Nach den Milliardengewinnen kommt der Stellenabbau – BioNTechs Entscheidung ist fatal für Baden-Württemberg

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Was BioNTech derzeit als „Umstrukturierung“ und strategische Neuausrichtung verkauft, könnte sich insbesondere für Baden-Württemberg als folgenschwere unternehmerische Entscheidung erweisen. Bis zu 1.860 Arbeitsplätze stehen an mehreren Standorten zur Disposition. Besonders hart trifft es Tübingen: Beim übernommenen Biotechnologieunternehmen CureVac sind rund 820 Arbeitsplätze bedroht.

Für Baden-Württemberg geht es dabei um weit mehr als einige hundert Stellen. Tübingen gehört zu den bedeutenden Biotechnologie- und Forschungsstandorten des Landes. Mit den Arbeitsplätzen drohen hochqualifizierte Fachkräfte, über Jahre aufgebautes Fachwissen und wertvolle Strukturen verloren zu gehen. Genau jene Strukturen, um die andere Regionen und Staaten mit erheblichem finanziellen Aufwand werben.

Besonders bitter ist jedoch die Vorgeschichte.

 

In der Pandemie Milliarden verdient – jetzt soll die Allgemeinheit die Folgen tragen

BioNTech gehört zu den großen wirtschaftlichen Gewinnern der Corona-Pandemie. Die weltweite Nachfrage nach dem gemeinsam mit Pfizer vermarkteten Covid-19-Impfstoff bescherte dem Unternehmen außergewöhnlich hohe Umsätze und Gewinne. Nun ist die Nachfrage nach Corona-Impfstoffen massiv zurückgegangen. BioNTech begründet seine Einschnitte unter anderem mit geringer Auslastung, Überkapazitäten, Kosteneinsparungen und einer stärkeren Konzentration auf die Krebsmedizin.

Betriebswirtschaftlich mag sich eine solche Argumentation in Tabellen darstellen lassen. Gesellschaftspolitisch hinterlässt sie einen ausgesprochen bitteren Beigeschmack.

Während der Pandemie wurden Impfstoffe in gigantischem Umfang aus öffentlichen Mitteln beschafft. Staaten und damit letztlich die Steuerzahler waren die Kunden eines Geschäfts, das BioNTech in kürzester Zeit zu einem der bekanntesten und wirtschaftlich erfolgreichsten deutschen Unternehmen machte. Die Allgemeinheit trug damit wesentlich zu den außergewöhnlichen Einnahmen des Unternehmens bei.

Jetzt, nachdem der pandemiebedingte Boom vorbei ist, droht sich die Rechnung umzukehren: Arbeitsplätze werden abgebaut – und für diejenigen, die anschließend keine neue Beschäftigung finden, kommt erneut die Allgemeinheit auf.

Arbeitslosengeld, Vermittlung, Qualifizierungsmaßnahmen und gegebenenfalls weitere Sozialleistungen werden schließlich nicht vom Unternehmen finanziert, das die Stellen streicht, sondern überwiegend von der Solidargemeinschaft.

Das Prinzip wirkt geradezu grotesk: In außergewöhnlich guten Zeiten werden die Gewinne privatisiert. Wenn die Sonderkonjunktur endet und Arbeitsplätze verschwinden, werden erhebliche Teile der gesellschaftlichen Folgekosten sozialisiert.

 

Baden-Württemberg darf den Verlust nicht einfach hinnehmen

Dass die Landesregierung inzwischen eine Task Force eingerichtet hat, an der unter anderem Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium, Bundesagentur für Arbeit, BIOPRO und die Stadt Tübingen beteiligt sind, zeigt, welche Dimension die Angelegenheit längst erreicht hat.

Es wäre fatal, wenn Baden-Württemberg einen hochentwickelten Biotechnologiestandort samt Fachkräften und Infrastruktur verlöre, während international gleichzeitig Milliarden in den Aufbau genau solcher Zukunftsindustrien investiert werden.

Besonders widersprüchlich erscheint es, wenn Deutschland einerseits über technologische Souveränität, den Ausbau der heimischen Pharmaindustrie und die Sicherung strategisch wichtiger Produktionskapazitäten diskutiert, andererseits aber bestehende Strukturen dieser Qualität abgewickelt werden.

Die Mitarbeiter sind dabei keine beliebig austauschbaren Kostenstellen. Hinter den Zahlen stehen hochqualifizierte Menschen, Familien und berufliche Existenzen – und ein über Jahre entstandenes Netzwerk aus Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft.

 

Unternehmen tragen auch Verantwortung für die Strukturen, von denen sie profitieren

Selbstverständlich ist BioNTech kein Sozialamt. Ein privates Unternehmen muss wirtschaftlich handeln und darf seine Strategie verändern. Doch unternehmerische Freiheit bedeutet nicht, dass Entscheidungen in einem gesellschaftlichen Vakuum stattfinden.

Gerade bei einem Unternehmen, dessen außergewöhnlicher wirtschaftlicher Aufstieg während der Pandemie eng mit staatlich organisierten und aus öffentlichen Mitteln finanzierten Impfstoffbeschaffungen verbunden war, darf die Frage nach gesellschaftlicher Verantwortung gestellt werden.

Wer in einer historischen Ausnahmesituation Milliarden verdient, während Staaten enorme Summen mobilisieren, kann sich wenige Jahre später nicht ausschließlich auf Überkapazitäten und Kosteneffizienz zurückziehen, ohne dass diese Entscheidung kritisch hinterfragt wird.

Für Baden-Württemberg wäre der Verlust hunderter hochqualifizierter Arbeitsplätze in Tübingen deshalb nicht einfach irgendeine betriebswirtschaftliche Anpassung. Er wäre ein industrie- und technologiepolitischer Rückschlag.

Die Landesregierung sollte deshalb gegenüber BioNTech mit entsprechendem Nachdruck auftreten. Das Ziel muss sein, Arbeitsplätze, Forschungskompetenz und Infrastruktur in Tübingen dauerhaft zu erhalten – sei es innerhalb von BioNTech, oder durch tragfähige Lösungen mit anderen Unternehmen.

Denn eines darf nicht zum Normalfall werden: Die Gesellschaft finanziert in der Krise einen milliardenschweren Boom mit – und dieselbe Gesellschaft bekommt wenige Jahre später die Rechnung für den Stellenabbau präsentiert.

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