
Jetzt ist er allerdings nur noch eins: ein Sterbender, den eine größenwahnsinnige Medizin-Technik nicht sterben läßt, wie es unzähligen alten Menschen in diesem Lande heute ergeht. Die Zeitungen melden mit „großer Sorge“, daß Schmidt sich wegen Gefäßverschluß auf der Intensivstation befindet. Was soll ein 96-jähriger auf der Intensivstation? Was soll in diesem Alter überhaupt eine ärztliche Behandlung, die nicht auf die Erleichterung des qualvollen Sterbeprozesses zielt?
Stattdessen werden alte Menschen zu Versuchsobjekten dafür, wie sehr sich die „Lebenserwartung“ im Sinne der Wachstumsgesellschaft noch steigern läßt. Ähnlich wie bei den „Flüchtlingen“ verdient hier eine ganze Pflege- und Pharmaindustrie an der sinnlosen und unnötigen Anstrengung, deren sich alle Beteiligten moralisch brüsten. Vor einigen Wochen kam Schmitt schon einmal in die Klinik, da er unter einer „gefährlichen Dehydrierung“ litt. Wenn sehr alte oder kranke Menschen keine Nahrung oder Flüssigkeit mehr aufnehmen, ist das ein Weg hin zum sanften Ende. In der Klinik legt man sie an die Infusion oder gar die Magensonde und füllt den Körper gewaltsam wieder auf.
Immerhin gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit, per „Patientenverfügung“ bestimmte Behandlungen zu untersagen. Vorausgesetzt, es findet sich ein engagierter „Patientenanwalt“, der die Verfügung auch durchsetzt. Um eines natürlichen Todes sterben zu können, ist also ein erheblicher rechtlicher Aufwand nötig. In Deutschland hat man für solche Zustände eine besonders perfide Begründung: Die Medizin soll auf keinen Fall „wieder zum Diener eines unmenschlichen Regimes“ werden. Hoffentlich dringt dieses antifaschistische Argument noch bis zu den Leidenden und Halbtoten von heute durch. Sie fühlen sich davon sicherlich getröstet.













