Im Gespräch mit Bernhard Scheida (Kolumbien) zur Lage in Venezuela

Bernhard Scheida lebt in Bogota, Kolumbien, und hat uns am 05./ 06.März 2019 einige Fragen rund um den Konflikt im benachbarten Venezuela beantwortet. Wir berichteten hierüber schon ausführlich in einem anderen Beitrag.

 

Der III. Weg: Bitte beschreibe uns mal kurz die politischen Verhältnisse in Venezuela?

 

Bernhard Scheida: Die aktuelle Situation in Venezuela ist die konsequente Folge von 20 Jahren kommunistischer Diktatur. Erst unter Hugo Chavez und danach nach Chavez‘ Tod, unter dessen Nachfolger Nicolas Maduro. Maduro trat das Erbe des verstorbenen Revolutionärs Hugo Chavez im März 2013 an und übernahm damit die Führung der von Chavez konsolidierten ”Vereinigten Sozialistischen Partei Venezuelas“ (PSUV). Diese Partei ist eine Fusion diverser linker politischer Gruppierungen in Venezuela und somit existiert ein Ein-Parteien-System marxistischer Prägung. Bereits nach dem Militärputsch unter Chavez, bildete sich die “antichavistische Opposition“ und kämpfte gegen den bolivianischen Revolutionär Chavez, unter zum Teil extrem radikalen Bedingungen. Über den gesamten Zeitraum von 1999 bis heute hinweg, erlebte Venezuela mehrere Staatsstreiche und militärische Machtübernahmen, welche allesamt zu einer Stärkung der bolivianischen Revolutionäre führten. Erst als Folge der mutmaßlichen Wahlfälschungen der Präsidentenwahlen 2018 erstarkte die Opposition im venezolanischen Parlament, der Assamblea Nacional. Im Januar dieses Jahres ernannte sich der aktuelle Parlamentspräsident, Juan Guaido, mit einstimmiger Unterstützung der Assamblea Nacional und als Ausdruck des Volkswillens, zum Interimspräsidenten Venezuelas. Der Status Quo war gebrochen und offenbart eine zutiefst gespaltene politische Situation im Land.

 

Der III. Weg: Ist die hier in den Medien beschriebene Armut in Venezuela wirklich so groß?

 

Bernhard Scheida: Die Armut in Venezuela ist auf alle Fälle einer der bedeutendsten Faktoren der Erstarkung oppositioneller Kräfte mit Unterstützung des venezolanischen Volkes. Dies kann nur in Bildern richtig erfasst werden. Menschen jeden Alters leiden an Hunger, Mangel und medizinischer Nichtversorgung. Es gibt Hungertote und aufgrund fehlender medizinischer Versorgung Patienten, die mangels Infusionslösungen oder ähnlichem medizinischem Grundbedarfs sterben. Eine generelle Armut ist nicht zu verzeichnen. Kürzlich erzählte mir ein venezolanischer Flüchtling, der mit Schuheputzen in Bogota seinen Lebensunterhalt verdient, es gäbe in einigen Stadtteilen Caracas Geschäfte, die allerhand Waren vorrätig haben. Die normale Bevölkerung kann sich allerdings diese Waren nicht leisten. Ich würde sagen, die arbeitende Bevölkerung Venezuelas, der „Mann auf der Straße“ leidet am meisten unter der Misswirtschaft des Regimes. Die Landbevölkerung kann sich noch selbst versorgen.

Durch den „Petrolboom“ der 90er Jahre sind die alten Strukturen der Landmenschen aufgelöst worden. Sehr viele Bauern wanderten an die Atlantikküste ab, um in der Ölindustrie ihren Lebensunterhalt zu verdienen. So entstanden urbane Räume an der Küste, in denen die Menschen, ehemals Bauern, von der staatlichen Versorgung abhängig wurden. Diese Versorgung im kommunistischen Sinne ist unter Chavez, und noch viel mehr in den letzten 6 Jahren unter Maduro, zusammengebrochen. Die Menschen leiden an fehlender Arbeit, bedingt auch durch die internationalen Embargos und den niedrigen Dollar- Barrel- Ölpreis der vergangenen Jahre. Viele von ihnen immigrieren nach Kolumbien. In den vergangenen 24 Monaten nahm Kolumbien bis zu 3 Millionen venezolanische Flüchtlinge auf. Die Menschen in Caracas oder Maracaibo sind auch extremer Gewalt-und Beschaffungskriminalität ausgesetzt. Es gab Fälle, da wurden Menschen erschossen, um ihnen die Einkäufe zu rauben. Also Brot, Milch, Eier. Venezolaner, die in Containern nach Essbarem suchen, sind die Regel. Caracas ist eine der gefährlichsten Städte der Welt. Also ein klares Ja. Venezuela ist abgewirtschaftet.

 

Hugo Chavez

 

Der III. Weg: Ist ein Großteil der Bevölkerung den USA wohlgesonnen oder sehen sie die USA eher als imperialistisches Konstrukt?

 

Bernhard Scheida: Generell sehen die meisten Lateinamerikaner die USA als imperialistisches Konstrukt. Die Monroe Doktrin von 1823: „Amerika den Amerikanern“ ist jedem Amerikaner heilig. Da machen die Venezolaner keine Ausnahme. Unter dem verstorbenen Revolutionsführer Hugo Chavez gab es eine starke antiamerikanische Stimmung im Volk. Chavez wurde vom kommunistischen Regime in Havanna, Kuba – dem Erzfeind der Amerikaner in der Karibik – unterstützt. Chavez, der ein charismatischer Führer war, im Gegensatz zu seinem Nachfolger Maduro, vertraute den eigenen Volksgenossen nicht und holte sehr viele Kubaner ins Land. Arbeiter auf den Ölfeldern und Ölförderstationen sowie viele Militärs. Dies empfanden die meisten Venezolaner als „Kubanische Invasion “ und es erregte viel Unmut. Zudem wurden den Kubanern im Land viele Rechte und Privilegien zugestanden, die den Venezolanern verweigert wurden.

Ein enorm wichtiger Faktor im Verhältnis zu den Vereinigten Staaten ist die finanziell sehr starke venezolanische Kolonie in Florida. Ähnlich der kubanischen Kolonie ist der Staat Florida bei Präsidentschaftswahlen in den USA nicht ohne die Stimmen dieser Einwanderer zu gewinnen. Im kommenden Jahr stehen in den USA Präsidentschaftswahlen an, sodass ein zuvorkommendes Verhalten der Präsidentschaftskandidaten gegenüber den Venezolanern in Florida eminent wichtig ist. Die in den USA lebenden Venezolaner sind selbstverständlich an einer Niederwerfung der revolutionären Kräfte in ihrer Heimat und einem Ende der kommunistischen Diktatur interessiert und unterstützen diese auch finanziell. Viele von ihnen verließen Venezuela vor bereits 20 Jahren, als Chavez alles und jeden enteignen ließ. Was vielleicht nicht viele wissen, vor der Machtübernahme der Kommunisten war Venezuela das reichste Land Südamerikas. Die exilierten Venezolaner in den USA, besonders im Staate Florida, sind sehr reiche US- Bürger.

 

 

Der III. Weg: Vertreten gewisse Bevölkerungsschichten verstärkt eine Seite der Konfliktparteien in Venezuela?

 

Bernhard Scheida: Ja. Eindeutig. Die vom System Maduro profitierenden Funktionäre und besonders Militärs. Nicolas Maduro hat in den 6 Jahren seiner Präsidentschaft die Zahl der Generäle auf 2000 erhöht! Kein Land der Welt hat mehr Generäle. Die Bildung einer in die Millionen gehende Zahl von bewaffneten Volksmilizen, welche von der kolumbianischen ELN trainiert wurden, einer in Kolumbien im Drogenkrieg stark agierenden ur-kommunistischen Guerilla, könnten auch als Profiteure und somit dem Regime Maduro loyale Nutznießer gewertet werden. Die Loyalität der unteren militärischen Ränge, der Volksmilizen insgesamt, ist allerdings ein unsicherer Faktor, auf die Maduro sich nicht verlassen kann. Die Mangelversorgung und sehr schlechte Bezahlung ließ in den vergangenen Wochen viele dieser ehemals Systemtreuen nach Brasilien und Kolumbien desertieren.
Was sie berichten, ist zuungunsten des Systems Maduro zu bewerten. Der überwiegende Teil der Venezolaner will einen Umsturz, will unbedingt das Ende der Diktatur in Venezuela.

 

Der III. Weg: Welche Länder unterstützen die aktuelle Regierung in Venezuela?

 

Bernhard Scheida: Venezuela unter Maduro wird offiziell von Russland, China, Kuba, Mexico, dem Iran und Nordkorea unterstützt. Uruguay ist in seiner Haltung ambivalent. Inoffiziell kann man sagen, dass Saudi-Arabien, bedingt durch den Ankauf von mehreren Tonnen venezolanischem Gold vor einigen Tagen, der stärkste Unterstützer des Regimes ist. Saudi-Arabien hat durch den Ankauf von Gold in Caracas dem System Maduro zu Liquidität verholfen und dieser, übrigens in Euro getätigte Ankauf von Gold, wird sicher nicht in Brot umgesetzt werden. Saudi-Arabien hat eine weitere Goldtransaktion mit Caracas vereinbart.

 

Der III. Weg: Wie ist die Haltung der Nachbarstaaten im aktuellen Konflikt?

 

Bernhard Scheida: Brasilien und Kolumbien, die gemeinsame Grenzen zu Venezuela haben, sind mit den USA an einer Machtübernahme durch den selbstproklamierten Interimspräsidenten, Juan Guaido, interessiert. Ob eine militärische Intervention durch US-amerikanische Truppen von kolumbianischem und brasilianischem Territorium aus unterstützt wird, ist fraglich. Dafür gibt es in gesamt Südamerika eher die Haltung, der Amerikaner darf militärisch in seinem „Hinterhof “ nicht agieren. Bis heute hatte diese Einstellung lateinamerikanischer Staaten immer Geltung. Ob sich diese Einstellung im Konflikt um und in Venezuela ändern wird, vermag keiner zu sagen.

 

Der III. Weg: Hat der Sozialismus in Venezuela nationalistische Züge?

 

Bernhard Scheida: Um es klar zu sagen: Unter Hugo Chavez gab es viele, die in ihm einen legitimen Führer sahen und bereit waren, ihm zu folgen. Venezolaner sowie gesamt Lateinamerika kennen das „Problem “ nationalistisch nicht. Es sind alle Südamerikaner im Grunde genommen Nationalisten, also lieben über alles ihre Heimatländer. Die von Juan Guiado angeführte konterrevolutionäre Bewegung, tritt allenthalben unter der Fahne Venezuelas an.

Nicolas Maduro allerdings, ist im Grunde genommen nichts anders als einer der größten „Narcos“ der Jetztzeit. Ein Drogenhändler im Präsidentenamt.

Sein Stellvertreter, Diosdado Cabello, gilt als Capo. Das mexikanische Drogenkartell von Sinaloa kontrolliert mittlerweile vom Anbau, der Produktion bis zur Logistik mit dem Ziel USA und Europa, ebenso Russland und Asien bis nach Sydney praktisch weltweit das Kokain-Geschäft. Der Transport von Kolumbien aus geht größtenteils über Venezuela. Das Geschäft wird von kommunistischen Guerillas, Dissidenten der FARC, welche nach wie vor im Drogenhandel aktiv ist, und der kolumbianischen ELN, welche in Diensten des Kartells von Sinaloa steht, abgewickelt. Alle arbeiten mit dem Regime Maduro eng zusammen.

Um zu der Frage zurückzukommen – es ist keine nationale und noch weniger eine sozialistische Komponente im Spiel. Es ist ein geostrategischer Konflikt. Es geht um Erdöl und Kokain. Ob in der antichavistischen Bewegung des Juan Guaido der nationale Faktor zum Ausdruck kommt, wird die Zukunft zeigen. Ein Führer muss und darf zu nichts anderem berufen sein, als seinem Volk zu helfen und für dieses Volk zu leben. Davon sind Venezuela, Lateinamerika und die gesamte Welt allerdings sehr weit entfernt.

 

Mit nationalen Grüßen

Bernhard Scheida, Bogota





3 Kommentare

  • Beim lesen des Kommentars von Bernhard Scheida fragt man sich schon, was ist mit dem III. Weg los.
    Wie kommt man mit einem Wunderheiler in Kontakt, der am anderen Ende der Welt lebt?
    Man kann sich schlecht vorstellen, das jemand der kranken Menschen Wunderheilungen verspricht sich nebenbei so mit Politik befasst, dass er einen Gesamtüberblick über die Politische Lage in Venezuela hat.
    Die Antworten auf die Fragen hören sich nicht wie eine eigene Einschätzung an, denn diese Meinung findet man auf allen politischen Seiten. Und alles noch mit Geschichtszahlen und Personen belegt und das aus dem Stegreif? Alle Achtung!
    Das in diesem Land und auch in anderen Ländern dieser Region einiges im Argen lieg ist unbestritten.
    Jahre lang hat die sogenannte Internationale Gemeinschaft und allen voran die USA miese und korrupte Geschäfte mit der Regierung gemacht. Ob Erdöl oder Bodenschätze.
    Jahrelang hat es keinem interessiert wie es dem Volk geht und von heute auf Morgen stellt man fest das dieses Volk nichts zu essen hat und die medizinische Versorgung ist schlecht.
    Dazu kommt noch die Sabotage der Stromversorgung und aus den Wasserhähnen kommt veröltes
    Wasser.
    Man will mit allen Mitteln versuchen den neuen Mann an die Regierung zu bringen, denn der Oppositionsführer Juan Guaido ist eindeutig ein Gewächs der USA.
    Nicht umsonst hat er an der Eliteschule George Washington in den USA studiert und dort seine Richtlinie von den Politischen Erziehern bekommen.
    Jetzt wird es Zeit, das dieser Mann das Umsetzt, was er dort gelernt hat.
    Und Teile des Volkes glauben diesen Spuck, und wenn sie aufwachen stellen sie fest das aus der jetzigen Not Elend geworden ist und nichts hat sich geändert.
    Denn der neue Mann an der Spitze wird noch Amerika freundlicher sein, und der alte Mann muss weg, denn über die Jahre hat er schon einen zu tiefen Einblick in die Machenschaften bekommen und das kann für bestimmte Leute gefährlich sein.
    M.f.G.
    Wilhelm

    Wilhelm 14.03.2019
  • Maduro ist eim Griff ins Klo. Korrupt und hat nicht viel für seim Volk übrig. Ob die Opposition eine positive Wende bringt, wird sich daran zeigen, wie sehr sich diese mit den USA einlässt!
    Denn Venezuela war vor Chavez zwar reicher, aber politisch nicht freier. Denn die USA hatten überall ohre Finger drin und vom Öl profitierten auch fast nur die Ölfirmen und deren Handlanger. Erst durch Chavez wurde das Öl verstaatlicht. Das es leider auf Dauer nicht den Reichtum brachte, der es hätte sein können/sollen. Liegt auch viel an den internationalen Druck, der auch gerade von den USA ausging. Chavez bestellte damals nicht umsonst 50 russische MIG’s, weil er sich bewusst war, daß die USA mit ihrer Flotte eine Gefahr für Venezuela war.
    Für mich war Chavez ein guter Präsident seines Volkes, leider umgeben von falschen Leuten und die USA waren auch nie ganz weg.
    Denn sein Krebs kam nicht zufällig…

    Olli 13.03.2019
  • Danke für diese ausführliche Information. Einen Gruß an Bernhard!

    Michi 12.03.2019

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