Jugendwort des Jahres

Jedes Jahr gibt der Langenscheidt-Verlag ein sogenanntes Jugendwort des Jahres heraus.  Für das Jahr 2016 wurde „Fly sein“ gekürt. Ein Begriff, der nicht nur älteren Semestern, sondern auch den meisten Jugendlichen selbst ein Fremdwort sein dürfte. „Fly sein“ soll für „besonders abgehen“ stehen. Dabei war dieser Begriff selbst einigen Jurymitgliedern die für diesen Begriff gestimmt haben nicht bekannt. Der Begriff soll der Hip-Hop-Sprache entnommen sein.

Allgemein fällt bei der Betrachtung der Jugendwortwahlen auf, dass besonders Anglizismen und andere Lehnwörter aus Migrantensprachen bevorzugt werden. Weitere Kandidaten bei der Auswahl zum diesjährigen Jugendwort waren: Bae (ein Akronym für Before anyone else, gutdeutsch: bester Freund), Mois (Kumpel), Overcut (Halbglatze) und gz (Abkürzung für Congratulations, englisch für Herzlichen Glückwunsch).

In vergangenen Wahlen siegten unter anderem „Babo“ (nach dem türkischen Wort Baba – Vater, „bekannt“ aus einem Rap mit dem Titel „Chabos wissen wer der Babo ist“ ) oder „Swag“ (amerikanisches Englisch, eine besondere Ausstrahlung haben).

Die Auswahl der Wörter erfolgt nach nicht genannten Kriterien nach Einreichungen beim Langenscheidt-Verlag. Über 30 Favoriten kann dann im Weltnetz entschieden werden. An deren Wahl ist jedoch die Jury, die das Jugendwort letztlich bestimmt, nicht gebunden. So stimmten für das diesjährige Jugendwort lediglich 4,4%

Dies scheint beim Langenscheidt-Verlag aber Strategie zu sein: durch die völlig unbekannten Wörter wird Aufmerksamkeit erzeugt damit anschließend das Jugendsprache-Lexikon des Verlags gut vermarktet ist. Das eigentliche Interesse liegt für den Verlag also in der Vermarktung seines Produktes.

Wolfgang Gaiser vom Deutschen Jugendinstitut kritisiert daher zu Recht: „Das hat wohl eher was mit Verlagsmarketing zu tun als mit Sozialforschung über das, was Jugendliche sprechen, über das, was Jugendliche denken. Mit solchen Spielereien Aufmerksamkeit für Verlagsprodukte zu erzielen und Leserschaften zu binden, ist ein geschickter Marketing-Gag. […] Wenn Spaßformulierungen herausgehoben werden, als ob sie das Sprach- und Denkniveau der Jugend heute wären, verzerrt dies das Bild über die Jugend von heute.“

Dabei steht auch die Suche nach neuen „Jugendwörtern“ nur für einen typischen Trend im Kapitalismus. Längst bekannte Dinge werden als neuer Trend wieder aufgekocht und so den Leuten als etwas neues verkauft. Was wir bei Kleidung (z.B. Retro-Jeans) oder Musik erleben, macht auch vor der Sprache nicht halt. Für Begriffe die längst in der deutschen Sprache vorhanden sind werden überflüssige Ersatzbegriffe gesucht. Der „Chabo“ könnte z.B. mit dem Führer übersetzt werden. Anstatt des Overcuts könnte man auch einfach bei der Halbglatze bleiben. Es zeigt sich hierin die geringe Wertschätzung die viele Personen in Verlagen und Medien der deutschen Sprache entgegenbringen.

Wenn man davon ausgeht, dass das ernannte Jugendwort durch diverse Medien (insbesondere die Pro7 Sat1 Media-Gruppe und die BRAVO Zeitung unterstützen den Langescheidt-Verlag) verbreitet wird und daher quasi von außen der deutschen Jugend vermittelt wird, kann man sich fragen, ob man diese Wahl nicht letztlich auch anders nützen könnte. So stehen zahlreiche deutsche Worte vor dem Aussterben. Warum kann man diese Wahl nicht also – wie z.B. auch bei der Wahl des Vogel des Jahres oder des Baumes des Jahres nützen, um auf diese Worte aufmerksam zu machen? So könnte man diese Worte erneut verbreiten und auch auf die natürliche Reichhaltigkeit unserer Sprache hinweisen. Alternativ könnte man aber auch an Stelle der Suche nach immer neuen Anglizismen auch mal den Spieß umdrehen und Germanizismen suchen für neue Dinge, für die es in der deutschen Sprache noch keinen Begriff gibt. Einige Vorschläge: E-Post (E-Mail), Rechner (Computer), T-Hemd (T-Shirt) oder Mobiltelefon oder Funki (Handy/Smartphone)