Nationalrevolutionäre Nietzsche Betrachtung – Teil 1/2

Wer an einer Universität studiert hat, weiß, dass Nietzsche-Seminare immer voll sind. Groß ist die Neugierde auf den Philosophen mit dem „Hammer“ bei allen „Freigeistern“, die sich in den geisteswissenschaftlichen Fächern herumtreiben. Andererseits ist Nietzsche der Gewährsmann für Alfred Baeumler, den führenden NS-Philosophen. Wie ist das möglich? Man hat sich abgefunden mit der inneren Widersprüchlichkeit bei Nietzsche und betrachtet sie als Stärke. Nietzsche selbst hätte das nicht gefallen. Er wollte etwas Bestimmtes – auch wenn das schwierig darzustellen ist.

Die Schwierigkeit bei Nietzsche ist, daß er keine Tabus und Vorurteile gelten läßt. Man kann ihn deshalb schwer einordnen, weil es keine Jüngerschar oder feste Leserschaft gibt, deren Erwartungen der Autor erfüllt. Die Universität mit ihren Vorgaben hat er früh verlassen und schreibt seither „für alle und keinen“. Ein festes intellektuelles Milieu für Nietzsche-Leser gab es damals nicht und gibt es auch nicht heute. Nietzsches fordert jeden als Einzelnen heraus. Trotzdem hat er eine bestimmte weltanschauliche Position und vertritt sie auch laut und deutlich (Stichwort „Hammer“).

Schon aufgrund der riesigen deutschen und internationalen Wirkung wäre es günstig, sich auf Nietzsche beziehen zu können, und nationale Autoren haben das auch immer wieder getan. Doch mit welchem Recht? Gibt es nicht bestimmte Denkfiguren, die jeder nationalen Deutung widersprechen? Zur Zeit des NS, wie gesagt, war Nietzsche umstritten, Alfred Baeumler propagierte ihn, Ernst Krieck stellte sich gegen ihn. Er wies darauf hin, dass Nietzsche sich nie auf die Volksgemeinschaft bezogen hat, sondern den großen Einzelnen verherrlichte. Der große Einzelne zeigt eine Tendenz zum „Übermenschen“, in dessen Dienst Nietzsche uns alle stellen will. Andererseits gibt es auch Stellen, wo der „Übermensch“ ein Produkt der systematischen Züchtung sein soll. Besonders in der Schrift „Also sprach Zarathustra“ geht es um diesen Gedanken. Nach einer fundamentalen Kritik der Moral in „Jenseits von Gut und Böse“ und der „Genealogie der Moral“ kommt der „Zarathustra“ mit einer eigenen neuen Moral. Dort heißt es:

„Ich lehre euch den Übermenschen. Der
Mensch ist Etwas, das überwunden werden soll. Was
habt ihr gethan, ihn zu überwinden?

Alle Wesen bisher schufen Etwas über sich hin¬
aus: und ihr wollt die Ebbe dieser grossen Fluth sein
und lieber noch zum Thiere zurückgehn, als den Men¬
schen überwinden?

Was ist der Affe für den Menschen? Ein Gelächter

oder eine schmerzliche Scham. Und ebendas
soll der Mensch für den Übermenschen sein: ein Gelächter

oder eine schmerzliche Scham.“

Hieraus entnehmen wir: Nietzsche ist zwar gegen die Menschheitsideologie, aber er setzt dagegen nicht Volk und Rasse als Realitäten, sondern den Übermenschen als Utopie. An die Stelle der Nächstenliebe stellt er nicht die Liebe zu Volk und Heimat, sondern die „Fernstenliebe“ zu einem Menschentum, das es noch gar nicht gibt. Von jedem konservativen Gedanken will Nietzsche sich fernhalten, und man kann von ihm lernen, wie man „rechts“ sein kann, ohne im Geringsten konservativ zu sein.

„Nicht was die Menschheit ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen, ist das Problem, das ich hiermit stelle: Sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwertigeren, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren. Dieser höherwertigere Typus ist oft genug schon dagewesen: Aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt.“ (Genealogie der Moral)

So ist Nietzsche gegen jede Form von Religion und Metaphysik. Er nennt das „Treue zur Erde“:

„Seht, ich lehre euch den Übermenschen!

Der Übermensch ist der Sinn der Erde. Euer
Wille sage: der Übermensch sei der Sinn der
Erde!

Ich beschwöre euch, meine Brüder, bleibt der
Erde treu und glaubt Denen nicht, welche euch von
überirdischen Hoffnungen reden! Giftmischer sind es,
ob sie es wissen oder nicht.“

Für Nietzsche ist „die Erde“ unsere Heimat, die eigene Herkunft erscheint da zweitrangig. Er überbietet die Moderne, aber geht nicht hinter sie zurück. Er sieht selbst, daß eine solche Moderne-Kritik gefährlich ist:

Wo ist doch der Blitz, der euch mit seiner Zunge
lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft
werden müsstet?

„Blitz“ und „Wahnsinn“ sind Akte der Willkür, die sich nicht logisch herleiten lassen. Weiter fordert Nietzsche, den Willen zur Macht und die Wiederkehr des Gleichen zu akzeptieren, und wieder ist die Forderung an den einzelnen gerichtet. Wir finden also bei Nietzsche sehr gute Kritik an den modernen Ideologien, der Menschheitsreligion und des Moralismus. Die wahren Hintergründe für die Ideologie des „Gutmenschen“ werden entlarvt. Was Nietzsche aber positiv dagegensetzt, ist arg unrealistisch und selbst wieder modernistisch. Die Analyse ist brillant:

„Ich zeige euch den letzten Menschen. ‚Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern?’ – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. […] ‚Wir haben das Glück erfunden’ – sagen die letzten Menschen und blinzeln. […] Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. […] Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. Kein Hirt und eine Herde! Jeder will das gleiche, jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig ins Irrenhaus. ‚Ehemals war alle Welt irre’ – sagen die Feinsten und blinzeln.“

Aber bekämpft wird dieser Zustand wieder auf der Ebene von Menschheit und Übermensch, Volk und Rasse hat Nietzsche dabei eher verfehlt, er glaubt nicht, dass sich hier noch ein Neuanfang finden läßt. Er mag auch durch seine deutschnationale Schwester Elisabeth von diesen Kreisen abgestoßen gewesen sein. Elisabeth verband ihr Deutschtum mit einem radikalen Antisemitismus, Friedrich Nietzsche setzte sich dagegen ab und versuchte sich sogar an einer philosemitischen Position. Elisabeth hat bekanntlich den Nachlass ihres Bruders erstmals herausgegeben. Dabei bog sie alles so hin, dass es rechtem Denken entsprach und gab das Ganze mit dem Titel „Der Wille zur Macht“ heraus. Viele haben ihre Nietzsche-Kenntnis von dort und wissen nicht, dass die Schwester mit eingegriffen hat.