Vortrag über den 17. Juni 1953 beim Stützpunkt München / Oberbayern

Unter dem Motto „Arbeiteraufstand, Volksaufstand, Revolution?“ stand der Vortrag des bekannten Nationalisten Lutz Giesen zu den Ereignissen vom 17. Juni 1953 in der DDR. Im Rahmen der Monatsveranstaltung, passend zum Juni, wurde den Aktivisten des Stützpunkt München /Oberbayern ein Thema nähergebracht, das in der heutigen Geschichtsschreibung stark an Bedeutung verloren hat. Es wurden die Geschehnisse am 17. Juni 1953 selbst, die Ursachen, die zu dem Aufruhr geführt haben, aber auch die Konsequenzen der Ereignisse erläutert.

Nachdem Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg in Besatzungszonen aufgeteilt worden war und Deutschlands Ostgebiete unter fremde Verwaltung gestellt worden waren, wurden Staatenprovisorien gegründet. In der ehemaligen sowjetischen Besatzungszone wurde die DDR errichtet und eine unter Moskauer Kontrolle stehende Marionettenregierung eingesetzt. Das Land der Bauern wurde kollektiviert und die Einheitspartei des selbst ernannten „Arbeiter- und Bauernstaates“ wollte die Kontrolle über jeden Aspekt des Wirtschaftsprozesses erlangen. Die Bauern durften beispielsweise nicht mehr selbst bestimmen, was sie anbauen. In der Folge verließen immer mehr Bürger die DDR in Richtung Westen. Große Ackerflächen lagen brach. Die Versorgungslage verschlechterte sich massiv.

Die Preise in den Geschäften für Grundnahrungsmittel stiegen stark an. Die Löhne der Arbeiter blieben jedoch auf einem sehr niedrigen Niveau. Um aus der Staatskrise zu kommen, beschlossen die Politbonzen der DDR-Einheitspartei SED eine Normerhöhung. Anlässlich des 60. Geburtstages von DDR-Oberhaupt Walter Ulbricht sollten die Arbeiter 10 Prozent mehr leisten. In der Praxis bedeutete dies, dass Arbeiter, um denselben Lohn zu erhalten, den sie vor der Normerhöhung hatten, deutlich mehr leisten mussten. Das war in der Regel nicht umsetzbar. Ein Arbeiter in einem Walzwerk beispielsweise ist auf die Arbeit der Maschine angewiesen, er kann vielleicht schneller Platten herantragen, aber wenn die Maschine ihren Takt nicht steigern kann, rückt die Normerfüllung in weite Ferne. Dasselbe gilt beispielsweise auch für Maurer, auch hier ist eine Steigerung in dieser Größenordnung de facto nicht machbar. Folglich sanken die Löhne für die Arbeiter. Daraufhin wuchs die Wut der Arbeiter, die in „ihrem“ Staat gnadenlos ausgebeutet wurden.

Es kam zu Streiks, beispielsweise in Finsterwalde und in Hennigsdorf. Das Regime ließ vermeintliche Rädelsführer inhaftieren, um die Streikbereitschaft zu brechen. Doch die Arbeiter solidarisierten sich und tatsächlich mussten die roten Schergen Gefangene wieder freilassen. Die explosiver werdende Stimmung blieb auch der Parteiführung nicht verborgen und so suchten sie hilflos bei der Führung des „großen Bruders“, der Sowjetunion, um Rat. In der Folge wurde in beschwichtigenden Worten ein „neuer Kurs“ in der DDR verkündet. Doch eine Rücknahme der Normerhöhung erfolgte nicht. Im Gegenteil: In der Gewerkschaftszeitung „Tribüne“ wurde die Normerhöhung sogar noch als „in vollem Umfang richtig“ gelobt.

Als die Arbeiter auf den Musterbaustellen des geplanten Prachtboulevards, der sogenannten „Stalin-Allee“ in Berlin am 16. Juni davon lasen, legten erste Arbeiter in Block 40 ihre Arbeit nieder und gingen auf die Straße. Selbiges passierte auf der Krankenhausbaustelle in Berlin-Friedrichshain. Sie formierten sich zu einem Protestzug und forderten Meinungsfreiheit und eine Rücknahme der Norm. An jeder Baustelle, die der Zug passierte schlossen sich Arbeiter an. Zeitzeugen blieb besonders das „Klappern an den Baugerüsten“ der Arbeiter, die ihren Posten verließen, in Erinnerung. Nur einige wenige rote Kader verblieben an ihrer Werkstätte. Man wollte die Regierung stellen und zum Rücktritt zwingen. Als die Arbeiter vor der Regierungszentrale des Politbüros angekommen waren, trauten sich die obersten Vertreter des „realexistierenden Sozialismus“ nicht, sich ihrem Volk zu zeigen. Einige Sprecher versuchten, die Masse zu beschwichtigen.

Doch das Volk ließ sich nicht mehr mit billigen Parolen einfangen. Für den nächsten Tag sollte ein Generalstreik ausgerufen werden. Die Arbeiter hatten keine Plattform, um diese Botschaft über die ganze Republik zu verbreiten. Daher wurden einzelne Gesandte geschickt, um über den amerikanischen RIAS Sender aus Westberlin den Aufruf zu verbreiten. Damals war es noch möglich, die Grenze nach Westberlin zu übertreten. Aber der angeblich freiheitliche Westsender strahlte die Botschaft der Arbeiter nicht aus, um die Kooperation der Besatzungsmächte nicht zu gefährden.

Dennoch gab es am folgenden Tag, dem 17. Juni 1953, Proteste in allen Teilen des Landes. Es wurden Läden und Polizeiwachen gestürmt. Politische Gefangene wurden befreit. Vor allem in Berlin versammelten sich große Massen, nicht nur Arbeiter, sondern Menschen aus allen Schichten des Volkes. Auch Deutsche aus dem Westteil des Landes zeigten sich solidarisch und beteiligten sich an den Protesten. Die rote Fahne wurde vom Brandenburger Tor gerissen. Das Deutschlandlied wurde gesungen. Kaufhallen wurden in Brand gesetzt. Der DDR-Führung entglitt zusehends die Kontrolle. In Görlitz und Niesky konnte kurzzeitig das Regime entmachtet werden.

Doch die bolschewistische Zentrale in Moskau war nicht gewillt, dem Freiheitswillen des deutschen Volkes stattzugeben. So ließ man Panzer auffahren. In 167 von 213 Kreisen in der DDR wurde der Ausnahmezustand erklärt. Mit der Ausrufung des Kriegsrechts übernahm die Sowjetbesatzungsmacht wieder auch formell die Herrschaft in ihrer Besatzungszone. Arbeiter kämpften mit Steinen gegen Panzer, doch die Lage war aussichtslos. Viele Deutsche starben, die genaue Zahl der Toten ist unbekannt. So konnte die Ordnungsmacht bereits am Abend die Lage wieder weitestgehend unter Kontrolle bringen.

In der Folge war das Regime auf Rache aus und ließ viele Menschen inhaftieren. Öffentlich wurden Rädelsführer zum Tode verurteilt und hingerichtet. So ermordeten die Bolschewisten in Jena den Schlosser Alfred Diener. Mindestens 19 Menschen wurden erschossen und ihre Ermordung öffentlich als Drohung an das Volk bekannt gegeben. Die Gefängnisse füllten sich weiter mit politischen Gefangenen. Der Aufstand war niedergeschlagen.

Es machte sich Resignation breit und die Flüchtlingszahlen aus der DDR stiegen noch einmal rasant an. Doch im Wesentlichen konnte das System seine Macht nun bis 1989 konsolidieren. Nur noch selten kam es, wie nach der Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, zu Protesten. Während in der DDR die Geschehnisse um den 17. Juni weitestgehend verschwiegen beziehungsweise die Ereignisse zur „faschistischen Provokation“ erklärt wurden, gab es in Westdeutschland bis 1990 eine Erinnerung an die Ereignisse. Der 17. Juni wurde zum Feiertag und es gab eine Briefmarke zum Gedenken an die Unruhen. Mit der Teilwiedervereinigung von 1990 verschwanden die Ereignisse jedoch weitestgehend aus dem offiziellen Gedenken.

Lutz Giesen schloss seine Ausführungen mit Lehren, die man aus den Ereignissen ziehen kann. Wenn der Druck auf das Volk steigt, sodass sich die Volksgenossen in ihrer Existenz bedroht sehen, sind sie bereit, jeder Repression zu trotzen. Insbesondere Solidarität kann zu einer Waffe werden, was die erzwungenen Entlassungen von politischen Gefangenen nach den ersten Streiks zeigen. Auch mit einigen tausend entschlossenen Deutschen kann etwas erreicht werden, wenn man bereit ist, Opfer in Kauf zu nehmen. Auch der deutsche Michel kann aus seiner Lethargie geweckt werden und dann Gnade denen, die sich ihm in den Weg stellen.





1 Comment

  • Danke für die Zusammenfassung. Ich habe Lutz erlebt, bei seinem Vortrag über Dresden. Dieser war für mich sehr erkenntnisreich und gut ausgestaltet!

    DZ 20.06.2019