Feder & Schwert LXXXV: Jenseits von Theokratie und US-Fremdherrschaft – Irans Suche nach einer dritten Zukunft

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Der Tod von Ali Khamenei, mitten in einem eskalierenden Konflikt zwischen dem Iran, den USA und Israel, hat eine Frage wieder auf die Weltbühne zurückgebracht, die lange unter der Oberfläche schwelte: Was kommt nach der Islamischen Republik?

Seit Jahrzehnten wird die politische Zukunft des Irans im Westen häufig als einfache Alternative dargestellt: entweder die Herrschaft der Mullahs oder ein Iran, der sich eng an Washington anlehnt. Doch diese binäre Sichtweise greift zu kurz. In den Straßen von Teheran, in den Universitäten von Isfahan und in den Exilgemeinschaften von Berlin, Los Angeles oder London kursiert eine andere Frage: Gibt es eine nationale Alternative, einen dritten Weg zwischen Theokratie und US-Abhängigkeit?

Diese Frage ist keineswegs neu. Bereits im 20. Jahrhundert versuchten politische Bewegungen im Iran einen eigenständigen Weg zu formulieren – jenseits religiöser Herrschaft und fremder Einflusszonen. Auch später tauchten immer wieder Strömungen auf, die genau diesen „dritten Weg“ suchten.

Heute, im Schatten des neuen Krieges und eines möglichen Machtvakuums in Teheran, kehrt diese Debatte mit neuer Dringlichkeit zurück. Monarchisten träumen von einer Rückkehr zur Pahlavi-Dynastie. Radikale Nationalisten befürworten einen ethnisch homogenen Nationalstaat, einen „Staat der Perser“, der weder islamistisch noch geopolitisch abhängig ist. Liberale Exilgruppen hoffen auf eine prowestliche Republik. Bewegungen ethnischer Minderheiten fordern Föderalismus oder Autonomie.

Der Kampf um Irans Zukunft wird daher nicht nur zwischen Regime und Opposition entschieden. Er wird auch innerhalb der Opposition selbst geführt; zwischen verschiedenen Vorstellungen davon, was „iranische Souveränität“ im 21. Jahrhundert überhaupt bedeuten soll.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob das Regime fällt. Sondern welche Idee vom Iran danach gewinnt.

Der iranische Nationalismus – oft auch als persischer Nationalismus bezeichnet – ist ein komplexes politisches und kulturelles Phänomen, das sich über mehrere Jahrhunderte entwickelt hat. Er ist eng mit Fragen der historischen Identität, der staatlichen Souveränität, der Modernisierung sowie mit geopolitischen Konflikten verbunden. Im Laufe des 20. Jahrhunderts nahm er sehr unterschiedliche Formen an: von kulturellem und antikolonialem Nationalismus über monarchistischen Staatsnationalismus und Pan-Iranismus bis hin zu religiösem, schiitischem Nationalismus sowie radikalen und faschistischen Strömungen.

Seit der sogenannten Konstitutionellen Revolution (1906) ist der Iran vor allem von einer Rivalität zwischen religiösem und säkularem Nationalismus geprägt. Während säkular orientierte Nationalisten vor allem auf die vorislamische Geschichte des Landes Bezug nehmen, heben religiöse Akteure die enge Verbindung zwischen schiitischem Islam und nationaler Identität hervor. Beide Strömungen stehen dabei in einem Wettbewerb um die Deutung dessen, was als „iranische Identität“ gilt.

 

Frühformen des persischen Nationalismus

Der moderne iranische Nationalismus entstand im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert im Kontext des Niedergangs der Qajar-Dynastie. Er entwickelte sich aus dem Zusammenspiel zunehmender ausländischer Einflussnahme und innerer Reformbestrebungen, die auf eine politische und gesellschaftliche Modernisierung des Landes abzielten.

Iran war damals politisch schwach und stark vom Einfluss zweier Großmächte geprägt: des Russischen Reiches und Großbritanniens. Die zunehmende wirtschaftliche und politische Abhängigkeit von diesen Mächten führte zu Reformbewegungen, die eine Stärkung des Staates und eine nationale Erneuerung forderten.

Ein wichtiger Wendepunkt war die Persische Konstitutionelle Revolution von 1905–1911. Diese Bewegung verlangte eine Verfassung, ein Parlament und eine Begrenzung der monarchischen Macht. In dieser Zeit entstand ein moderner Begriff von „Nation“ im iranischen politischen Denken. Intellektuelle begannen, die vorislamische Vergangenheit Persiens, etwa das Reich der Achämeniden oder die Figur von Kyros II., als historische Grundlage einer iranischen Identität zu betonen.

 

Staatsnationalismus unter der Pahlavi-Dynastie

Mit der Machtübernahme von Reza Schah Pahlavi im Jahr 1925 erhielt der iranische Nationalismus eine staatliche Form. Die neue Pahlavi-Dynastie versuchte, einen modernen Nationalstaat zu schaffen. In dieser Zeit setzte sich ein zentralstaatlich orientierter Nationalismus durch, der stark von persischer Kultur geprägt war und eine Homogenisierung der Bevölkerung anstrebte. Gleichzeitig entstanden pan-iranistische Bewegungen, die die Wiederbelebung eines umfassenden iranischen Kulturraums über bestehende Staatsgrenzen hinaus forderten.

Wichtige Elemente der Politik dieser Ära waren die Zentralisierung des Staates, die Förderung der persischen Sprache sowie die Einschränkung regionaler und ethnischer Autonomien. Darüber hinaus wurde die vorislamische persische Geschichte gezielt betont, um eine gemeinsame nationale Identität zu stärken. Auch der Name des Landes wurde international verändert: 1935 setzte die Regierung durch, dass der Staat offiziell als Iran statt als „Persien“ bezeichnet wurde.

Der Nationalismus dieser Zeit umfasste mehrere ideologische Komponenten. Dazu gehörten das Streben nach Modernisierung und staatlicher Einheit, der Bezug auf eine angenommene „arische“ Herkunft der Iraner sowie die Abgrenzung gegenüber arabischem kulturellem Einfluss. Die Idee einer „arischen“ Herkunft spielte besonders in den 1930er Jahren eine Rolle und wurde teilweise durch Kontakte zu nationalsozialistischen Funktionären in Deutschland verstärkt. Das Deutsche Reich entwickelte sich damals zum wichtigsten Handelspartner Irans.

 

Radikale nationalistische Bewegungen im 20. Jahrhundert

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden im Iran eine Vielzahl nationalistischer Organisationen. Dazu gehörten unter anderem die „Pan-Iranist Party“, monarchistische Nationalisten und antiimperialistische Bewegungen um Mohammad Mossadegh. Diese Gruppen unterschieden sich stark voneinander. Während Mossadeghs Bewegung vor allem für nationale Souveränität und die Verstaatlichung der Ölindustrie kämpfte, vertraten andere Organisationen eine ethnisch definierte oder autoritäre Form des Nationalismus. In diesem Umfeld entstand auch eine der für uns interessantesten Bewegungen der iranischen Politikgeschichte: die Partei SUMKA.

 

Die Partei SUMKA

Die SUMKA (Hezb-e Sosiyalist-e Melli-ye Kargaran-e Iran – „Nationalsozialistische Arbeiterpartei Irans“) wurde 1951/1952 in Teheran vom iranischen Intellektuellen und Linguisten Davud Monshizadeh gegründet und orientierte sich offen am deutschen Nationalsozialismus. Ihre Programmatik umfasste einen radikalen iranischen Nationalismus, einen Pan-Iranismus mit der Forderung nach einem „Groß-Iran“ sowie einen ausgeprägten Antikommunismus und Antizionismus.

In ihrer Symbolik lehnte sich die Partei stark an die NSDAP an. Ihre Mitglieder trugen schwarze Uniformen, verwendeten nationalsozialistische Grußformen und nutzten eine Flagge mit einem stilisierten Faravahar-Symbol in einer Anordnung ähnlich der Hakenkreuzfahne. Darüber hinaus versuchte SUMKA organisatorisch eine ähnliche Struktur wie die der nationalsozialistischen Partei in Deutschland aufzubauen. Mit dem sogenannten Stoßtrupp verfügte die Partei über eine paramilitärische Einheit, die von einem ehemaligen Offizier der iranischen Luftwaffe ausgebildet wurde.

Während der 1930er Jahre waren enge wirtschaftliche und diplomatische Beziehungen zwischen Iran und dem nationalsozialistischen Deutschland entstanden. Diese Beziehungen führten dazu, dass nationalsozialistische Ideen bei einigen iranischen Nationalisten Aufmerksamkeit fanden.

Der Parteigründer Monshizadeh studierte in Europa und lebte ab 1937 mehrere Jahre in Deutschland. Monshizadeh wurde Mitglied der SA sowie der SS und arbeitete für nationalsozialistische Propagandainstitutionen. Unter anderem verfasste er 1940 mehrere Artikel für die Zeitung „Das Reich“. Während des Zweiten Weltkriegs nahm er an Kampfhandlungen teil und wurde in der Schlacht um Berlin verwundet. Während seiner Zeit in Deutschland entwickelte Monshizadeh eine starke ideologische Bindung an den Nationalsozialismus.

Nach dem Krieg kehrte er schließlich in den Iran zurück, wo Monshizadeh eine nationalsozialistisch inspirierte Bewegung aufzubauen versuchte. Doch die SUMKA blieb relativ klein, war aber in studentischen Milieus und im städtischen Kleinbürgertum sichtbar. Zu ihren Hochzeiten hatte die Partei rund 600 Mitglieder. Politisch spielte die Organisation demgemäß nur eine marginale Rolle. Dennoch zeigt die SUMKA, dass radikale und faschistische Varianten des Nationalismus auch im Iran existierten.

Die wohl einflussreichste Phase der SUMKA war die politische Krise um den iranischen Premierminister Mohammad Mosaddegh zwischen 1951 und 1953. Mosaddegh setzte 1951 die Verstaatlichung der iranischen Ölindustrie durch und geriet damit in Konflikt mit Großbritannien sowie Teilen der iranischen Elite. Die SUMKA positionierte sich klar gegen Mosaddegh und unterstützte die Kräfte um General Fazlollah Zahedi, die den Premierminister stürzen wollten. Während der politischen Krise kam es zu blutigen Straßenschlachten zwischen verschiedenen politischen Gruppen – darunter Kommunisten, Nationalisten, Monarchisten und SUMKA-Milizen. Die SUMKA beteiligte sich an Demonstrationen zugunsten des Schahs Mohammad Reza Pahlavi. Die Konflikte mündeten schließlich im iranischen Staatsstreich von 1953, bei dem Mosaddegh gestürzt wurde.

Es gibt Hinweise darauf, dass SUMKA nach dem Putsch von 1953 zeitweise von staatlichen Stellen unterstützt und als Instrument im politischen Machtkampf genutzt wurde. Verschiedenen Berichten zufolge erhielt die Bewegung finanzielle Zuwendungen von Polizei und Sicherheitsorganen. Auch Kontakte zu ausländischen Botschaften werden erwähnt. Manche Quellen vermuten sogar indirekte Finanzierung durch Geheimdienstoperationen im Kontext des Kalten Krieges.

Trotz ihrer militanten Präsenz blieb SUMKA politisch marginal. Mehrere Faktoren trugen zu ihrem baldigen Niedergang bei. Dazu gehörten interne Konflikte innerhalb der Partei, das Ausbleiben einer breiten gesellschaftlichen Unterstützung sowie die Kontrolle des politischen Systems durch die Monarchie. Hinzu kam die zunehmende Überwachung durch staatliche Sicherheitsdienste, die den Handlungsspielraum der Bewegung weiter einschränkte.

Der Parteigründer Monshizadeh verließ schließlich den Iran und ging nach Europa, wo er bis zu seinem Tod 1989 als Professor für iranische Sprachen an der Uppsala University in Schweden arbeitete. Damit endete praktisch die politische Geschichte der SUMKA. Die Partei verlor schnell an politischer Bedeutung. Unter der Herrschaft des Schahs wurden unabhängige Organisationen nicht mehr toleriert, sodass zahlreiche Mitglieder ins Ausland gingen oder sich anderen rechtsgerichteten Netzwerken anschlossen.

Faschistische Bewegungen waren im Iran nie politisch dominierend, sondern meist kleine, oftmals kurzlebige Gruppen am Rand der politischen Landschaft. Ein Teil der ideologischen Grundlagen für faschistische Bewegungen im Iran entstand bereits im frühen 20. Jahrhundert. Intellektuelle interpretierten die Geschichte des Irans als Teil einer „arischen“ Zivilisation, stellten die vorislamische persische Kultur als nationale Grundlage heraus und verbanden dies teilweise mit europäischen Rassentheorien.

Neben der SUMKA existierten im Iran mehrere andere radikal nationalistische Organisationen, die teilweise proto-faschistische Elemente aufwiesen. In den 1940er Jahren entstand die Pan-Iranist Party, deren Programmatik auf einem ethnisch geprägten iranischen Nationalismus, territorialen Ansprüchen auf iranischsprachige Regionen sowie einem ausgeprägten Antikommunismus basierte. Im Gegensatz zur SUMKA handelte es sich bei ihr jedoch nicht um eine offen nationalsozialistische Bewegung. Eine kleinere nationalistische Organisation war zudem die sogenannte Aria Party, die monarchistischen Nationalismus mit antikommunistischer Ideologie verband und teilweise im Umfeld staatlicher Sicherheitsstrukturen entstand.

Nach der Islamischen Revolution von 1979 verschwanden faschistische Parteien praktisch vollständig. Historisch betrachtet bleibt die SUMKA vor allem eine kuriose Randerscheinung, die zeigt, wie europäische faschistische Ideen in politische Kontexte anderer Länder übertragen wurden.

 

Nationalismus nach der Islamischen Revolution

Die Iranische Revolution von 1979 beendete die Monarchie und brachte die Islamische Republik Iran hervor. Die neue politische Ordnung beruhte offiziell auf religiöser Ideologie. Dennoch verschwand der Nationalismus nicht, sondern veränderte lediglich seine Form. Das nationale Selbstverständnis erhielt durch das Schiitentum eine deutlich stärkere religiöse Prägung, während andere ideologische Strömungen an Bedeutung verloren oder politisch marginalisiert wurden.

Das Regime verschränkte schiitisch-islamische Legitimation mit Elementen nationaler Identität, wobei traditionelle nationale Symboliken in einen religiösen Deutungsrahmen integriert wurden. Der Iran wurde als „von Gott bevorzugte Nation“ interpretiert und die Schia als Garant der Unabhängigkeit stilisiert. Die Führung der Islamischen Republik verband religiöse Legitimation mit patriotischer Rhetorik. Besonders im Kontext geopolitischer Konflikte wurde und wird der Widerstand gegen äußere Mächte als nationale Aufgabe gedeutet.

 

Nationalismus im heutigen Iran

Im 21. Jahrhundert lässt sich eine gewisse Wiederbelebung nationalistischer Diskurse im oppositionellen Spektrum beobachten. Sie äußert sich unter anderem in einer stärkeren Betonung der persischen, vorislamischen Geschichte, der Bezugnahme auf das „Ariertum“, der Kritik an ausländischer Einflussnahme, Debatten über ethnische Minderheiten und nostalgischen Monarchie-Bewegungen im Exil. Diese nationalistischen Strömungen werden durch keine Partei repräsentiert, sondern sind vor allem als regimeskeptisches kulturelles Milieu zu verstehen. Sofern überhaupt organisatorische Strukturen vorhanden sind, agieren deren Protagonisten im Untergrund oder im Exil. Daneben existieren kleine radikalnationalistische Netzwerke im Internet, die sich teilweise auf SUMKA beziehen. Diese Gruppierungen bleiben jedoch politisch marginal.

 

Land der Arier?

Der Name „Iran“ hat tatsächlich eine historische Verbindung zum Wort „Arier“. Das altpersische und avestische Wort „arya“ bedeutete ursprünglich „edel“, „frei“ oder „zu unserem Volk gehörend“. Daraus entwickelte sich der Ausdruck „Aryānām“, der ungefähr „Land der Arier“ bedeutet. Der Name „Iran“ leitet sich von diesem Begriff ab. In der Antike bezog sich „Arier“ jedoch nicht auf eine menschliche Rasse, sondern eher auf eine kulturelle und sprachliche Gemeinschaft indo-iranischer Völker. Diese ursprüngliche Bedeutung unterscheidet sich stark von der späteren europäischen, biologisch-rassischen Interpretation des Begriffs.

Die Verbindung zwischen Pan-Iranismus, Rassentheorien und der Idee einer „arischen“ Identität ist ein wichtiger, aber komplexer Teil der Ideengeschichte des modernen iranischen Nationalismus. Diese Verbindung entstand vor allem im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, als iranische Intellektuelle versuchten, eine moderne nationale Identität zu formulieren. Dabei wurden jedoch historische, linguistische und europäische rassentheoretische Konzepte miteinander vermischt.

 

Europäische Orientalistik und Rassentheorien im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert begannen europäische Sprachwissenschaftler, Ähnlichkeiten zwischen Sanskrit, Persisch, Griechisch und europäischen Sprachen zu untersuchen. Daraus entstand die Theorie der indoeuropäischen Sprachfamilie. Einige Forscher interpretierten diese sprachliche Verwandtschaft jedoch zunehmend auch als rassische Kategorie. Durch Übersetzungen rassentheoretischer Werke im Kontext der Hochschulbildung und über diplomatische Kontakte gelangten diese Ideen auch in den Iran.

 

Die Entstehung des modernen iranischen Nationalismus

Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert befand sich der Iran in einer tiefen politischen Krise. Diese war unter anderem durch eine wirtschaftliche Abhängigkeit von Russland und Großbritannien, eine schwache Zentralregierung sowie durch militärische Niederlagen geprägt. Vor diesem Hintergrund suchten iranische Intellektuelle nach einer neuen nationalen Identität, die das Land modernisieren und politisch stärken sollte.

Dabei entwickelten sich mehrere zentrale Ideen. Dazu gehörten die verstärkte Betonung der vorislamischen persischen Geschichte, die Darstellung Irans als Teil einer großen arischen Zivilisation sowie eine bewusste Abgrenzung gegenüber arabischem kulturellem Einfluss. Besonders die Rückbesinnung auf die Reiche der Achämeniden und Sassaniden wurde zu einem wichtigen Bestandteil nationalistischer Ideen.

 

Der Pan-Iranismus

Der Pan-Iranismus entwickelte sich in den 1930er und 1940er Jahren zu einer politischen Ideologie. Zentraler Gedanke dieser Strömung war, dass alle iranischen Völker eine gemeinsame historische und kulturelle Einheit bilden. Dazu gehören unter anderem Perser, Kurden, Belutschen, Tadschiken und Paschtunen. Pan-Iranisten vertraten die Auffassung, dass diese Gruppen ursprünglich Teil einer übergreifenden „iranischen Zivilisation“ gewesen seien. Auf dieser Grundlage forderten sie eine stärkere politische und kulturelle Verbindung dieser Regionen.

 

Verbindung zum „arischen“ Diskurs

Der Pan-Iranismus griff häufig auf die Idee einer „arischen Herkunft“ zurück und verband dabei verschiedene Argumentationslinien. Linguistisch wurde darauf verwiesen, dass iranische Sprachen zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehören. Einige Pan-Iranisten deuteten dies als Beleg für eine gemeinsame „arische Abstammung“. Historisch wurden die Reiche der Achämeniden und Sassaniden als Höhepunkt einer vergangenen arischen Zivilisation dargestellt. Politisch diente die Betonung einer arischen Identität auch der Abgrenzung gegenüber anderen regionalen Mächten, insbesondere gegenüber arabischen kulturellen Einflüssen sowie der osmanischen und später türkischen Machtpolitik.

 

Einfluss Europas und Deutschlands

In den 1930er Jahren entwickelte der Iran enge Beziehungen zum Dritten Reich. Deutschland wurde dabei zum wichtigsten Handelspartner Irans und präsentierte sich zugleich als Gegenpol zum Einfluss Großbritanniens und der Sowjetunion. Diese engen Kontakte führten zu einem verstärkten Austausch von Ideen, insbesondere in den Bereichen Nationalismus, „arische“ Identität und autoritäre Staatsmodelle. Die iranische Regierung unter Reza Shah übernahm teilweise ähnliche Symbolik, etwa die gezielte Betonung einer glorreichen vorislamischen Vergangenheit. Eine vollständige Übernahme der nationalsozialistischen Ideologie erfolgte jedoch nicht.

Einige politische Gruppen gingen jedoch weiter und interpretierten den arischen Diskurs im Sinne europäischer Rassentheorien. Ein Beispiel dafür ist die oben thematisierte Partei SUMKA, die offen nationalsozialistische Ideen übernahm. Verschiedene iranische Intellektuelle übten wiederum Kritik an der rassischen Deutung des Begriffs „Arier“. Sie argumentierten, dass dessen ursprüngliche Bedeutung kulturell und sprachlich, nicht biologisch sei und wiesen darauf hin, dass der Iran schon historisch ein multiethnisches Reich gewesen sei.

 

Der Iran heute

Im heutigen Iran spielt der Begriff der „arischen Herkunft“ weiterhin eine Rolle im kulturellen Diskurs, jedoch weitgehend ohne Bezug auf biologische Rassentheorien. Er wird häufig genutzt, um die historische Kontinuität der iranischen Zivilisation zu betonen, kulturellen Stolz auszudrücken und die vorislamische Geschichte hervorzuheben. Politisch dominierend ist dagegen vor allem eine Kombination aus religiöser Ideologie, staatlichem Patriotismus und kulturellem Nationalismus.

 

Quo vadis, Iran?

Aktuell erscheinen radikal-nationalistische Gruppierungen zu schwach, um eine realistische Chance auf eine Machtübernahme zu haben. Schlagkräftige nationalistische Organisationen, die tatsächlich relevant sind, existieren im Iran nicht, geschweige denn, dass diese im Falle eines Sturzes des Mullah-Regimes die Machtfrage stellen könnten. Ein dritter, radikal-nationalistisch geprägter Weg zwischen Mullah-Diktatur und US-Bindung ist letztlich nur theoretisch denkbar. Um ein wirklich realistisches Szenario handelt es sich leider nicht.

Aus europäischer Sicht bleibt nur, darauf zu hoffen, dass nach einem möglichen Sturz der Mullah-Theokratie eine proeuropäische iranische Regierung das Ruder übernimmt, die die Gefahr wirtschaftlicher Schäden infolge einer etwaigen Ölblockade in der Straße von Hormus abwendet. Das ist ein Szenario, das auch aus nationalrevolutionärer Sicht als das kleinste Übel wünschenswert erscheint. Jedenfalls ist es nicht sinnvoll, es weiten Teilen des nationalen Lagers in der BRD gleichzutun und aufgrund eines antiamerikanischen Beißreflexes auf einen Sieg der Mullahs zu hoffen. Umgekehrt ist es ebenso sinnfrei, sich jenen prozionistischen Teilen des europäischen nationalen Lagers anzuschließen, die aufgrund antiislamischer Ressentiments Trump und Netanjahu applaudieren und darauf setzen, dass der Iran zu einem israelisch-amerikanischen Marionettenstaat wird.

1 Kommentar

  • III.) Eine mögliche nationale Nachfolgeregierung (egal ob demokr. legitim oder durch Putsch) kann ich mir beim Thema Iran jetzt nicht so richtig vorstellen. Unabhängig davon, ob deren nat. Parteien sich ideologisch säkular oder politisch sakral verkaufen (z.b. Nationalkatholizismus Francisco Franco). Denke eher, dass im Falle eines Sturzes dort erstmal unsichere Zeiten oder gar Bürgerkrieg anstehen dürften oder alternativ eben die klass. U.S. Marionettenregierung.

    Lisa Drexler 15.03.2026
  • II.) Die Spielregeln im Iran sind zwar unmissverständlich sakral (wie z.b. Kleiderordnung oder islam. Sittentum für Mann und Frau in der Öffentlichkeit), jedoch wird dies von großen Teilen der Bevölkerung allenfalls noch widerwillig befolgt (ähnlich wie bei uns die Maskenpflicht während der hysterischen Coronazeit). So oder so, für die islam. Betonköpfe sind die Zeiten dicker Zustimmung schon lange gezählt. Also bittere Zeiten auch beim Thema Iran für unsere links-grüne Schickeria.

    Lisa Drexler 15.03.2026
  • I.) Islam. rep. Iran = Theokratie ohne Volk. Hauptproblem der Mullahs sind nicht ihre äußeren Feinde, sondern ihre eigene Bevölkerung, welche gerade eine Transformation durchmacht. Die iran. Bevölkerung ist längst säkular geworden und kann mit ihrer eigenen Führung eigentlich nichts mehr anfangen. Zahl der Moscheebesuche ist dort stark rückläufig und in Folge dessen ist deren Geburtenrate auch unter die Bestandserhaltung gefallen (knapp 1,7 Kinder pro Frau).

    Lisa Drexler 15.03.2026