Volkscharakter und Muttersprache
Anhand der vergleichenden Sprachuntersuchung ist es durchaus möglich in gewisser Weise Volkscharaktere zu unterscheiden, so wie dies allgemein üblich ist, wenn von der Mentalität eines Volkes die Rede ist. Allerdings sind solche Vergleiche heutzutage nicht erwünscht, weshalb an dieser Stelle wieder auf Wilhelm von Humboldt zurückzugreifen ist. Es handelt sich zwar nur um einige Bruchstücke, wodurch jedoch die Behauptung der Identität von Volk und Sprache beispielhaft untermauert wird.
„Der Sinn der Griechen ging vorzugsweise auf das, was die Dinge sind und wie sie erscheinen, nicht auf dasjenige hin, wofür sie im Gebrauche der Wirklichkeit gelten. Ihre Richtung war daher ursprünglich eine innere und intellektuelle. Dies beweist ihr ganzes Privat- und öffentliches Leben, […]. [21]
Wenn in dem griechischen Formengewand […] eine mehr gereifte, intellektuelle Tendenz liegt, so entspringt sie wahrhaft aus dem der Nation innewohnenden Sinne für schnelle, feine und scharf gesonderte Gedankenentwicklung. [22]
Die deutsche höhere Bildung dagegen hat unsere Sprache schon auf einem Punkte der Abschleifung und der Abstumpfung bedeutsamer Laute gefunden, so daß bei uns geringere Hinneigung zu sinnlicher Anschaulichkeit und größeres Zurückziehen auf die Empfindung allerdings auch darin ihren Grund gehabt haben kann. […] [22]
So wie die Griechen mehr geneigt sind, die äußere Anschauung zu individualisieren, individualisieren wir mehr die innere Empfindung. [23]
Man denke hierbei z.B. an die typische Ausformung der deutschen Romantik.
[…] In der römischen Sprache ist sehr üppige Lautfülle und große Freiheit der Phantasie über die Lautformung nie ausgegossen gewesen; der männlichere, ernstere und viel mehr auf die Wirklichkeit und auf den unmittelbar in ihr gültigen Teil des Intellektuellen gerichtete Sinn des Volkes gestattete wohl kein so üppiges und freies Aufsprießen der Laute. [22]
[…] Im Chinesischen scheint es mehr an der dem Volke mangelnden Neigung zu liegen, dem Laute phantasiereiche Mannigfaltigkeit und die Harmonie befördernde Abwechslung zu geben […] [24]
[…] In den semitischen Sprachen dagegen ist vielleicht das Zusammentreffen des organischen Unterscheidens einer reichen Mannigfaltigkeit von Lauten und eines zum Teil durch die Art dieser Laute motivierten feinen Artikulationsvermögens der Grund, daß diese Sprachen weit mehr eine künstliche und sinnreiche Lautform besitzen als sie sogar notwendige und hauptsächliche grammatische Begriffe mit Klarheit und Bestimmtheit unterscheiden. [24]
[…] In dem Verfahren der delawarischen Wortbildung liegt sichtbar die Neigung der Seele, die im Gedanken verbundenen Begriffe, statt ihr dieselben einzeln zuzuzählen, auf einmal, und auch durch den Laut verbunden, vorzulegen. Es ist eine malerische Behandlung der Sprache. […]“ [25]
Zwar lassen sich die erstgenannten Sprachen, also griechisch, deutsch und römisch, genauso wie Sanskrit, auf eine gemeinsame Sprachwurzel zurückführen, womit auch eine rassische Verwandtschaft einhergehen muß, dennoch hat jede Sprachgemeinschaft ihren wesensgemäßen eigenen Ausdruck, Klang und Form gefunden.
Zweisprachigkeit
Menschen, die zweisprachig aufwachsen, werden mit zwei mehr oder weniger verschiedenen Lebenserfahrungen oder Weltanschauungen konfrontiert. Es ist fraglich inwieweit sie diese in sich unterscheiden oder trennen können. Wissenschaftlichen Untersuchungen zu Folge nehmen Sprachtiefe und Trennschärfe ab, während sich grammatikalische Feinheiten mehr einprägen. Angesichts des Vorteils, eine Zweitsprache nahezu ohne Lernaufwand sprechen zu können und eingedenk der ohnedies allenthalben vorherrschenden Oberflächlichkeit mögen viele diese Form der Zweisprachigkeit günstig bewerten.
Allerdings liegen Ergebnisse aus der Gehirnforschung vor, die aufhorchen lassen. An der Cornell Universität im Staate New York wurden die Gehirnaktivitäten so genannter früher und später Zweisprachler untersucht. „Die frühen Zweisprachler lernten ihre Sprache von Geburt an, die späten erwarben die zweite Sprache ab einem Alter von etwa elf Jahren und hatten danach längere Zeit im Land der Zweitsprache gelebt“. [26]
Beim abwechselnden Erzählen in beiden Sprachen beobachteten die Forscher im so genannten Broca-Areal, gewissermaßen dem Sprechzentrum, Folgendes:
„Die Spätlerner aktivierten dort für jede Sprache je ein Nervenzell-Netz. Die Frühlerner dagegen mobilisierten immer dasselbe Netz!“ [26]
In Basel wurden später Menschen untersucht, die drei Sprachen sehr gut beherrschten. Die dritte Sprache war bei beiden Gruppen, den frühen Zweisprachlern und den späten Zweisprachlern, jeweils ungefähr ab dem neunten Lebensjahr erlernt worden. Bei den Spätlernern fiel das Ergebnis aus, wie erwartet: für die dritte Sprache hatte sich wieder ein eigenes, nahezu separates Netzwerk gebildet. Bei den frühen Zweisprachlern war man jedoch überrascht, denn auch ihre dritte Fremdsprache wurde in das bereits bestehende zweisprachige Netz im Broca-Areal eingegliedert. [26]
Was bedeutet das nun? Vereinfacht ausgedrückt läßt sich aus diesen Untersuchungen der Rückschluß ziehen, daß bei den Spätlernern mit verschiedenen Sprachnetzen jeder Sprache, vor allem natürlich der Muttersprache, ein eigenes Netz und damit tatsächlich eine eigene Identität zukommt! Diese Übereinstimmung von örtlich klar abgegrenzter Gehirnaktivität und Eigenständigkeit der Sprache, letztlich Identität von Sprache und Mensch bzw. Volk, ist offensichtlich; sie ist in höchstem Maße beeindruckend!
Bei den frühen oder echten Zweisprachlern scheint es hingegen keine eigenständige, auf eine Sprache zurückzuführende Identität zu geben. Möglicherweise würde sich aus der Vermischung eine neue Identität ausbilden, die jedoch keinen gemeinschaftlichen Bezug und keine Verbindlichkeit der Werte besäße; schließlich gibt es, zumindest zunächst, keine zugehörige, gewachsene Sprachgemeinschaft.
Die Grenze zwischen echter Zweisprachigkeit und später Zweisprachigkeit liegt ungefähr bei 3 bis 4 Jahren, spätestens jedoch bei rund 5 bis 6 Jahren.
Seit annähernd 10 Jahren streitet man an den deutschen Universitäten darum, ob und inwieweit die verschiedenen Unterrichtseinheiten, Vorlesungen, Seminare, Übungen und natürlich auch die Prüfungen anstatt in Deutsch künftig in Englisch abgehalten werden sollen. Schließlich, so die Befürworter des englischen Unterrichtens, gehe es um die Fähigkeit international mithalten zu können.
An vielen Universitäten wurden bereits entsprechende Programme ins Leben gerufen. So beginnt an einer bedeutenden deutschen Universität das Bauingenieurstudium im ersten Semester vollständig in Englisch, das zweite Semester findet gemischtsprachig statt, und im dritten Semester wird ausschließlich Deutsch gesprochen.
Auf diese Weise könnten sich ausländische Studenten besser in unserem Studium zurechtfinden. Und dann kommt´s: Schließlich gingen die deutschen Studentenzahlen langsam zurück und man müsse, um die Studentenzahlen insgesamt hochhalten zu können, den ausländischen Studenten entgegenkommen. Hier haben Unwissenheit und Selbstverleugnung Struktur. Was dies für die Qualität deutscher Wissenschaft und Forschung bedeutet, mag man sich nur düster vorstellen. Dabei genossen deutsche Meister und Techniker, Ingenieure und Wissenschaftler weltweit einen herausragenden Ruf!
Selbstverständlich sollten deutsche Menschen auch Fremdsprachen beherrschen; schließlich müssen wir Deutsche uns tatsächlich weltweit behaupten. Das heißt aber nicht, daß wir uns von anderen vorschreiben lassen, wie wir zu denken haben; geschweige denn die englische Weltansicht zu übernehmen hätten! Ein ausländischer Wissenschaftler, der in Deutschland studiert und promoviert hatte, meinte einmal zu diesem Thema: „Ich bin doch nicht deswegen nach Deutschland gekommen um mir von deutschen Professoren in schlechtem Englisch Vorlesungen anhören zu müssen!“
Schlußbemerkung
Wir dürfen uns alle darüber freuen, Deutsch als Muttersprache in uns zu tragen. Schließlich genießen deutsche Denker und Forscher, die mit dieser Sprache Höchstleistungen erbracht haben bis zum heutigen Tage weltweit ein herausragendes Ansehen.
Denken wir an Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich von Schiller, an die Brüder Alexander und Wilhelm von Humboldt, an Immanuel Kant, Gottfried Wilhelm Leibnitz und Friedrich Nietzsche, an Otto von Bismarck und an die Forscher Nikolaus Kopernikus, Johannes Kepler, Gregor Mendel, Werner Heisenberg und Konrad Lorenz. Vergessen wir auch nicht die sprachlosen Künste: Albrecht Dürer, Caspar David Friedrich, Arno Breker sowie Johann Sebastian Bach, Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven, Richard Wagner.
Blicken wir geschichtlich noch ein wenig weiter zurück und erinnern wir uns des ´Wunders der Liechtensteinhöhle´. In dieser Höhle in Thüringen fand man vor wenigen Jahren eine ganze Sippe mumifizierter Leichen. Bei der Untersuchung des Erbgutes dieser rund 3.200 Jahre alten Menschen wurde eine unmittelbare Verwandtschaft zu zwei heute in dieser Umgebung lebenden Männern festgestellt. [27] Damit ist der geschichtlich-völkische Zusammenhang über einen Zeitraum von über 3000 Jahren eindeutig und unwiderlegbar hergestellt. Und sprachlich?
Die junge Sprachwissenschaftlerin Kristin Kopf schreibt dazu in ihrem 2014 veröffentlichten Buch „Das kleine Etymologicum – Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache“:
„Die deutsche Sprache ist gar nicht so alt, wie man denken möchte – und gleichzeitig viel älter! Woher kommt dieser Widerspruch? Es gab schon vor langer Zeit eine Sprachform, die aus wissenschaftlicher Sicht hinreichende Ähnlichkeit aufweist, um als Vorstufe unserer Sprache gelten zu dürfen – das Deutsche ist demnach gut 1500 Jahre alt.“ [28]
Germanische bzw. frühgermanische Sprachwurzeln sind ihrer Ansicht nach bei manchen Wörtern z. B. dem deutschen Wort „voll“ mindestens 4.500 Jahre zurückzuverfolgen, „voll“ lautete damals „pel“. [29]
Die so genannte indo-germanische Sprachstufe läßt sich mindestens 7000 Jahre weit zurückverfolgen. Und mit Prof. Schröcke können wir ergänzend hinzufügen:
„Aus der Linguistik folgt die Entwicklung des Ur-Indogermanischen ab etwa 10.000 v. d. Ztr., des Alt-Indogermanischen ab etwa 5.000 – 4.000 v. d. Ztr..
/…/ Die Anthropologie gestattet es, die Indogermanen weiter zurück bis in das Aurignac in der Altsteinzeit (40.000 Jahre) auf Populationen zu verfolgen, die in ihrer Variationsbreite die Typen Combe Capelle und Cro-Magnon enthielten.“ [30]
Kann nun aus der Identität von Volk und Sprache abgeleitet werden, daß unser Volk und unsere Sprache über 10.000 oder gar über 40.000 Jahre alt sind? Nein und Ja. Denn trotz mancher Lücken und fehlender Beweise ist Prof. Schröcke überzeugt:
„Das deutsche Volk ist das einzige größere, zudem in der alten Urheimat der Indogermanen verbliebene Volk der Indogermanen, das bis 1945 weitgehend unzerstört erhalten blieb.“ [31]
Diese anthropologisch-geschichtlich herausragende Stellung des Deutschen Volkes sollte unser Bewußtsein für unsere völkische und sprachliche Identität schärfen. Sie darf uns dann auch stolz seinlassen und zwar in diesem Sinne:
„Stolz auf die Leistungen unserer Ahnen dürfen wir nur sein, so lange diese sich unser nicht zu schämen brauchen.“
Somit sind wir alle aufgerufen nicht nur den Wortschatz unseres Volkes in uns wieder zum Leben zu erwecken oder zu bewahren, sondern das Wort, unsere deutsche Sprache als wertvollen Schatz in uns zu ergründen; unsere Muttersprache glücklich in uns zu spüren; zu fühlen wie sie in uns pulst und lebt, und wie sie uns stärkt. Denn sie ist in uns, und wir sind in ihr.
Das Sprechen ist menschlich und daher allgemein – Die Sprache ist völkisch und einzigartig!
Das höchste Gut des Mannes ist sein Volk,
Das höchste Gut des Volkes ist sein Recht;
Des Volkes Seele lebt in seiner Sprache;
Dem Volk, dem Recht und unserer Sprache treu
fand uns der Tag, wird jeder Tag uns finden. (Felix Dahn)
Schrifttum:
[21] /WvH/ siehe 7), S. 211
[22] /WvH/ siehe 7), S. 220/1
[23] /WvH/ siehe 7), S. 214
[24] /WvH/ siehe 7), S. 87/8
[25] /WvH/ siehe 7), S. 319
[26] Gehirn & Geist, 2/2003, S. 48/9
[27] Archäologie in Deutschland 6/2008, S.34 ff
[28] Kopf, Kristin; Das kleine Etymologicum – Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache, 2014, S. 14
[29] Kopf, Kristin; Das kleine Etymologicum – Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Sprache, 2014, S. 45
[30] Schröcke, Helmut; Die Vorgeschichte des deutschen Volkes, 2009, S. 21/31
[31] Schröcke, Helmut; Die Vorgeschichte des deutschen Volkes, 2009, S. 31
Quelle: Huttenbriefe 2016 Folge 4 – 5
Friedrich Strobl














