verlag, Dresden 2025; S. 91 f.














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