Zum 30. Jahrestag des Mauerfalls

In der DDR:

Im Jahre 1989 haben die DDR-Bürger ihren Staat satt. Sie wollen sich nicht mehr bevormunden lassen und gehen für die Freiheit auf die Straße. Immer mehr Menschen schließen sich den Demonstrationen an, bis schließlich die DDR unter dem Druck zusammenbricht und die Mauer, das Symbol der Teilung und Trennung, überwunden wird.

Ist das wirklich die ganze Wahrheit gewesen? Was meinte Erich Honecker als er 1991, die Teilung war Geschichte, sterbenskrank der ARD noch ein sieben Stunden dauerndes Interview gab, in dem er mitteilte, die Annahme, dass die Demonstranten den Umschwung in der DDR herbeigeführt hätten, sei ein Irrtum? In der Sowjetunion seien Schewardnadse (Außenminister der SU) und andere schon Mitte der 80er Jahre zu dem Urteil gekommen, dass die deutsche Teilung beendet werden müsse.

Als am 5. Februar 1987 der Rücktritt des Stasi-Spionagechefs Markus Wolf bekannt gegeben wurde, war die Verwunderung groß. Er hatte 34 Jahre den Auslandsnachrichtendienst der DDR geführt und beendete plötzlich seine Karriere, um sich der Schriftstellerei zu widmen und sich um den künstlerischen Nachlass seines Bruders zu kümmern.

Den tatsächliche Grund für sein Ausscheiden gibt der Berliner SED-Chef Günter Schabowski so an: Wolf war vom Kreml dafür vorgesehen, Erich Honeckers Entmachtung und die Wende in der DDR vorzubereiten. In Abstimmung mit dem KGB sei Wolf 1986 zurückgetreten.

Im Frühjahr 1987 gab es dann in Dresden ein Geheimtreffen mit den Verschwörern. Neben Wolf waren auch der KGB-Vizevorsitzende und Vertraute Gorbatschows, Wladimir Krjutschkow, und der Dresdner SED-Chef Hans Modrow dabei. (Aussage Schabowskis) Es ging darum, bei Veränderungen Modrow eine Schlüsselposition zuzuweisen. Modrow bestätigte das Treffen, das am 4. März 1987 im Gästehaus der SED-Bezirksleitung Dresden (Weißer Hirsch) stattfand. Da Modrow als Nachfolger Honeckers vorgesehen war, kam es auch zu Propaganda-Aktionen von KGB-Agenten, die sich als Journalisten tarnten, um in westlichen Medien Modrow als Reformer ins Spiel zu bringen und ein positives Bild über ihn zu verbreiten.

Die DDR war wie kein anderer Staat gegen eine Revolution gerüstet. Am Tag X sollten Zehntausende von Oppositionellen verhaftet werden, aber als die Revolution dann da war, griff niemand ein. Weshalb? Hans Modrow und die anderen hatten dafür gesorgt, dass schon zu Beginn der Demonstrationen nicht eingegriffen wurde bis schließlich Massen auf der Straße standen, die auch von den Sicherheitsorganen nicht mehr zu halten waren – was den persönlichen Mut und Einsatz der Widerständler natürlich nicht schmälert.

Was Honecker mit seiner Aussage zu den Demonstranten meinte, war, dass der Regimewechsel vom Kreml aus in Gang gesetzt wurde. Revolutionen werden nie ohne Führer gemacht, dies war weder 1789, noch 1848/49 und auch nicht 1989 so. Die revolutionäre Masse ist nicht als Ursache, sondern als Mittel zu betrachten.

 

In der BRD:

Auf der anderen Seite hinter der Grenze saß ein Kanzler, der nichts von einer Wiedervereinigung wissen wollte. Helmut Kohl war in erster Linie Europäer, Vasall der Westmächte. Er wollte kein neutrales aber ungeteiltes Deutschland, sondern nur ein dem Westen angeschlossenes Deutschland, weswegen er sagte: „Die Freiheit ist wichtiger als die Einheit.“1 Sowie: „Vielleicht müssen wir sehr lange warten. Man muß jedoch sehen, daß dies ein Rückfall in den Revanchismus ist. Wenn wir von der Einheit der Nation sprechen, haben wir die Chance im Sinn, die sich nach einigen Generationen ergeben kann … Natürlich ist nicht von einer Aufgabe unserer Generation die Rede. Wir müssen jedoch eine Annäherung in Europa anstreben. Und vielleicht wird unseren Enkeln jene Chance geboten, von der ich spreche.“2

Als für den Kreml längst schon klar war, dass die Teilung ein Ende nehmen musste, war der bundesdeutsche Kanzler immer noch der Behüter der DDR (schon früh durch Kredite). Er sagte: „Honecker weiß, daß ich nicht beabsichtige, ihm das Leben schwerzumachen.“3

Gorbatschow urteilte über Kohl: “Aber am interessantesten ist offenbar die Tatsache, daß Kohl mit der Lösung der Frage in sehr ferner Zukunft rechnete und sie als Aufgabe zukünftiger Generationen bezeichnete.”4

Und auch noch als die Mauer längst gefallen war und die Deutschen selbst die Vereinigung forderten, da kam Kohl mit seinem 10-Punkte-Plan, der eine Vereinigung erst in 5 bis 10 Jahren in Aussicht stellte. Kohls Meinung änderte sich erst, als er begriff, dass Washington und Moskau die Wiedervereinigung wollten (als Vasall kann man nicht gegen seinen Herren handeln) und als bei seinem Dresdenbesuch, als er umjubelt wurde, merkte, dass er seinen immer schlechter werdenden Ruf (er sollte abgesetzt werden) durch die Vereinigung aufpolieren konnte.

 

Wirtschaftlicher Bankrott:

Um die Planwirtschaft Honeckers war es nicht gut bestellt, anders kann man es sich nicht erklären, dass er ausgerechnet beim „faschistischen“ Erzfeind BRD Kredite aufnahm. Der eigentliche Bankrott der Wirtschaft sollte aber durch die Politik Kohls und seiner Kapitalisten-Clique systematisch herbeigeführt werden. Die Kapitalisten der BRD konnten kein Interesse daran haben, dass nun Konkurrenten in den neuen Bundesländern entstünden. Kohl war ihr Mann.

Die BRD hatte seit der Teilung nie ein Vereinigungskonzept ausgearbeitet. Wie die DDR-Wirtschaft dann vom Westen demontiert wurde, stellt selbst noch den Wirtschaftskrach von 1929 in den Schatten. Zur Ausplünderung der Unternehmen wurde die Treuhandanstalt gegründet. Ihr erster Vorsitzender trat nach sehr kurzer Zeit zurück, weil er die geforderte Demontage und ihre noch heute sichtbaren Folgen nicht verantworten konnte. Der zweite Vorsitzende wurde aus dem Weg geräumt, indem man ihn erschoss. Schließlich wurde Birgit Breuel gefunden. Eine Frau, die an Skrupellosigkeit nicht zu überbieten war und die Demontage noch guten Gewissens vorantrieb.

Die DDR-Unternehmen wurden von der Treuhandanstalt in den allermeisten Fällen nicht an ehemalige DDR-Bürger übereignet, sondern an die Konkurrenz im Westen, die kein Interesse an der Fortführung ihrer Gegenspieler hatte und daher die Unternehmen ausplünderte und schloss. So wurde beispielsweise der Kalibergbau in Bischofferode (gekauft von BASF) eingestellt, obwohl dort das qualitativ hochwertigste Kalisalz zu fördern und der Absatz gesichert war. Ein anderes Beispiel wäre die Bremer Vulkan AG und die DDR-Werften. An Beispielen mangelt es nicht. Auch die erfolgreichsten Unternehmen gingen so bankrott.

Mit der Art und Weise, wie die Unternehmen verschleudert wurden, befasste sich sogar ein Untersuchungsausschuss im Bundestag. Aber was sollte ein Bundestag schon am Niedergang der DDR-Wirtschaft ändern? Unternehmen die faktisch nicht mehr existierten, konnten nicht einfach neu erschaffen werden.

Die Treuhandmitarbeiter wurden von der Haftung freigestellt, wenn sie nicht geprüft hatten, wem sie die Unternehmen eigentlich verkauften. Manches Unternehmen wurde nur zum Schein gekauft und der Kaufpreis durch das gekaufte Unternehmen selbst bezahlt. So sanierte sich die Bremer Vulkan AG auf Kosten der erworbenen Unternehmen.

Die Mitarbeiter wurden finanziell dafür belohnt, die Unternehmen so schnell wie möglich zu verscherbeln (Bonussystem). Die Frage, ob das Unternehmen mit dem neuen Eigentümer Bestand haben würde, war nicht von Belang. Teilweise entsandten die westdeutschen Unternehmen ihre Leute, die dann als Treuhandangestellte für sie arbeiteten und gute Geschäfte dabei herausholten.

Nach 20 Monaten waren von den 4,1 Millionen Beschäftigten der Treuhand-Unternehmen noch 1,24 Millionen mit Beschäftigung. Die Arbeitslosigkeit stieg auf Rekordniveau und die Abwanderung setzte ein. 25 Jahre nach dem Mauerfall (2015) betrug der Anteil an der Wirtschaftsleistung im deutsch-deutschen Vergleich weniger als noch zu DDR-Zeiten. Von einem Wirtschaftsaufschwung kann also nicht die Rede sein.

Mit der Abwanderung konnte die BRD die ehemaligen DDR-Bürger dafür schneller mit Fremdländern zusammenbringen. Hatte Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung nicht davon gesprochen, dass der Osten zu weiß sei?

 

Bleibt noch die Frage, ob es einen Grund zu feiern gibt?

Die Chance, das deutsche Volk zusammenzuschweißen wurde selbstredend nicht genutzt. Im Gegenteil, der wirtschaftliche Bankrott und die dann nötigen Geldmengen, die der Westen bis heute für Mitteldeutschland aufbringt, schufen eine neue Trennung, eine geistige Trennung: dem „Ossi“ musste erst mal das Wirtschaften beigebracht werden. Ihm musste erst einmal beigebracht werden, wie man in einer zivilisierten Welt zu leben und zu arbeiten hatte. Als handelte es sich hier um Evolutionsstufen des Menschen. Birgit Breuel ist hingegen unter den Nicht-Zeitzeugen eine unbekannte Person. Auf anderer Seite bestehen nicht wenige Vorbehalte gegen den „Wessi“, die sich zum Teil bis heute gehalten haben.

Keine Frage, die Deutschen gehören zusammen, aber angesichts der Tatsache, dass die Deutschen der DDR nun genauso dem bundesdeutschen Genozid unterworfen sind, lässt die Frage aufkommen, wozu wir ein Deutschland ohne Deutsche brauchen? Schon kurz nach der Wende fragten sich einige in Mitteldeutschland, ob man für eine Einheit mit Türken und Afrikanern gekämpft habe und dafür, ausgebeutet und beschimpft zu werden. Kein Wunder also, wenn es auf beiden Seiten Menschen gibt, die der Meinung sind, die Mauer hätte auch oben bleiben können.

 

 

Quellen:

1: Le Monde, 20.01.1988.

2: Ebd., S. 72.

3: Ebd., 72.

4: Ebd., S. 76.

 

 





2 Kommentare

  • Ein sehr informativer Artikel. Kompliment an den Verfasser.

    Bliebe noch anzumerken, daß Gorbatschow damals dem damaligen Außenminister Genscher (FDP) eine echte Wiedervereinigung mit den noch immer unter polnischer und russischer Verwaltung stehenden Gebieten Ost- / Westpreußen, Pommern, Schlesien, Posen und weiteren Regionen angeboten hat. Das Angebot wurde Kohl durch Genscher bekanntgegeben. Auf Anraten Genschers lehnte Kohl diese Offerte rundweg ab! Als Grund für die Zurückweisung wurden die “Kosten” vorgeschoben.

    In einem – leider undatierten – Videomitschnitt einer Pressekonferenz mit Gorbatschow in russischer Sprache wurde dieser gefragt, ob es dieses Angebot an die damalige Regierung der BRD tatsächlich gegeben hätte, antwortet Gorbatschow mit einem kurzen “Da.” (Ja). Auch eine Nachfrage des Journalisten wurde ebenfalls mit “Da, da”) (Ja, ja) beantwortet.

    Durch dieses Interview wurde eine Pressenotiz aus dem Jahr 1992 bestätigt, in der dieser Sachverhalt bereits dargestellt wurde.

    Dadurch kann bewiesen werden, daß das Gespann Kohl/Genscher die echte Wiedervereinigung mit den bis heute fremdverwalteten Territorien sabotierten und verhinderten.

    Beauseant 10.11.2019
    • Ich meine, mich an eine Begebenheit um 2003 herum zu erinnern, als erneut ein Angebot seitens Russland kam, uns einige der Ostgebiete zurück zu geben. Aber wie damals Helmut Kohl lehnte auch Gerhard Schröder lapidar ab. Eine Theorie meinerseits: Da das BvG in Karlsruhe entschied, daß das deutsche Volk derzeit keine Möglichkeit hat, sich eine Verfassung nach Artikel 146 GG zu geben, muß der Grund in den fehlenden deutschen Gebieten zu suchen sein. Vielleicht darf Teildeutschland nicht über solch wichtige Dinge entscheiden, solange noch weite Teile des Landes abgespalten sind… Das würde auch erklären, warum die BRD alles daran setzt, eine vollständige Vereinigung zu verhindern; Die BRD hätte danach keine Existenzberechtigung mehr, das Deutsche Reich wäre rehabilitiert bzw. wiederhergestellt. Freilich ohne Elsaß/Lothringen und Österreich. Ob diese beiden Faktoren zusammenspielen?
      Zumindest belegt Art. 146 GG, daß es sich beim Grundgesetz nicht um eine Verfassung handeln kann.

      Thomas G. 10.11.2019

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