Bayreuth 2016: Gute Musik, schlechte Regie – und ein Hitler-Besuch

Home/Kultur/Bayreuth 2016: Gute Musik, schlechte Regie – und ein Hitler-Besuch

Sommerzeit ist Festspiel-Zeit, und auch im Terror-Sommer 2016 finden die Bayreuther Festspiele statt. Auf die Zuschauerin Angela Merkel muß allerdings verzichtet werden und auf weitere Prominente, denen die Lust auf Grund der massiven Sicherheitskontrollen vergangen ist. Wohl kaum ein Islamist würde jedoch die Festspiele für ein lohnendes Ziel halten, da die Aufmerksamkeit der allgemeinen Öffentlichkeit schon längst nicht mehr auf diesem „Event“ verweilt. Zu sehr hat es sich in den vergangenen Jahrzehntn mit pseudo-modernen Inszenierungen zum Spielplatz einer Kulturschickeria gemacht.

In diesem Jahr eröffnete die Premiere von „Parsifal“ die Festspiele: Nur wenige Wochen davor war der Dirigent Andris Nelson grundlos abgereist. Man munkelt von Meinungsverschiedenheiten mit Wagner-Urenkelin Katharina, die zwar mit ihren blonden Locken und wallendem Busen genauso aussieht wie die Heldinnen Sieglinde oder Brünnhilde, aber in der Sache ganz und gar nicht traditionell eingestellt ist. Die Familie garantiert leider keine Kontinuität, sondern eher Streitereien.

Der Ersatz Hartmut Haenchen soll gut, jedoch gefühlsarm dirigiert haben, Klaus Florian Vogt erzeugte in der Titelrolle Begeisterung. Man meint, daß es leichter ist, einen Regie-Einfall zu haben oder ein Bühnenbild zu entwerfen als eine solche Partie überzeugend zu singen. Und dennoch wachsen hervorragende Wagner-Sänger immer nach, während die Inszenierungen einen Tiefpunkt nach dem anderen landen. In diesem „Parsifal“ erscheint Kundry als Großmutter, Gurnemanz im Rollstuhl, und der kranke Gralskönig Amfortas muß sich von seinen Rittern auf offener Bühne Blut abzapfen lassen, der zweite Akt spielt (natürlich) in einem Harem, und ständig laufen Soldaten aus dem Irak-Krieg über die Bretter.

Szene aus Wagners Tristan und Isolde

Man kennt es nicht anders, auch außerhalb Bayreuths findet seit nunmehr 40 Jahren dieser Regie-Irrsinn statt. Die Überraschung liegt diesmal woanders. Ein ominöser „Hitler-Film“ macht von sich reden. Wagner-Enkel Wieland hat ihn mit 16 Jahren in schwarz-weiß gedreht, als Hitler im Jahr 1936 wieder einmal bei der Familie Wagner zu Besuch war. Jeder weiß inzwischen, daß Hitler seit Mitte der 20er Jahre mit den Wagners befreundet ist und dort beinahe zur Familie gehört. Was ist also das Aufregende an diesen Amateur-Aufnahmen, die bis zum letzten Jahr in Wahnfried vergessen (oder versteckt?) lagen und nun digitalisiert wurden? Der Film liegt seit November 2015 im Bayerischen Hauptstaatsarchiv an der Ludwigstraße. Gesehen haben bisher nur einige Fachleute und Journalisten.

Und die sind offenbar immer noch erstaunt bis entsetzt, wenn sie Adolf Hitler sozusagen in Menschengestalt erleben dürfen. Dieser Effekt soll im neuen Film stärker wahrzunehmen sein als auf den bekannten Farbfilmen von Eva Braun. Befand sich Hitlers wahre Heimat also gar nicht am Obersalzberg, sondern in Wahnfried?

Für die echten Fans mag dies eine entscheidende Frage sein, doch relevanter ist sicherlich ein anderes Thema, das in den Artikeln wieder aufscheint. Nämlich Hitlers intensives Interesse an den Wagner-Inszenierungen seiner Zeit. Aus den diesbezüglichen Aufzeichnungen geht klar hervor, daß Hitler sich für gemäßigt moderne Inszenierungen und für stilisierte, „entrümpelte“ Bühnenbilder einsetzte und mit Winifred zusammen diese Linie gegen die „Traditionalisten“ durchsetzte. „Ausgerechnet Hitler (dessen Vorstellung vom NS-Schönen man zu kennen meint!) wird in Bayreuth zum Schutzschild einer Ästhetik, die es weg von allem historisch-naturalistischen Bühnengerümpel hin zur musikdramatischen Essenz der Werke drängte. Bauhaus statt Bärenfell?“ wundert sich die „Zeit“.

Wenn also Wieland Wagner (Hitlers besonderer Liebling) nach 1945 so tat, als ob er gegen die NS-Vergangenheit des Hauses ein „neues Bayreuth“ erfunden hätte, so war das eine geschickte Fälschung. In Wirklichkeit brauchte er nur das zu verstärken, was seine Mutter (jetzt verfemt) und Adolf Hitler (angeblich Kitsch-Onkel) bereits auf den Weg gebracht hatten, zusammen mit dem Bühnenbildner Emil Preetorius.
Das Publikum hat die offenkundige Fälschung nur zu gern geglaubt, denn es wollte seine Festspiele wieder haben und wollte ohne schlechtes Gewissen in schwarzem Anzug und Abendkleid wieder zum Grünen Hügel pilgern, wo die bösen Geister eben erst ausgetrieben waren. „Ja, aber wir haben jetzt einen ganz anderen Stil“, rechtfertigte man sich. Von wegen! Ein anderer Stil als zu Zeiten von Richard Wagner war es wohl, aber dem Stil von Hitler ist das „neue Bayreuth“ mit seinen Flächen und Farben gar nicht so unähnlich.

×

Schneller und einfacher Kontakt über WhatsApp - Einfach auf den unteren Button klicken!

 

Kontakt über Threema unter der ID:
Y87HKB2B

×