Heimat – Gedanken eines Nicht-Wissenschaftlers

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birgitta hohenester  / pixelio.de

In den internationalen Menschenrechten wird dieser Begriff nicht geführt. Im Internet gab es den Begriff Heimat, aber beim Klicken auf „Bedeutung“ landete ich im Nirgendwo. Im (Bertelsmann) Modernen Lexikon von 1971 fand ich eine Erklärung: „i.e.S. der Geburtsort bzw. der Ort, in dem man aufgewachsen ist, mit der ihn umgebenen Landschaft, mit der man sich geistig und seelisch verbunden fühlt.“ Kurz und bündig. Richtig? Ja, aber wenig nachvollziehbar. Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht und mein Gefühl befragt.

Ich glaube, Heimat nistet sich bereits im Mutterleib ein. Wir wissen ja heute, daß das Kleine im Mutterleib mithört, also auch Harmonien oder Disharmonien spürt. Sicherlich beginnt hier die seelische Verbundenheit. Mutter spricht mit Vater, schimpft mit dem schon 2-jährigen Brüderchen. Das bekommt das Kleine alles mit, auch wenn Mutter einkaufen geht, mit den Nachbarn spricht. Natürlich weiß das Kleinchen auch schon, da rauscht der Verkehr vorbei „Mami geht jetzt draußen“. Wenn´s zu Hause „stimmte“, wohnt ein positives Gefühl, ein angenehmes Gefühl in dem kleinen Geschöpf schon jetzt bei ihm.

Nun ist es da, draußen, das Kleine. Jetzt ändert sich das Fühlen ganz allmählich. Es nimmt mit den Augen auf und das noch nicht bewußt Gesehene nimmt langsam reale Gestalt an. Meine Spekulation sagt mir: Schon dies kleine Kind empfindet seine Umgebung als angenehm. Oder schrecklich? Ich gehe davon aus, daß wir Menschen bereits in unserem Angeborenen ein Gefühl für Harmonisches, etwas Angenehmes besitzen. Hier tritt also, so meine ich, ein Gleichklang oder ein gewisses Sträuben für oder gegen die Umgebung auf, in die das Kind hinein gesetzt wurde.

Die Wohnung ist also in der Tat eine weitere, neue „Einprogrammierung“ von Heimat vom Sehen her. Ein wesentlicher Teil folgt mit der dosierten Freizügigkeit, die dem Alter des Kindes angepaßt sein sollte. Auf der einen Seite steht der Entdeckungswille, auf der anderen das Zulassen und die Forderungen. Natürlich ist das ein Balanceakt zwischen Kind und Eltern. Gelingt dieser, ist die Einprägung so nachhaltig, daß wir an diese Kindheit – nun kommt’s – an unsere Heimat gern zurückdenken, angenehmes Gefühl daraus entwickelt haben und dies der Maßstab ist, den wir anlegen, wenn wir Neuland betreten.

Und heute? Beide Eltern arbeiten, also ein neues Zuhause: der Kindergarten; das ist die Umgebung, sind die Menschen und die vielen neuen „Geschwister“.

Welchen Einfluß die Natur besonders auf die so junge und noch nicht entwickelte Seele des Kindes hat, das kann ich nur daran messen: Ich habe mich in den Konferenzen und Gruppengesprächen in meinem Berufsleben immer so platziert, daß ich noch einen Streifen Grün vor mir hatte, also Bäume oder Rasen. Die andere Seite: Grau ist grausam; was ist grau? Beton!

Heute benutzen Therapeuten die Farben- und die musikalische Harmonielehre, um kranke Seelen zu heilen. Ist es ein Wunder, wenn Kinder keine Anbindung an ihre Umgebung finden mit Betongrau, Asphaltschwarz (= schwarz sehen!) und ständiger überlauter Tonberieselung? Wie können diese Kleinen später als Erwachsenen ein angenehmes Gefühl nachvollziehen, hervorholen, das sie in den so wichtigen Kindheitsjahren nicht bekommen haben?

Mir sind diese Dinge vom Hören, Sehen und Empfinden gegeben worden. Hätten wir nicht die Flucht durchlebt im Krieg, wären wir wohl in Berlin groß geworden, nicht in einem Dorf mit 100 Häusern, staubigen Straßen, Kühen, Wasserpumpe, bunten Wiesen, offenen Bächen und Wald, Wald zu allen Jahreszeiten. Natur pur! Diese Zeit schrieb ich auf. Der Titel? „Nestwärme“ – sie wärmt bis heute!

M. Cochius

 

Quelle: www.umweltundaktiv.de