
Ich bin Vertreter einer unabhängigen studentischen Organisation in Belarus, deren Ziel es ist, die Ideen des Traditionalismus zu popularisieren und zu revitalisieren – durch direkten Einfluss sowohl auf gesellschaftliche Gruppen (vorrangig natürlich auf die Jugend als treibende Kraft) als auch auf reale politische Prozesse. Aufgrund der äußerst schwierigen politischen Lage sind wir gezwungen, im Verborgenen zu agieren, was zugleich ein Vorteil ist: Unsere Vertreter sind Studenten führender Hochschulen der Hauptstadt und nehmen künftig reale staatliche Positionen ein, die ihnen gewisse Freiheiten und die Möglichkeit geben, bestimmte Interessen zu vertreten. Ja, das ist ein langfristiges Spiel, aber keine politischen Ereignisse oder Organisationen – mit Ausnahme staatlicher – begannen einfach so.
2. Noch vor wenigen Jahren gab es starke Proteste gegen den Präsidenten Alexander Lukaschenko, welche scheinbar verstummt sind. Wie kam es dazu?
Ein ähnliches Wahlergebnis-Szenario gab es tatsächlich bereits 2010, allerdings in deutlich kleinerem Ausmaß. Unser Volk ist es gewohnt, seinen Willen zu zeigen. Die Organisation der Proteste und der sogenannten „Revolution“, wie sie die Opposition bezeichnete, war jedoch äußerst schwach. Hauptakteure waren linke Gruppen, die mit LGBT-Farben und -Fahnen auftraten, und viele Demonstrationen hatten pazifistischen Charakter – Frauen mit Blumen und Bändern –, während Sicherheitskräfte friedliche Märsche unterbanden und echte Widerstandsversuche brutal zerschlugen. Zahlreiche Aktivisten wurden verhaftet (Verhaftungen von Protestteilnehmern dauern bis heute an), andere verließen Belarus. Trotz des äußeren Anscheins von Ruhe und Wohlstand sind viele Bürger – besonders junge Menschen – Gegner des Regimes, können sich aber nicht offen äußern, da der Staat jegliche Versuche unterbindet. Daher bleibt nur die stille Diskussion in der Küche; oder die Ausreise nach dem Studium.

Historisch gesehen ist Belarus in jüngerer Vergangenheit eng mit Russland verflochten. Nach dem Zerfall der Sowjetunion trat Belarus auf der Weltbühne als ein Anhang Russlands auf, was die Beziehungen zum Westen erschwerte. Der russische Einfluss war spürbar und setzte klare Grenzen, die Lukaschenko von Zeit zu Zeit verschob. Belarus kooperierte direkt mit Europa – etwa beim Abkommen zur Grenzsicherung gegenüber Migranten in Richtung Baltikum oder bei der Friedensinitiative zur Ukraine-Krise, als die Staatschefs Deutschlands, Frankreichs, Russlands und der Ukraine nach Minsk kamen. Diese „Annäherung“ an Europa gefiel Russland nicht, doch als souveräner Staat hatte Belarus das Recht, eigene Beziehungen zu pflegen. Leider führten Umstände wie die scharfe Reaktion von EU und USA auf die Wahlen, Sanktionen, die Migrationskrise und der Krieg in der Ukraine dazu, dass Belarus nun einem klaren Kurs folgen muss; einem, der mit dem russischen übereinstimmt. Belarus lediglich als Befehlsempfänger Russlands zu bezeichnen, wäre nicht ganz korrekt, aber angesichts der Ereignisse sind die Interessen beider Staaten heute identisch.
4. Woher kommt der Name Belarus? Bis zum Angriff Russlands auf die Ukraine sprachen wir in Deutschland eigentlich immer von Weißrussland. Was ist der richtige Ausdruck?
Das ist ein umfassendes und schmerzhaftes Thema. Es bleibt aktuell, auch weil es widersprüchlich ist. Auch im Russischen gibt es seit Sowjetzeiten eine Trennung: „Belarus“ ist korrekt, während „Weißes Russland “ unsere Gebiete als Teil Russlands beschreibt – als das „weiße“ Russland. Es gibt viele Versionen, warum wir das „weiße Russland“ sind – von der Haarfarbe unseres Volkes bis hin zu Friedfertigkeit und Freiheit vom Tataro-Mongolischen Joch. Der Staat selbst nimmt regelmäßig Änderungen an Normen vor und stellt Anforderungen an Außenministerien anderer Staaten, den einheitlichen Begriff „Belarus“ zu verwenden; zumal dieser in unserer Sprache korrekt ist.
5. Wie bewertet ihr den Krieg in der Ukraine?
Leider war dies eine logische Entwicklung der Beziehungen. Die Ukrainer sind von Anfang an ein westlich orientiertes Volk gewesen, das auf Zusammenarbeit mit Europa und den USA setzte. Zugleich hatten Ukrainer und Russen – bereits seit Sowjetzeiten – schwierige zwischenmenschliche Beziehungen. Das äußerte sich in Witzen, Anekdoten, kleinen Vorfällen; doch die Propaganda stilisiert all dies zu einem absoluten Konflikt, was dazu führt, dass zwei brüderliche Völker (durch Blut, Herkunft und Sprache) einander hassen und bereit sind, auch Zivilisten zu töten – nur wegen ihrer Herkunft. Das ist eine geopolitische Katastrophe Europas, die bereits viele Tote forderte und auch künftig fordern wird. Es wird keinen Frieden geben, solange eine Seite des Konflikts existiert. Es kann Waffenruhen und Verträge geben, aber früher oder später wird der Krieg zurückkehren.
6. Immer wieder hört man von Freiwilligen aus Weißrussland, welche auf der Seite der Ukraine kämpfen. Gibt es dazu Zahlen? Was sind die Beweggründe?
Freiwillige aus Belarus stellten seit 2014 einen bemerkenswerten Teil der Kämpfer in der Ukraine. Schon im legendären Asow-Regiment dienten unsere Landsleute, einige von ihnen mussten später dafür bezahlen – wie Stanislau Hontscharou, Raman Pratassewitsch und andere. Es war daher nicht überraschend, dass Personen, die mit dem belarussischen Staatssystem und der mit ihm verbündeten russischen Politik nicht einverstanden waren, den bewaffneten Kampf aufnahmen. Am deutlichsten treten zwei Formationen hervor: das Kalinouski-Regiment und das Belarussische Freiwilligenkorps. Ersteres war stark propagandistisch präsent, während letzteres als Teil des ukrainischen militärischen Aufklärungsdienstes reale Kampfeinsätze gegen Russland durchführt. Soweit mir bekannt, hatte die Organisation „Der Dritte Weg“ früher bei gemeinsamen Aktionen Kontakt zu unseren Freiwilligen.













