
Ein eifriger Jude klagt sich durch alle Instanzen, um die Wittenberger „Judensau“ entfernen zu lassen. Dabei handelt es sich um ein Relief an der Wittenberger Stadtkirche. Nun hat das Bundesverfassungsgericht eine Verfassungsbeschwerde ohne nähere Begründung nicht angenommen. Jetzt will Kläger Michael Düllmann vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ziehen. Wäre Düllmann erfolgreich, könnten auch ähnliche historische Sehenswürdigkeiten, beispielsweise in Stendal oder in Zerbst, in Gefahr geraten.
Vom Bundesverfassungsgericht ignoriert
Die „Judensau“ in Wittenberg – eine lokale Sehenswürdigkeit! Auf dem Relief abgebildet ist eine Sau, an deren Zitzen zwei Menschen saugen, die Juden darstellen sollen. Ein Rabbiner hebt den Schwanz des Tieres und blickt in den After. Das originelle Kunstwerk eines unbekannten Meisters aus dem 13. Jahrhundert trifft jedoch nicht jedermanns Geschmack. Michael Düllmann ist 1978 zum Judentum konvertiert und sieht sich in seinen Persönlichkeitsrechten durch die Darstellung verletzt. Der Kirchengemeinderat von Wittenberg hat 2022 aus Rücksicht auf die Gefühle einer kleinen Minderheit beschlossen, eine Bronzeplatte mit erklärendem Text zu installieren. Das beruhigt Düllmann jedoch nicht und so zieht er durch die Gerichtssäle. Vor dem Bundesgerichtshof war der Proselyt nicht erfolgreich.
Vor dem Bundesverfassungsgericht wurde sein Anliegen nun offenbar ignoriert. Ohne nähere Begründung wurde eine Verfassungsbeschwerde nicht angenommen. Doch Düllmann gibt nicht auf. Nun hat der Mann beschlossen, vor den EGMR zu ziehen. Ob er dort erfolgreich sein wird, steht in den Sternen.
Sollte seiner Klage jedoch Erfolg beschieden sein, könnten weitere ausdrucksvolle Kunstdenkmäler aus dem Mittelalter bedroht sein. So beispielsweise die „Zerbster Sau“. Sie befindet sich in der Ruine der St. Nikolai-Kirche in der Stadt im Landkreis Anhalt-Bitterfeld. Die Kirche ist ein Opfer des alliierten Bombenterrors im Zweiten Weltkrieg geworden. Einst war sie Zentrum des Zerbster Wirtschaftslebens. Die genannte Plastik hat jedoch überlebt und hängt nach wie vor in vier Meter Höhe auf einem Pfeiler an der Nordseite der Ruine. Dargestellt sind Juden mit spitzen Hüten, die an den Zitzen einer Sau saugen. Das Schwein gilt im Judentum als unrein. Die Plastik ist etwa um 1450 entstanden. Im Jahre 1448 hatte Zerbst eine schwere Pestepidemie heimgesucht. Juden galten damals häufig als Verursacher der Pest. Ihnen wurde vorgeworfen, Brunnen vergiftet zu haben.
Auch im Stendaler Dom gibt es eine judengegnerische Darstellung. So existiert dort ein Bleiglasfenster, auf dem dargestellt ist, wie ein Jude mit der Peitsche auf den heiligen Nikolaus einschlägt. Sankt Nikolaus ist der Namenspatron des Doms. Auf einer anderen Darstellung sieht man, wie ein Mann mit Judenhut zentral an der Kreuzigung von Jesus beteiligt ist. Auf anderen Bildern sind jüdische Wucherer und Verräter zu sehen. Sie sind mit gelben Judenhüten gekennzeichnet.
An dieser Stelle muss jedoch ein erneuter Dank an den Wahljuden Düllmann ausgerichtet werden. Durch seine Prozesse macht er kaum bekannte Kirchendarstellungen einem breiteren Publikum bekannt. Auch anhaltinische Aktivisten der Partei „Der III. Weg“ haben mit ukrainischen Kameraden der Organisation „Sokil“ die „Judensau“ bereits besucht. Diese und andere Sehenswürdigkeiten können auch in unserem Reiseführer nachgeschlagen werden.













