Der Wille zur Nation – Südtirol hat gewählt

Folgt man der veröffentlichen Meinung der Massenmedien und den Träumen der Intellektuellen, so scheint es keinen Zweifel zu geben – die Idee der Nation und des Nationalstaats als deren politische Verfaßtheit ist längst überholt und von der Geschichte widerlegt. Die Zukunft gehört den supranationalen Gebilden, Alternativen sind nicht vorgesehen, ja nicht einmal denkbar, außer unter den Rückwärtsgewandten und „Rechten“. So wollen es die Wirtschaftsvertreter und die linken und liberalen Eliten auf ihrem Weg zur unterschiedslosen Weltgesellschaft. Das „Ende der Geschichte“ ist nahe.

Doch der Schein trügt. Abseits der Utopien sind Europas Nationen nach wie vor lebendig und nationale Bewegungen bekommen gerade dort am meisten Zulauf, wo das Selbstbestimmungsrecht der Völker und die nationale Einheit eben noch nicht verwirklicht sind. Ob in Schottland oder Katalanien, in Flandern oder im Baskenland – der Wille zur Nation ist ungebrochen.

Auch in Deutschlands südlichstem Zipfel geraten die Dinge immer mehr in Bewegung. Nach der Besetzung durch italienische Truppen im Jahre 1919 und einer brutalen Italienisierungspolitik genießt Südtirol zwar seit den militanten Aktionen des BAS Autonomie, aber nach wie vor unter der Flagge Italiens. Seit 1948 dominierte die Südtiroler Volkspartei (SVP) im dortigen Landtag, die es sich im status quo über die Jahre bequem gemacht hat. Der Ruf nach Unabhängigkeit sei unrealistisch und naiv, sagte SVP-Parteichef Richard Theiner der Süddeutschen Zeitung. "Nationalstaaten sind Gebilde des 19. Jahrhunderts. Heute geht es nicht darum, in Europa Grenzen zu verschieben, sondern sie zu überwinden."

Das sehen die Südtiroler, vor allem die Jugend, offensichtlich anders. Erstmals verlor die SVP die absolute Mehrheit im Landtag. Die Parteien, die für eine Sezession sind, egal ob als eigener Staat oder im Anschluss an Österreich, schnitten stärker ab denn je. Rund 27% wählten die Freiheitlichen oder die Südtiroler Freiheit. "Süd-Tirol – Viel zu schade für Italien" lautete deren Wahlkampfmotto. Das kam an.

Solche Parolen verfingen auch bei jungen Südtirolern gut, sagt Stephanie Risse, Politik-Professorin an der Universität Bozen. "Viele meiner Studenten fühlen sich von dieser Freiheitsrhetorik angezogen." In der deutschsprachigen Jugend mache sich eine "Mia san mia"-Haltung breit, die Immigranten ebenso ausschließe wie italienische Mitbürger. Das Bedürfnis sei groß, sich als Südtiroler einzuigeln. (Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Mit dieser identitären Haltung stehen die Südtiroler nicht alleine. Europa, das ist die ethnische Vielfalt der Völker statt des multikulturellem Einheitsbreis der EU.

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