Die Weggefährtin #040: Der Budapester Aufmarsch aus der Sicht einer Frau

Ein etwas anderer Besuch in Budapest und Umgebung

Nach 40 Jahren war ich nach langer Abstinenz wieder in der ungarischen Hauptstadt Budapest zu Besuch, welche auch als das “Paris des Ostens” charakterisiert wird. Für mich, aus der DDR kommend, 1977 in den Westen abgeschoben, war dieses Kleinod auch ein lohnenswerter Treffpunkt mit Freunden -die zuvor nicht frei reisen durften- und um regelmäßige Kontakte zu organisieren. Budapest mit seinen Jugendstilbauten, den ausladenden Boulevards, den traditionellen Kaffeehäusern im Wiener Ambiente, das ungarische Nationaltheater, deutschsprachige Zeitungen & Bücher, Schallplatten, die im “Arbeiter- und Bauernstaat DDR” auf dem Index standen, zog viele Menschen, die den “Hauch der Freiheit” spüren wollten, magisch an. Der ungarische, in jenen Jahren praktizierte “Gulaschkommunismus” war für so manche Zeitgenossen im Osten Deutschlands durchaus nachahmenswert. 

In diesen Tagen im Februar 2020 also sah ich Budapest aus historischen Blickwinkeln. Dieses Mal mit Freunden und Kameraden aus Berlin/Brandenburg und anderer Stützpunkte unserer Partei “Der III.Weg”. Alljährlich finden Gedenkveranstaltungen nationaler Parteien und Gruppen, sowie freier Kräfte aus dem In- und Ausland statt. Hiermit wird an die Schlachten um Budapest erinnert, welches von Oktober 1944 bis Februar 1945 genau 102 Tage lang von der Roten Armee eingekesselt war. Eine heldenhafte Verteidigung durch deutsche und ungarische Landser wurde angesichts der bolschewistischen Übermacht ad absurdum geführt, so wurde beispielsweise die 8. SS-Kavallerie-Division “Florian Geyer” komplett vernichtet.


In einem Akt der Verzweiflung gab es ein letztes gewaltiges Aufbäumen als etwa 60.000 Soldaten und Zivilisten am Abend des 11. Februars 1945 einen Ausbruch aus dem Kessel wagten. Unter hohen Verlusten konnten sich mehrere 1000 Kämpfer und Zivilisten in die Budaer Berge absetzen. Immer wieder versuchten kleinere Truppen, den Verteidigungsring zu durchbrechen, um der deutschen Hauptkampflinie näherzukommen.
Dieses jedoch gelang nur ca. 800 Rückkämpfern. Alle anderen wurden aufgerieben, verloren in den Gefechten auf grausame und unmenschliche Art und Weise ihr Leben…

Am Freitag, den 7.2.2020 traf sich nunmehr unsere “spezielle Reisetruppe” gegen 7 Uhr am Flughafen Berlin-Schönefeld. Wie zu erwarten, wurden wir den üblichen an Flughäfen typischen Sicherheitskontrollen von Spezialisten der “Firma Horch & Guck” unterstellt. So sprach mich sofort ein Mitarbeiter direkt an:

“Guten Tag Frau E., Sie schauen ja so wanderzünftig aus (ich hatte meine Bergstiefel an…). Welche Strecke wollen Sie gehen, 25, 35, oder 60 km?” wurde ich von dem lächelnden, leutseligen Beamten in Empfang genommen. Meine Bereitschaft, mit dem Herrn zu kommunizieren, beschränkte sich darauf, meinen Personalausweis und somit mich durchleuchten zu lassen. Auch die Kameraden unserer Wandergemeinschaft wurden ähnlich “sicherungstechnisch sonderbehandelt”. Trotz alledem: zwei Stunden später hatten wir in Budapest unsere Hotelzimmer belegt.

Die am dortigen Flughafen gemieteten Autos nutzten wir am frühen Nachmittag, um im Umland deutsche und ungarische Kriegsgräber, Friedhöfe und Gedenksteine zu besichtigen. 

 

 

 

 

Am frühen Abend wieder im Hotel, war auch die zweite Wandertruppe aus Berlin vollzählig vor Ort. Wir waren nun in den zur Zeit üblichen “Mischverhältnissen” von 18 Kameraden und vier Kameradinnen zusammen. Scheinbar haben sich etliche Frauen und Männer aus unseren Kreisen, auch vom “III. Weg” an die “defizitäre Schieflage” zwischen den Geschlechtern auf dieser Art von Veranstaltung gewöhnt. Die Frauen bleiben oftmals bei den Kindern zu Hause oder haben die Befürchtung, einen Marsch von 25, 30 oder 60 Kilometern nicht bewältigen zu können. Durch die Überzahl der männlichen Kameraden mögen manche Frauen auch die Angst haben, nur als “Anhängsel” gesehen zu werden.

Ich selbst fühle mich wohl, akzeptiert und integriert in der Gruppe. Und dies, obwohl ich sogar deutlich älter bin als der Durchschnitt in unserer Bewegung. Ich würde mir sehr wünschen, dass mehr Kameradinnen, auch jene älteren Semesters, den Mut fänden und mit uns auf die vielfältigen Veranstaltungen mitfahren würden.

Unseren ersten Abend in Budapest verbrachten wir im Burgenviertel, auch Fischerbastei genannt. Wir hatten einen klaren Sternenhimmel bei kühler, klarer Luft, und mit tollen Lichtverhältnissen. 

 

 

 

 

Am Sonnabend, den 08.02.20 stand der “lange Marsch = 60 km”, oder 25/35 km auf der Agenda. 

Gegen 15 Uhr trafen wir uns auf dem Burghof mit vielen nationalen Kräften zum Einschreiben für die Distanzen und dem Empfang der Stempelkarten ein. Das Wetter ließ nichts zu wünschen übrig. Sonnenschein, keine Wolken, also wieder gute Fernsicht, kein Wind. In der Nacht waren bis minus 5 Grad Celsius zu erwarten. Also gute äußere Bedingungen, auch für mich. Wollte ich doch die 60 km unter die Füße nehmen. 

Gegen 15:45 Uhr ging es für die erste Gruppe der 60 km-Marschierer, die ungeduldig vereinzelt mit den “Hufen scharrten”, endlich los. Die Registrierung der 25er – Läufer hatte etwas eher begonnen als die der 60er. Deshalb sind die 25 iger – Läufer zeitlich vor den 60 km Läufern gestartet. Viele von uns waren maskiert. Etliche Kameraden und einige Kameradinnen trugen historische deutsche und ungarische Uniformen. Manch einer führte unscharf gemachte Originalwaffen (“Dekowaffen”) mit sich. Die “linke Fotografen-Mischpoke” stand Schlange, um uns während der ersten drei Kilometer, also noch im Stadtgebiet Budapests, fleißig abzulichten.

Bald ging es auf einer 12%igen Steigung auf einer Straßenlänge von etwa zwei Kilometern schnurgerade bergauf, um in die ersten Ausläufer der Budaer Berge zu gelangen. Eine erste kleine Prüfung und ein Vorgeschmack auf das Kommende. Viele meist junge Marschierer, auch die sportlichen Läufer und etliche Frauen meist ungarischer Nationalität, überholten mich leichtfüßig. 

Recht so! “Jugend voran”, dachte ich mir und ertappte mich dabei, dass ich Melodie, welche wie ein Ohrwurm in mir schwelte, und Text pfiff und später sang: “Nur der Freiheit gehört unser Leben, lasst die Fahnen dem Wind!”(Hans Baumann 1930). So langsam fand ich im Atmen und Gehen meinen Rhythmus, kam mit dem meist befestigten Waldboden auch auf unebenen Pfadstrecken gut zurecht. Jeder schien sein Tempo zu gehen. Wer in seiner Gruppe nicht mithalten konnte oder keinen Passmann an seiner Seite hatte, lief im Alleingang. Gewünschte Zeiten sollten erreicht oder besser unterboten werden. Das galt für viele bei allen Distanzen. Die meiste Zeit lief ich alleine. Zeitweise war ein Kamerad an meiner Seite. Er war oft weiter vor mir auf der Strecke unterwegs, wartete jedoch jeweils an der nächsten Stempelstelle. Auf der Strecke von 60 km waren zwölf unterschiedliche Stempelmotive zu erlangen.

Langsam wurde es dunkel. Der zunehmende Mond schien über die Baumwipfel. Es ging auf 20.00 Uhr zu. Garstige Steigungen und Abstiege in unwegsamen Gelände lösten einander ab. Kammwege eröffneten herrliche Fernsichten hinein nach Budapest. Es wurde immer dunkler. Die Lichtkegel der Kopflampen huschten manchmal gespenstig von hinten kommend an mir vorbei. Das Leuchten und Blinken der batteriebetriebenen Laternen gehörte von nun an zur Normalität. Gesichter konnte ich wegen des gleißenden Lichts kaum noch erkennen und fühlte mich oft geblendet. Dazu kam, dass ich die Bodenbeschaffenheiten bei dem Zwielicht meiner Kopflampe nicht mehr wie bei Tageslicht einzuschätzen wusste. Es fiel mir zunehmend schwerer, die Entfernungen vom Auge bis zum Boden richtig zu werten.

 

 

So trat ich im steinigen Gelände, ob bergauf oder bergab, oft ins Leere. Stolpernd ging es weiter. Nachdem ich zweimal mit den Knien Bodenkontakt hatte, wurde mir klar – ICH BIN NACHTBLIND!!!

Mittlerweile marschierte ich neun Stunden und 28 km, davon ca. vier Kilometer Umwege. 

Um Mitternacht liefen die Kameraden und ich mal wieder zusammen. Die Hälfte der Strecke war erreicht, 10-12 Std. Gehzeit lagen noch vor mir, um ins Ziel zu gelangen! 60 km hatte ich mir vorgenommen zu laufen, aber für mich gab es jetzt nur noch eine Möglichkeit – sofortiger ABBRUCH meiner Tour. Auf direkten Wegen ging es auf breiter Naturstraße hinunter nach Budapest. Zurück am Startpunkt in Budapest angekommen, zeigte mein Kilometerzähler 35 km an! Gegen 1.30 Uhr am Sonntag in der Nacht war ich im Hotel angekommen. Der Kamerad lief die 60 km durch. Er war gegen 11.00 Uhr zum Frühstück in der Unterkunft. 

 

 

Franzi, eine Kameradin aus unserer Gemeinschaft, hatte alles richtig gemacht. Sie hatte sich für die 25 km angemeldet und ist sie auch gelaufen. Dies wäre auch für mich sinnvoller gewesen, somit hätte ich wenigstens eine Urkunde erhalten. So war ich eine “Abbrecherin”, ohne Auszeichnung, auf keiner Ergebnisliste geführt, eigentlich war ich nicht existent. Derartige Eitelkeiten oder Kränkungen hatte ich mir schnell abgeschminkt. Bin also gut darüber hinweggekommen.

Nachtwanderungen von langen Strecken im Gelände gehören für mich definitiv der Vergangenheit an. Wanderungen am Tage hingegen werde ich weiterhin favorisieren. Am besten ohne Zeitdruck und im gemeinsamen Schritttempo. Gemeinsame sportliche Aktivitäten stärken schließlich stets aufs Neue den Zusammenhalt in einer Gemeinschaft. “Auf dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist stecken möge”! Vielleicht schon in Bälde, aber mit Sicherheit am 12. September 2020 bei der “Wanderung der Vögte” im Vogtland. Ich hoffe sehr, es schlössen sich auch einige Frauen der Wanderung an!

 

 

Epilog:

Die Tage in Budapest haben auch dazu geführt, dass sich Vergangenes und Gegenwärtiges in der Wahrnehmung miteinander zu verbinden scheinen.

Sind es die Erinnerungen an die Besuche in Budapest vor 40 Jahren, die im Hier und Jetzt messerscharf emotionalisiert wurden? Oder das unerträgliche Leid jener, die am 11./12. Februar 1945 durch die Budaer Berge gehetzt, zusammengeschossen wurden und erbärmlich krepierten?

Besonders den heute kaum erwähnten, vielen namenlosen Zivilisten, den Frauen, Kindern, Greisen und nicht kampffähigen Männern gilt mein Mitgefühl. Heute würde man diese Opfer als Kollateralschaden bezeichnen.

 

 

Hier noch weitere Impressionen aus Budapest:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Unser Frauenblog ”Weggefährtin” ist eine regelmäßige erscheinende Kolumne von Frau zu Frau in unterschiedlichen Ausprägungsformen auf der Netzseite des III. Wegs, die unser Wirken und Sein innerhalb der Partei ergänzend darstellt.

Bei Interesse: [email protected]

 

 





  • Sehr gelungener, flüssig geschriebener und gut bebilderter Bericht. Tolle , durch nichts zu schmälernde Leistung, die 35 km durchzuhalten, Daumen hoch.

    Chrissie 08.03.2020
  • HIER

    Ausbruch 08.03.2020
  • 30 km bei Nacht und Nebel in schwierigem Gelände marschieren ist eine Riesenleistung, insbesondere für Ältere, die das vielleicht nicht gewohnt sind. Da kann einiges passieren, vorher Gesunde denken da meist nicht dran.
    Unsere Einheiten haben solche Märsche damals nahezu nächtlich gemacht, oft durch schwieriges Gelände, Flüsse, Sümpfe, mit 50 kg Zusatzlast durch Ausrüstung, Waffen, Munition, bei Regen, meterhohem Schnee. Durchnäßte Klamotten ersetzten das Waschen, trocknen mußten sie am Körper. Die Soldaten hungerten oft, wogen selbst nicht viel mehr als das, was sie tragen mußten. Nach den Gewaltmärschen gabe es keine warme Stube, sondern ab Ende 1944 oft nur noch Wassersuppe mit etwas Brot. Dann sofort eingraben, tagsüber mußte gekämpft werden. So ging das für viele Infanteristen den ganzen Krieg über – eine Leistung, die heute nicht mehr vorstellbar ist. Das – auch durch Euer eigenes Erleben in dieser Richtung – Erinnern daran, sollte einen veranlassen, auch im normalen Leben bei schlechtem Wetter ins Freie zu gehen, jeden Tag ein paar Kilometer unterwegs zu sein. Der in Schwung gebrachte Körper ist von einem anderen Geist durchdrungen – es kommen Gedanken, die man sonst nie hätte. So bleibt man auch von Hanau- und Holocaustdebatten unbeeindruckt, die uns Deutschen ständig neue Schuld einreden, um Repressalien weiter zu akzeptieren. Körperliche Ertüchtigung läßt das links liegen und sich auf das Wesentliche konzentrieren – auf uns selbst, unsere Vorfahren, deren Leistung und unsere Weiterentwicklung mit ihnen in unseren Reihen.

    Hartmann 23.02.2020
  • Welch ein Genuß! Sowohl vom Inhalt und Wortlaut, als auch von den Bildern her, ein ganzheitlicher, ansprechender und ehrlicher Bericht!

    Der Abbruch ist keine Schande. Das Gelernte hat den höheren Wert.

    Kitartás!

    Robin 22.02.2020
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