Verlorene Tagebücher von Alfred Rosenberg endlich erschienen

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Nicht nur Dr. Joseph Goebbels, auch Alfred Rosenberg hat regelmäßig Tagebuch geführt. Allerdings sind die Tagebücher von Rosenberg nach 1945 durch den US-Ankläger Robert Kempner entwendet worden. Nur die Teile von 1934/35 und 1939/40 waren bekannt. Erst 2013 sind die verschwundenen Tagebücher wieder aufgetaucht und jetzt im S.Fischer-Verlag erschienen. Es handelt sich um ein Buch von immerhin 650 Seiten für günstige 26,99 Euro. Die Fachleute sprechen von einer „kleinen Sensation“.

Schon allein die Bedeutung Rosenbergs für die NS-Zeit läßt die Tagebücher zu einem unverzichtbaren Dokument werden. In einer Hinsicht allerdings sind die etablierten Historiker bereits enttäuscht. Zur „Geschichte des Holocaust“ geben die Aufzeichnungen nämlich nichts her. Erhofft hatte man sich wohl die Erwähnung einschlägiger Besprechungen und Befehle. Da Rosenberg das Thema „fast völlig ausspart“, fragen sich nun die Herausgeber, „ob es für ihn allzu selbstverständlich war oder zu delikat“. Andere Möglichkeiten zieht man offenbar nicht in Erwägung.

Mehr als der „Holocaust“ interessieren Rosenberg die Intrigen der übrigen Parteielite gegen ihn. Teils harsche Kritik übt er an Goebbels, seinem Konkurrenten um die ideologische Linie, und an Reichsaußenminister Ribbentrop. Solche Differenzen dienen als Bestätigung für die modische These von der „NS-Polykratie“ und dem „Kompetenzenchaos“. Man könnte auch „Pluralismus“ sagen, wenn nicht alles, was auf Freiheit deuten könnte, für die Zeit zwischen 1933 und 45 von vornherein ausgeschlossen wäre. Wenn die nationalsozialistische „Polykratie“ schon schlimm ist, dann gilt die darüber stehende Treue zu Hitler als noch schlimmer. Auch im Tagebuch von Rosenberg ist diesbezüglich kein negativer Eintrag zu finden.

Nur indirekt könnte man eine Kritik an der Führung herauslesen, wenn Rosenberg gegen Ende des Krieges auf seine Einstellung bezüglich der Ostgebiete zurückkommt. Als Baltendeutscher hat er eine bleibende Sympathie für den Osten und ist mit der Behandlung der dortigen Bevölkerung nicht einverstanden. Wenn man auf ihn gehört hätte, so schreibt der Reichsminister, so hätte der Krieg vielleicht einen anderen Verlauf genommen.

Insgesamt dürfte das Material noch lange nicht ausgewertet sein. Die nationale Geschichtsschreibung wird hier möglicherweise noch Hinweise finden, die von den etablierten Historikern aus gutem Grund „überlesen“ wurden.

Jürgen Matthäus/Frank Bajohr (Hrsg.): Alfred Rosenberg. Die Tagebücher von 1934 bis 1944, Frankfurt a.M. 2015