Deutsche Trachten von Amrum bis Berchtesgaden

Home/Kultur/Deutsche Trachten von Amrum bis Berchtesgaden

Gregor Hohenberg ist Mitte dreißig, von Beruf Fotograf und sieht mit seinem rötlichen Vollbart wie der typische „Hipster“ aus. Nach fünfjähriger Arbeit hat er gerade einen Bildband fertiggestellt, der Ende April im Gestalten-Verlag erscheint. Das Thema: Deutsche Trachten von Amrum bis Berchtesgaden. Zu sehen ist nicht nur das weithin bekannte Dirndl aus Oberbayern, sondern auf 320 Seiten eine umfassende Dokumentation echter Trachten aus allen Teilen Deutschlands. Die Volkskundler dürfen sich über die Akribie freuen, mit der auf Rocklängen, Flechttechniken und passenden Schmuck geachtet wird. Die „Modelle“ aber sind junge Frauen von heute aus den jeweiligen Gegenden, die in Vereinen oder auf Hochzeiten die traditionellen Gewänder noch tragen.

Noch oder schon wieder: Einerseits ist die deutsche Tracht weitgehend zurückgedrängt, so daß der Prachtband der Konservierung einer aussterbenden Art dient. Zugleich aber „liegt das Thema Tracht heute in der Luft“, wie der Fotograf sagt. „Es ist im Grunde das Manufactum-Ding. Offenbar gibt es den Wunsch nach Wertigem, Überlieferten – die Glühlampe, alte Arbeiterhemden, und was sonst noch alles ausgegraben wird seit ein paar Jahren.“ „Manufactum“ heißt die Firma, die „die guten Dinge“ für gutes Geld wieder in den Handel bringt. Auch der Trachten-Band kostet an die 100 Euro. Es ist die akademische Mittelschicht – das „Bionade-Bürgertum“ – das ausgerechnet im Bereich „Lifestyle“ deutsche Kulturwerte wiederentdeckt.

Ganz anders als die schnelllebige Mode folgt die Tracht bis hin zur Ösenform und Sitz des Häubchens festen Regeln. Und deren Einhaltung ist mühevoll und zeitaufwendig. Nur noch wenige beherrschen diese Kunst, doch Gregor Hohenberg ist über die Dörfer zwischen Friesland und Schwarzwald gefahren und hat sie gefunden: die „Gesichter der Region“. Das hat nichts zu tun mit dem Dirndl-Kitsch der Fernsehunterhaltung, sondern wirkt eher herb und spröde. Es fällt einem der Fotograf Erich Retzlaff ein oder Erna Lindvai-Dircksen ein, die vor 1945 mehrere Bildbände zum Thema „Das deutsche Volksgesicht“ herausbrachte. Dircksen porträtiert deutsche Menschen aus unterschiedlichen Landschaften, aber wer eine Galerie von Schönheit und Liebreiz erwartet, wird enttäuscht. Das Echte und Wahre sieht nicht aus wie im „Förster vom Silberwald“ oder im „Musikantenstadl“.

×

Schneller und einfacher Kontakt über WhatsApp - Einfach auf den unteren Button klicken!

 

Kontakt über Threema unter der ID:
Y87HKB2B

×