Vor zehn Jahren: Mißglückte Rechtschreibreform eingeführt

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Seit zwanzig Jahren herrscht in der deutschen Rechtschreibung eine faktische Anarchie. Im Jahre 1995 hatte die Kultusministerkonferenz beschlossen, die teils absurden Vorschläge einer Wiener Orthographiekonferenz zu übernehmen. Von verschiedenen Seiten kam jedoch Protest gegen die neuen Regeln, und so begann ein Hin und Her, das zehn Jahre dauerte. Am 1. August 2005 trat dann eine „reformierte Rechtschreibreform“ in Kraft. Auf die schlimmsten Auswüchse wurde verzichtet. Allerdings mit dem Ergebnis, daß nun niemand mehr weiß, was die korrekte Schreibweise für Wendungen wie „im trüben fischen“ bzw. „im Trüben fischen“ oder für das Wort „Gemse“ bzw. „Gämse“ ist.

Zum zehnjährigen Jubiläum der Mißgeburt zeigt sich Hans Zehetmair erstaunlich geläutert. Als bayerischer Kultusminister leitete er seit 2004 den „Rat für deutsche Rechtschreibung“ und ist damit direkt für die „reformierte Reform“ verantwortlich. In aller Gelassenheit äußert Zehetmaier heute: „Die Nation wäre nicht zerbrochen, wenn wir nichts gemacht hätten. Wir hatten und wir haben drängere Probleme.“ Aha, und warum haben Sie dann mitgemacht? „Ich habe die Reform nicht erfunden, ich mußte auf die Reformbestrebungen aus Teilen der Wissenschaft reagieren.“ Wie immer: Einer schiebt es auf den anderen.
Die Auseinandersetzung war wirklich gespenstisch“, gibt Zehetmaier zu. „Ich möchte sagen, daß die Deutschen wohl zur Übertreibung und zum Grundsatzstreit neigen.“ Schuld ist also der deutsche Nationalcharakter, der stets das Äußerste will, und sei es bei der Zurichtung von Fremdwörtern für Legastheniker. Ketchup schreibt man dann Ketschap und Philosophie wird zu Filosofie.

Zeitungen wie die „Frankfurter Allgemeine“ oder die „Welt“ und auch die meisten nationalen Publikationen haben sich der Reform anfangs verweigert. Die Konservativen sind jedoch inzwischen „umgefallen“. Zumindest halb: jeder Autor macht, was er will. Ein neuer Vorstoß kommt von dem Erlanger Germanisten Theodor Ickler, dem Verleger Matthias Dräger und dem als „Rechtschreibrebell“ bekannten Friedrich Denk aus Bayern. In einer gemeinsamen Mitteilung fordern sie jetzt, den Schülern die „alte Rechtschreibung“ (vor 1996) offiziell wieder zu erlauben. Das wird wohl nicht durchkommen. Doch da es an Deutschkenntnisse immer häufiger mangelt, haben Lehrer ohnehin anderes zu tun, als sich um „ß“ oder „ss“ zu kümmern. Ein typisches Beispiel für fehlgeleitete Energie.