
Letzten Freitag war ich besonders verärgert über einen jungen Mann, rotblond und ordentlich angezogen, der ziemlich offensiv seinen „Straßenfeger“ in der S-Bahn feilbot, obwohl es gedrängt voll war. Als er direkt neben mir stand, sprach ich den Typen an und fragte ihn, ob er noch nie von einer Einrichtung namens „Grundsicherung“ gehört hat, wo jeder Mittellose eine monatliche Zahlung in Höhe des Hartz-4-Satzes erhält, damit er Essen und Miete bezahlen kann. Ich erzählte ihm, daß ich selber eine Zeitlang von der „Grundsicherung“ gelebt hätte, und daß man bei bescheidenen Ansprüchen einigermaßen über die Runden kommt. „Jedenfalls muß man nicht in der Stadt herumlaufen und die Leute anbetteln“, schloß ich.
Überraschenderweise reagierte der Obdachlose nicht verärgert, sondern erklärte ganz ruhig, daß ihm die „Grundsicherung“ und das „Hartz-4“ sehr wohl bekannt sind, aber daß man davon nicht die Miete bezahlen kann, weil es solche billigen Wohnungen zumindest in Berlin nicht mehr gibt. „Auch nicht in Marzahn und Hellersdorf?“ fragte ich nach. „Das ist vorbei“, lautete die Antwort, „vor ein paar Jahren gab es da noch billige Wohnungen, aber jetzt sind die vielen Flüchtlinge gekommen, und die Deutschen bekommen überhaupt keine Wohnung mehr.“
Nun erwartete ich wütenden Protest von Fahrgästen, die das Gespräch mitgehört hatten, aber alles schwieg betreten. Zwar kann ich die Aussage schwer nachprüfen, da die Verantwortlichen nicht zugeben würden, wenn sich die Lage so verhält. Man müßte schon selbst anfangen, eine Wohnung zu suchen, und da bin ich froh, daß ich vor fünf Jahren eine gefunden habe. Doch fest steht wohl, daß sich in den letzten beiden Jahren die Stimmung unter den Bedürftigen oder überhaupt Geringverdienern sehr geändert hat. Herrschte bis dahin der Eindruck vor, daß man „einigermaßen über die Runden kommt“, so ist inzwischen die pure Angst ausgebrochen. Und man weiß auch, wer die Urheber dieser Ängste sind.













