Buchtipp: Politische Architektur in Deutschland 1800 bis heute

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Bildquelle: http://www.ares-verlag.com

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Nur wenige Menschen interessieren sich besonders für Architektur. Doch alle merken es, wenn Bauten unschön sind oder gar durch Häßlichkeit die Atmosphäre vergiften. Bedeutende Architekten kennt man – abgesehen von Schinkel – kaum, und doch prägen sie unsere Umgebung stärker als mancher Dichter. Der 2016 verstorbene Kunsthistoriker Norbert Borrmann hat ein Werk hinterlassen, das Architektur in Deutschland von 1800 bis heute vorstellt. Mit ausfürlicher Bebilderung präsentiert Identität & Gedächtnis “zahlreiche deutsche Denkmale und Beispiele politischer Architektur von 1800 bis zur Gegenwart: Ein Bauwerk ist nie nur das Resultat reiner Zweckerfüllung oder der Suche nach der besten Form. Selbst im unscheinbarsten Haus spiegeln sich Geist und Lebensgefühl seiner Zeit wider.

Man sieht meist nur auf große Repräsentionsbauten, aber auch das bescheidene Einfamilienhaus drückt die Werte und das Selbstverständnis der Bewohner aus – und zwar ganz anders als eine Wohnung in einer Hochhaussiedlung. „Bauen, Wohnen, Denken“ heißt ein Aufsatz von Martin Heidegger, der in der „Postmoderne“ – auch diese Bezeichnung zielt zuerst auf die Architektur – viel diskutiert wurde. Heidegger meint seine Hütte in Todtnauberg, die als adäquater Ausdruck seiner Lebens- und Denkweise gilt. Borrmanns historische Schau beginnt mit einem Gebäude, das nicht als politisches Symbol geplant worden war: das 1791 fertiggestellte Brandenburger Tor in Berlin, der erste klassizistische Bau der Stadt, diente ursprünglich als Steuereinnahme-und Wachstation. Zum politisch bedeutendsten Bauwerk Deutschlands wurde es erst durch die zahlreichen Paraden.

Selbstverständlich geht der Autor auch auf die Sakralarchitektur der NS-Zeit ein: „Die säkularisierte Religion des Nationalsozialismus ist gekennzeichnet von einem,Hunger nach Mythos’ und dem Bemühen, der Architektur einen sakralen und weihevollen Ausdruck zu verleihen.

In der Bundesrepublik nach 1945 wird dieser Kult um Tod und Lebenskraft geradezu umgekehrt: „Die eigenen Toten sind heute nur dann noch von Wert, wenn sie Opfer des Nationalsozialismus waren – sonst nicht. Das gilt nicht nur für die Soldaten, sondern auch für die Vertriebenen und Bombenopfer.“ Die bundesdeutsche Staatsbaukunst soll eine „demokratische Architektur“ sein und verneint bewußt jede Repräsentation von Macht. Man orientierte sich an dem „internationalen Stil“ des Bauhauses.

Am Ende stellt Borrmann die Rekonstruktion des Berliner Stadtschlosses und der Dresdner Frauenkirche vor. In solchen Projekten sieht der Kunsthistoriker den Versuch einer „Rückgewinnung verlorener Identität“.

Norbert Borrmann, Identität & Gedächtnis, Denkmäler und politische Architektur von 1800 bis zur Gegenwart, Graz 2016, Euro 24,90, ISBN 978-3-902732-65-1

Weiterführende Buchempfehlung zum Thema: Bauen unterm Hakenkreuz: Architektur des Untergangs – Romiosini Verlag, Köln 1998

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