Der Women’s March zerlegt sich selbst

Der Women’s March war eine der reichweitenstärksten Demonstrationen, mit der die us-amerikanische Linke auf die Wahl Donald Trumps zum amerikanischen Präsidenten reagierte. Die Bewegung fand weltweiten Anklang unter all jenen, die nicht glauben konnten, dass das scheinbar Unmögliche eingetreten war.

Obwohl der Name Women’s March andeutet, dass der Fokus auf Feminismus läge, war die Ausrichtung der Bewegung dank des Prinzips der Intersektionalität von Anfang an weitaus breiter. So warf man zum Kernthema Feminismus, noch Antirassismus, LGBTQ-Rechte, Umweltschutz, Klassenkampf, Behindertenrechte und alles andere, was der Themenkatalog der postmodernen Linken zu bieten hatte, in den Mixer. Kurzum, man versammelte alle „Opfergruppen“, die man finden konnte, in der Hoffnung einen solidarischen Block gegen Donald Trump zu formen. Doch die Solidarität begann schon bald zu bröckeln, denn nicht alle Opfer waren gleich.

Die erste Gruppe, die sich ihrer Opferrolle abgesprochen und zum Täter erklärt sah, war die der weißen Frauen. Diese hatten nämlich, wenn auch nur minimal, mehrheitlich für Donald Trump gestimmt und so wurden schon kurz nach dessen Wahl die Stimmen laut, die erklärten, dass weiße Frauen den Feminismus und ihre schwarzen Schwestern verraten hätten, um ihre eigenen Interessen zu verfolgen. Dass die weißen Frauen, die an den Märschen teilnahmen, damit nichts zu tun hatten, schien niemanden zu interessieren. Stattdessen nahm man sie alle in Sippenhaft und bescheinigte ihnen unterbewussten Rassismus.

Bis vor Kurzem äußerte sich dieser Konflikt hauptsächlich in internen Diskussionen oder in Presseartikeln dediziert progressiv-linker Publikationen. Am 28. Dezember letzten Jahres nahm die „Weißenfrage“ jedoch eine neue Dimension an, als die Organisatoren des Kalifornischen Women’s March auf Facebook bekanntgaben, dass der für den 19. Januar geplante Marsch nicht stattfinden würde, da man befürchtete, die Teilnehmer würden „mehrheitlich weiß“ sein. Das Problem hierbei sei, den Verantwortlichen zufolge, dass durch den Mangel an Minderheiten deren Perspektiven fehlen würden und dass man nicht in der Abwesenheit wichtiger Stimmen voranschreiten wolle. Stattdessen wollte man sich Zeit nehmen, um mehr Menschen – womit wohl primär Minderheiten gemeint sind – zu erreichen.

Erwähnenswert ist, dass das Problem zu vieler Weißer von einer, nach eigenen Angaben größtenteils weißen Organisationsgruppe, aufgeworfen wurde. Etwas, das die Verantwortlichen übrigens ändern wollen, indem mehr Führungspositionen durch Minderheiten besetzt werden sollen.

Oberflächlich mag dies ein Beispiel von Rassismus von Weißen gegen Weiße sein und zu einem bestimmten Grad wird diese Erklärung der Entscheidung auch gerecht, doch die ideologischen Wurzeln gehen weitaus tiefer. Es geht in diesem Konflikt nämlich nicht primär, um „Weiße“ gegen „Farbige“, sondern um die Frage, wem die Rolle des Opfers und wem die des Täters zukommt und wer damit die Position des moralisch Überlegenen einnehmen darf. Diese Frage ist heute untrennbar mit der postmodernen linksliberalen Ideologie verbunden und auf das Konzept der Intersektionalität zurückzuführen.

Intersektionalität beschreibt kurz gesagt die Idee, dass jede Person, je nach Hautfarbe, Geschlecht, etc. auf einer kontinuierlichen Skala vom Unterdrücker zum Unterdrückten angeordnet werden kann. Es stellt eine Erweiterung der Idee des Klassenkampfes dar, nur dass in ihm die Gesellschaft in etliche kleinere Gruppen unterteilt wird, die alle im Konflikt miteinander stehen und sich gegenseitig bekämpfen.

In diesem Sinne ist die Forderung der Organisatoren nach anderen Perspektiven und Stimmen dahingehend zu verstehen, dass die Lebenserfahrung von weißen Frauen, nicht mit denen von schwarzen zu vergleichen ist und daher die eine Gruppe nicht für die andere sprechen kann. Man könnte dies sogar soweit interpretieren und nicht wenige radikale Linke tun dies, dass weiße Frauen, aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit „Weiß“ aktiv gegen schwarze Frauen arbeiten, da sie von der Unterdrückung von Schwarzen profitieren.

Derartige Vorstellungen sind übrigens nichts Neues. Die kommunistische Feministin Clara Zetkin kritisierte bereits in den 1930er Jahren, dass die Frauenbewegung entlang von Klassengrenzen verlief und hauptsächlich bürgerlichen Frauen dienen würde. Im Gegensatz zu damals ist diese Frage jedoch weitaus komplizierter, da nicht nur weitaus mehr Gruppen innerhalb der modernen Linken agieren, sondern dass diese Gruppen auch aktiv gegeneinander arbeiten. Wir berichteten beispielsweise in der Vergangenheit vom Konflikt zwischen Transsexuellen und TERFs (Trans-Exclusionary Radical Feminist – Feministen, die transsexuelle Männer nicht als Frauen anerkennen wollen), in dem die Parteien sich vorwerfen, respektiv transgenderfeindlich bzw. frauenfeindlich zu sein.

Jetzt ist der Konflikt Weiß gegen Minderheiten kein interessanter, da der Gewinner schon feststeht. Die Minderheiten sind selbstverständlich die weitaus größeren Opfer und gewinnen daher mit Abstand. Doch geht es Minderheit gegen Minderheit stehen die Dinge anders und der erwähnte Zwist zwischen Männern in Frauenkleidern und Feministinnen bietet einen Vorgeschmack auf die Absurditäten, die man hierbei erwarten kann.

In der Women’s March Bewegung bahnt sich jedoch vielleicht die ultimative Konfrontation an: Juden gegen Schwarze.

Im Zentrum der Kontroverse steht die Jüdin Vanessa Wruble. Wruble war Mitbegründerin und Leiterin des Women’s Marchs, fühlte sich jedoch aufgrund ihrer jüdischen Herkunft aus der Organisation gedrängt. Sie nennt hierbei die Afroamerikanerin Tamika Mallory und die Lateinamerikanerin Carmen Perez, die gefordert haben sollen, dass Juden sich mit ihrer Täterrolle im Rassismus auseinandersetzen müssen. Wruble sagte außerdem, dass beide sie über die dunkle Seite der jüdischen Geschichte und der wichtigen Rolle von Juden während der Sklaverei und in der Gefängnisindustrie aufklären wollten. Perez und Mallory bestreiten selbstverständlich, dass Antisemitismus im Spiel gewesen sei, gaben jedoch zu, dass die Position jüdischer Frauen in der Gesellschaft und wie diese als Weiße das System der weißen Unterdrückung (white supremacy) mit aufrechterhalten würden, ein Thema gewesen sei. Die Frage, die die beiden hiermit aufwarfen, ist also, ob Juden privilegierte Weiße oder eine unterdrückte Minderheit sind.

Der Konflikt verschärfte sich weiter, als Perez und Mallory Linda Sarsour in die Führungsebene einluden. Sarsour ist eine amerikanisch-palästinensische Aktivistin, die unter anderem die radikalen Muslimbrüder unterstützte und sich für die Sharia aussprach. Weiter sagte sie erst im September 2018, dass amerikanische Moslems Israelis nicht „vermenschlichen“ sollten. Sarsour und Mallory sind zudem Anhänger des Anführers der Nation of Islam Louis Farrakhan.

Farrakhan ist weithin für seine antisemitischen Tiraden bekannt und das nicht ohne Grund. 2018 sprach er von „satanischen Juden“ und machte sie für den „Dreck und das degenerierte Verhalten das Hollywood veröffentliche“ verantwortlich. 1984 nannte er Hitler einen „sehr großen Mann“ und ein Jahr später sagte er, an Juden gerichtet: „Und vergesst nicht, wenn Gott es ist, der Euch in die Öfen packt, ist es für immer“. 1994 sprach er davon, dass Juden die USA kontrollieren würden, und bezeichnete sie als die „Synagoge Satans“. Wir könnten so weiter machen, aber es sollte klar geworden sein, dass Farrakhans Antisemitismus nicht herbeigesponnen ist, sondern sehr real ist.
Besondere Erwähnung sollte jedoch noch sein Buch „The Secret Relationship Between Blacks and Jews“ finden, in dem er den Juden eine federführende Rolle im transatlantischen Sklavenhandel zuschreibt. Dieses Buch wird nicht nur von einigen als die „Bibel des neuen Antisemitismus“ bezeichnet, sondern soll sich in radikaleren Kreisen Schwarzer großer Beliebtheit erfreuen.

Das Resultat dieser Zerwürfnisse ist, dass einige lokale Women’s March Gruppen sich von ihrer Mutterorganisation lossagen oder sich sogar völlig neue Zusammenschlüsse bilden. In New York werden in diesem Jahr dadurch zwei Frauenmärsche am selben Tag stattfinden. Der eine wird von der Women’s March Bewegung organisiert und wirbt damit, von farbigen Frauen geleitet zu werden und der andere durch March On, wo man den Fokus auf die Verurteilung von Antisemitismus legt.

Alles in allem zeigt dieser Konflikt, dass die Linke weltweit dabei ist, sich weiter aufzusplittern. Dies ist zwar nichts Neues, doch bis jetzt standen auch verfeindete Gruppen immer vereint, wenn es gegen „Rechts“ ging. Es ist noch zu früh zu sagen, ob sich dies in Zukunft ändern wird, doch das Potenzial ist da.
Historisch war es meist so, dass linke weiße Minderheiten gegen andere Weiße verteidigt haben, zumindest in Europa. In den USA war dies aufgrund der schwarzen Bürgerrechtsbewegung anders. In ihr übernahmen die Minderheiten selbst die führende Rolle. Während in Europa der Konflikt also entlang politischer Grenzen verlief, ging es in den USA seit jeher um Rasse und Volkszugehörigkeit. Die Ereignisse rund um den Women’s March stellen lediglich die Zuspitzung dieses Konfliktes dar d.h., während früher noch die politische Zugehörigkeit ethnische Differenzen überschatten konnte, ist die Hautfarbe nun wieder DAS entscheidende Merkmal.





1 Comment

  • Was soll die Aussage “ H. Sei ein großer Mann gewesen “ in dem Kontext beweisen???? Bitte mal die eigenen Argumente über denke! Der Rest dieses Artikels ist großartig!

    Chris 15.01.2019

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